DIE ZEIT: Herr Casper, Sie waren 50 Jahre lang in den USA, unter anderem als Präsident von Stanford. Nun kehren Sie nach Deutschland zurück, leiten die American Academy in Berlin. Haben Sie das deutsche Hochschulsystem wiedererkannt?

Gerhard Casper: Obwohl ich Deutschland in den letzten 50 Jahren häufig besucht habe, bleibe ich erstaunt, wie wenig sich seit meiner Studienzeit an den Grundstrukturen geändert hat. Die Hierarchien sind geblieben. Die Fakultäten bestimmen fast alles. Innerhalb der Universitäten gibt es viele Institute, deren Wände schwer zu überwinden sind. Auch in den Vorlesungen sitzen noch häufig Hunderte Studenten. Gewandelt hat sich, dass nicht mehr alle Universitäten den gleichen Rang haben. Die Exzellenzinitiative hat in dieser Hinsicht zu Wettbewerb geführt – das finde ich sehr gut.

ZEIT: Sie haben in den fünfziger Jahren angefangen zu studieren. Ist es nicht erschütternd, dass sich die Unis seitdem kaum weiterentwickelt haben? Trotz 1968, Bildungsexpansion und Bologna-Reform!

Casper: Betrüblich, vielleicht. Erschütternd finde ich nur, dass viele Länderministerien noch immer auf Kontrolle bestehen. Ich sah mir neulich das Hamburger Universitätsgesetz an – die Regulierungen gehen bis in die kleinsten Details.

ZEIT: Wie würden Sie das ändern?

Casper: Ich würde alle Universitäten in Stiftungsuniversitäten umwandeln, das würde sie der staatlichen Einmischung entziehen und sie wettbewerbsfähiger machen. Der Wettbewerb sollte keine Grenze haben. Warum soll es nicht zehn verschiedene Typen von Hochschulen geben? Was immer auf dem Markt überlebt, sollte man zulassen. Die Akkreditierung sichert die Qualität.

ZEIT: Welche Reform für den Universitätsalltag würden Sie als Erstes angehen?

Casper: Eine meiner wichtigsten Maßnahmen in Stanford war, dass Studenten vom ersten Semester an Zugang zur Forschung bekommen. Alle Erst- und Zweitsemester können in Stanford ein Forschungsseminar mit nur 14 Teilnehmern besuchen. Auch kann sich jeder Bachelorstudent um Geld für ein eigenes Forschungsprojekt bewerben.

ZEIT: Dies auf Deutschland zu übertragen ist schwierig. Es fehlt an Geld.

Casper: Reformen kosten Geld. Das größte Problem des deutschen Hochschulsystems ist die andauernde Unterfinanzierung. Da die meisten Hochschulen in Deutschland öffentlich sind, muss der Staat mehr für sie ausgeben. Auch sollten die Studiengebühren wieder eingeführt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

ZEIT: Eine unpopuläre Position.

Casper: Die Studiengebühren waren in Deutschland von Anfang an zu niedrig angesetzt. Es wurde auch kaum über ein Stipendiensystem nachgedacht. Bei den Gebühren hätte man sich an England orientieren sollen – einige Tausend Pfund pro Semester. Doch in Deutschland sind Studiengebühren tot, leider.

ZEIT: Statt durch Studiengebühren Geld einzunehmen, hat der Staat mit der Exzellenzinitiative viel Geld in die Hochschulen gepumpt.

Casper: Die Exzellenzinitiative hat durchaus etwas bewirkt. Aber: Es wurden nur 4,6 Milliarden Euro über zehn Jahre an viele Universitäten verteilt. Pro Jahr ist das eine kleine Summe! Allein der Jahreshaushalt von Stanford liegt bei 6,2 Milliarden Dollar.