Ein Farmer verteilt Chemikalien auf seinem Weizenfeld. © Remy Gabalda/AFP/Getty Images

Glyphosat, das am häufigsten eingesetzte und wohl umstrittenste Unkrautvernichtungsmittel der Welt, könnte Krebs erzeugen: Mit diesem Urteil stellen sich Forscher der Weltgesundheitsorganisation gegen die Gutachter einer deutschen Behörde – und gegen die Agroindustrie. Ihr Streit ist hoch brisant, denn gerade wird über die Zukunft des Herbizids entschieden und damit über die Landwirtschaft in Europa. Im Juli erscheint eine lang erwartete Studie ...

1. Wie begann der Konflikt?

Im März schockierte die IARC, die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Öffentlichkeit: Sie stuft das Herbizid Glyphosat als "wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen" ein. Ein schlimmer Verdacht – und ein heikles Timing. Denn die Zulassung des Unkrautkillers in der EU läuft Ende dieses Jahres aus. Ein Wiederbewilligungsverfahren ist in vollem Gang. Alle Fäden laufen beim deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin zusammen, weil Deutschland in diesem Verfahren der federführende "Berichterstatter" ist. Die Berliner aber meldeten an die zuständige EU-Behörde EFSA: nicht krebserzeugend. Wer recht hat? Gespannt erwartet wird die ausführliche wissenschaftliche Begründung der IARC-Einschätzung. Bislang hatte das Gremium mit Sitz in Lyon nur eine Kurzfassung in der Fachzeitschrift The Lancet publiziert. Im Lauf des Julis soll nun das Gesamtwerk folgen.

2. Die Rolle des Bundesinstituts?

Ausgang der Kontroverse sind unterschiedliche Datengrundlagen. So stützt sich das BfR bei seiner Beurteilung der Giftigkeit unter anderem auf Studien, die von der Glyphosate Task Force (GTF) vorausgewählt wurden. Die GTF ist ein Zusammenschluss von Agrarchemiefirmen wie Monsanto Europe, Syngenta und Dow. Sie gaben dem BfR nicht nur Zusammenfassungen wissenschaftlicher Fachpublikationen, sondern auch teils unter Verschluss gehaltene Auftragsstudien. Den Vorwurf, auf diesem Weg von der Industrie beeinflusst worden zu sein, weisen die BfR-Gutachter zurück: Sämtliche zugrunde liegenden Quellen seien unabhängig geprüft und bewertet worden. Darunter seien auch Studien und Kommentare gewesen, die Bürger, Wissenschaftler und NGOs einreichen konnten. "Inwieweit diese Beiträge berücksichtigt wurden, ist bisher unklar", sagt allerdings Peter Clausing, Toxikologe beim Pestizid Aktionsnetzwerk Germany, einer industriekritischen Nichtregierungsorganisation.

Die Krebsforscher der WHO hätten dagegen ausschließlich publizierte Untersuchungen berücksichtigt, erklärt der Leiter ihres Prüfungsgremiums, Kurt Straif. "Nicht öffentlich zugängliche Industriestudien zieht die IARC bewusst nicht hinzu." Just deshalb wirft die GTF der IARC "Rosinenpickerei" vor. Straif im Gegenzug: Zahlreiche Studien, welche die IARC als relevant betrachte, seien "vom BfR offensichtlich bislang nicht berücksichtigt worden".

3. Was bedeutet "wahrscheinlich"?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

"Wahrscheinlich krebserzeugend" (im Jargon der IARC die "Beurteilungskategorie 2A") heißt nicht, dass ein Wirkzusammenhang gewiss ist. Aber Straif betont: "Es gibt genügend stichhaltige Hinweise auf genotoxische Wirkungen" – also Schädigungen des Erbguts, die krebserzeugende Prozesse auslösen können. Holger Ophoff von Monsanto Deutschland kommentiert die vorläufige IARC-Bewertung von Glyphosat, in dem er auf den Unterschied zwischen dem Gefahrenpotenzial und dem konkreten Risiko verweist: "Ich ziehe eine andere IARC-Einstufung heran: Sonnenbaden – auch zu lange Sonnenbäder können Krebs verursachen. Deswegen hat ja noch niemand die Sonne abgeschaltet! Die Dosis macht das Gift."

Doch glaubt man Krebsforscher Straif, dann hinkt der Vergleich. Die beobachteten genotoxischen Wirkungen könnten "auch bei niedrigsten Dosen" eintreten, sagt er. Dass ein Grenzwert für das Herbizid Sicherheit biete, sei darum nicht plausibel. Es sei nun Sache der europäischen und nationalen Behörden, die Zulassung von Glyphosat und mögliche Einschränkungen neu zu prüfen. Über das Risiko müsse letztlich politisch entschieden werden.