DIE ZEIT: Herr Lamers, während wir uns unterhalten, debattiert der Bundestag über Griechenland. Hätten Sie für den Austritt des Landes aus der Euro-Zone gestimmt?

Karl Lamers: Nein, auf keinen Fall. Ich hätte für das dritte Hilfspaket gestimmt, auch wenn ich der Meinung bin, dass ein Grexit eine durchaus vernünftige Überlegung ist. Allerdings hätten wir auch dann Griechenland weiterhelfen müssen. Nur etwas Sozialhilfe und ein paar Medikamente – damit wäre es ja nicht getan gewesen. Wir hätten Möglichkeiten finden müssen zu sagen: Die EU organisiert mit Griechenland zusammen einen Grexit auf Zeit. Gemeinsam! Darauf kommt es an.

ZEIT: Yanis Varoufakis wirft Ihnen und Wolfgang Schäuble vor, Sie hätten den Rauswurf Griechenlands seit Langem geplant.

Lamers: Wenn wir einen Plan gehabt hätten, dann wären wir ganz anders vorgegangen. Der Zeitungsartikel, auf den Herr Varoufakis sich bezieht, ist über ein Jahr alt, da stand es längst nicht so schlimm um Griechenland. Der Grexit war schlicht kein Thema. Im Übrigen wird Wolfgang Schäuble, der zweitwichtigste Mann in der Regierung, kein Papier mit einem ehemaligen Abgeordneten schreiben, in dem er einen Grexit als Notlösung ins Auge fasst.

ZEIT: Sie haben zusammen mit Herrn Schäuble den Begriff "Kerneuropa" erfunden. Da könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass Griechenland von Anfang an nicht dazugehören sollte.

Lamers: Das ist Unsinn. Der Begriff Kerneuropa stammt aus dem Jahr 1994. Außerdem ist dort die EU-Mitgliedschaft klar definiert: Wer will und wer kann – der gehört dazu. Griechenland hätte erst gar nicht aufgenommen werden dürfen.

ZEIT: Varoufakis beklagt, die Währungsunion funktioniere nicht. Das Verbot der Schuldenübernahme sei nur ein miserabler Ersatz für eine politische Union.

Lamers: In dem Punkt hat er recht. Noch ist die Währungsunion eine nur unvollständige politische Union. Doch wir sind auf dem Wege dorthin. Das beweisen die Einrichtungen, die aus der Griechenlandkrise geschaffen worden sind.

ZEIT: Schäuble hat die Grexit-Option in letzter Minute aus der Tasche gezogen. Griechenland fühlte sich erpresst, Frankreich brüskiert, und Italiens Ministerpräsident Renzi rief: Es reicht. Genug ist genug.

Lamers: Man kann darüber streiten, ob das ein geschickter Schachzug war. Diesen Vorschlag hätte man vielleicht früher zur Debatte stellen und mit Frankreich besprechen sollen. Aber es ist abwegig, Schäuble einen langfristigen Plan zu unterstellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

ZEIT: Das internationale Echo ist verheerend. Es heißt: Deutschland hat Griechenland abgestraft und zur Kapitulation gezwungen. Für die New York Times ist "die deutsche Frage zurück". Andere sprechen von einem neuen Versailles. Für Jürgen Habermas wurde in einer einzigen Nacht das gesamte politische Kapital verspielt, das sich ein "besseres Deutschland" erworben hatte. Deutschland steht als Hegemon und Zuchtmeister Europas am Pranger.

Lamers: Vergessen Sie nicht, dass die klare Mehrzahl der Europäer die "Zucht" forderte, der Deutschland sich auch unterworfen hatte. Sie waren dankbar, dass Deutschland durchhielt. Die Vorbehalte gegen Deutschland sind latent immer da. Ich bin mir der Geschichte unseres Landes bewusst: Das ist unsere Geschichte, damit müssen wir leben. Was Frankreich und Italien angeht, darf man wohl unter europäischen Freunden von einem hoffentlich bald vorübergehenden Inferioritätsgefühl ausgehen.

ZEIT: Auch ohne historische Erinnerungen finden viele einen deutschen Hegemon nicht verlockend.

Lamers: Nur wenn es vereint war, war Deutschland stark, jedoch nie stärker als alle anderen, und das weiß es sehr wohl. Wir waren nach dem Krieg völlig am Ende und gezwungen, dies ehrlich zuzugeben. Und die Kraft dieser Einsicht ist im Grunde das Geheimnis unseres Erfolgs. Wir waren restlos unserer Souveränität entkleidet. Es blieb uns nur die Einsicht, damit einverstanden zu sein. Seit 1945 hatten wir ein nur allzu berechtigtes Gefühl minderen Werts.