"Failurtschka" nannte Gary Shteyngarts Mutter ihren Sohn in einer Mischung aus Russisch und Englisch: "Kleiner Versager". So heißt deshalb Shteyngarts autobiografisches Buch, das jetzt auf Deutsch herauskommt (Rowohlt Verlag, 22,95 €). Der 1972 geborene Autor zieht darin Bilanz über sein Leben bisher, seine Kindheit im sowjetischen Leningrad und die Schrecken und Wunder der Migration in die USA im Alter von sechs Jahren. Dort wird aus Shteyngart kein Arzt oder Anwalt, wie es sich seine Eltern erträumten, sondern Schriftsteller. Die Zukunftssatire "Super Sad True Love Story" hat ihn 2010 endgültig bekannt gemacht. Shteyngart lebt teils auf dem Land "upstate New York", teils in Manhattan. Wo wir uns an einem grellsonnigen Tag in einem Bistro an der Bowery treffen. Die Aussicht auf ein Mittagessen macht ihn sichtlich froh. Man kann es nicht anders sagen: Dies ist ein Mann in den besten Jahren. Da drängt sich eine Frage auf.

DIE ZEIT: Mr. Shteyngart, Sie haben Ihre Memoiren geschrieben. Sind Sie dafür nicht ein bisschen jung?

Gary Shteyngart: Ich bin 42, und russische Männer leben nicht sehr lang. Es wurde Zeit. Ich hatte schon drei Romane über Motive aus meiner russischen Vergangenheit geschrieben und wollte etwas Endgültiges über meine Kindheit sagen.

ZEIT: Schließt man mit der eigenen Geschichte je wirklich ab?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Shteyngart: Ich schreibe jedenfalls nie wieder Memoiren. Es war so hart! Vorher hatte ich mich der Wahrheit immer nur genähert, aber hier musste ich schreiben, wie es wirklich war. Ich habe getan, was ich konnte, um mich zu erinnern. Ich weiß noch viel aus meiner frühen Kindheit, aber seitdem ich als Teenager angefangen habe, Gras zu rauchen, wurde mein Gedächtnis schlechter. Ich musste viel recherchieren und Menschen aus meiner Vergangenheit treffen. Es war irre, mit denen über Geschichten zu reden, von denen ich glaubte, sie seien uns passiert. Wie wir einen Zug in die Bronx gekapert haben zum Beispiel. Stellte sich heraus: ist nie wirklich passiert. Es muss ein Film gewesen sein. Auf die Art habe ich Freunde wiedergefunden, die ich vergessen hatte.

ZEIT: Vor allem schreiben Sie über Ihre Beziehung zu Ihren Eltern. Weil Sie selbst Vater geworden sind?

Shteyngart: Ja, natürlich. Ich wollte nie ein Kind, ich dachte, das wird ein Desaster. Aber es hat mir geholfen, mich in die Perspektive meiner Eltern hineinzudenken. Man bekommt ihre Haltung ja sowieso ab, genetisch oder wie auch immer.

ZEIT: Es ist berührend, wie Sie sich Ihren Eltern annähern. Es gehört ja zu den Erfahrungen der Migration, dass Eltern und Kinder sich in gewisser Weise fremd werden, wenn die Kinder in dem neuen Land in ein ganz anderes Leben hineinwachsen.

Shteyngart: Meine Eltern hatten ein viel härteres Leben als ich. Ich kenne viele Geschichten darüber, wie es war, vor den Bomben der Luftwaffe zu fliehen, und wie, als mein Vater drei Jahre alt war, sein bester Freund gestorben ist. Dann kam sein Vater um. Solche Erfahrungen musste ich nie machen. Das ist ein Unterschied, den man respektieren muss. In meinem Buch geht es darum, dass man von solchen Erlebnissen nicht genesen kann. Du ziehst nach Amerika, in irgendeinen fetten Vorort, es geht dir gut. Aber du schaffst es nie, ein Amerikaner zu werden. Ein Teil von dir bleibt zurück.

ZEIT: Haben Sie das als kleiner Junge verstanden?

Shteyngart: Für ein Kind schafft das eine Dissonanz. Man fragt sich: Was sind meine Eltern eigentlich für Leute, und warum können sie nicht sein wie andere Leute? Darüber habe ich Jahrzehnte nachgedacht.

ZEIT: Werden Ihre Eltern Kleiner Versager lesen?

Shteyngart: Nein, sie können nicht so gut Englisch, und dieses Buch wird nicht ins Russische übersetzt. Anders als meine anderen Bücher. Sie sind sowieso nie glücklich über das, was ich schreibe. Ein Ozean der Meinungsverschiedenheiten liegt zwischen uns.

ZEIT: Was wird erst Ihr Kind einmal aus Ihrer Migrationsgeschichte machen?

Shteyngart: Seine Mutter ist koreanisch, ich bin Russe. In der Gegend von New York ist so etwas typisch, es bestimmt seine Realität gar nicht so sehr. Wahrscheinlicher ist, dass er mich einmal fragt: Papa, warum sind wir die einzigen Leute in meiner Schule, die keinen Helikopter haben? Dann muss ich sagen: Weil Papa Schriftsteller ist. Es ist toll, ihn aufwachsen zu sehen! Er ist nicht wie ich. Ich hatte als Kind vor allem Angst. Er ist sehr fröhlich. Ein dickes, fettes amerikanisches Kind.

ZEIT: Das Amerika, in dem er aufwächst, hat aber nicht mehr viel vom alten amerikanischen Traum.

Shteyngart: Es wird ein viel unbedeutenderes Land. Der Wohlstand und unsere Rolle in der Welt sind nicht mehr so wie früher. Es wird nicht traumhaft. Aber er wird einen leichteren Start haben als ich. Ich arbeite hart, um sicherzugehen, dass er nicht arm wird. Die Leute in Amerika hassen arme Menschen. Es ist überall schlimm, arm zu sein, aber hier giltst du als Verlierer. Es wird als Sünde angesehen, arm zu sein.