Unterwegs auf der A 1 zwischen Bremen und Hamburg. In der Nähe der Abfahrt Sittensen liegt Stellheide, ein Rastplatz mit Klo. Ein dünner, drahtiger Mann mit kurzer Hose, im Gesicht faltenreich, tritt auf die Bremse seines Kleinwagens, biegt mit quietschenden Reifen ab, hält abrupt an und rollt sich aus dem Wagen, als ginge gleich eine Bombe hoch. Dann macht er einen Hechtsprung und landet im schütteren, vermüllten Gras. Er rupft etwas Grünes aus und hält es triumphierend in die Luft. Dabei schreit er gegen den Autolärm an: "Das Kleine Filzkraut! Filago minima. Hätte ich hier gar nicht erwartet!"

Übertrieben ist diese Szene nur ein kleines bisschen. Jürgen Feder ist echt so. Fragen Sie mal Stefan Raab!

Der "Extrembotaniker", wie Feder sich selbst nennt, ist Deutschlands derzeit wohl populärster Pflanzenkenner und Exkursionsleiter. Vor zwei Jahren sprang er bei TV total mit ein paar Kräutern auf der Bühne herum, rannte mit getrockneten Blumen auf den Kameramann zu, dozierte, lachte sich kaputt, stellte Stefan Raab eine Frage, nur um ihm gleich über den Mund zu fahren. Raab hatte ihn 20 Minuten lang in seiner Fernsehshow zu Gast – und kam selbst praktisch nicht zu Wort. Raab!

Jürgen Feder ist, botanisch gesprochen, eine Kreuzung aus Springkraut, Klappertopf und Zittergras, eine Spur Wirbeldost ist dabei, und jede Menge Kaschuben-Wicke. Den Mann wollen wir auf seiner Exkursion begleiten. Am Vortag war er in Hamburg ("Botanik-Safari" in den Boberger Dünen) zur Jagd auf Orchideen. 40 Leute kamen, es herrschte Gedränge um den Meister, das Fernsehen war auch dabei. Seine Safaris bietet Feder überall in Deutschland an, meist an nichtswürdigen Stellen ohne Namen. Kaum war er fertig mit Hamburg, verlegte er sein Quartier, also seinen ollen Škoda, nach Rostock und schlief im Wagen. Frühmorgens rannte der ehemalige Marathonläufer durch die Flora nordöstlich der Hansestadt. In einem Unort namens Stuthoff wurde er fündig.

15 Exkursionsteilnehmer sind wir. Linker Hand liegt, "Stuthoff" verrät es, ein Gestüt. Am Horizont ragen Kraftwerkskühltürme empor, daneben ein Kreuzfahrtschiff, wahrscheinlich in Warnemünde. Rechts Wald. Und in der Mitte von alledem wir im Niemandsland. Eine Straßenkreuzung mit schmuddeligen Gräben, einem vergessenen Stück LPG, das sich durch Haufen uralter Silage auszeichnet, einer sumpfigen Wiese. Auf diesem Stück Ostdeutschland verbringen wir mit Jürgen Feder fünf Stunden unseres wertvollen Sonntags. Alles nur, um dieses Prozedere zu erleben, das sich in den nächsten Stunden etwa fünfzigmal auf ähnliche Weise wiederholt:

Feder schwenkt ein Gestrüpp. Einen Doldenblütler. "Extreme Heilpflanze!", ruft er, dabei stehen wir dicht bei ihm, und rundum herrscht Stille. "Bärenklau?", fragt jemand. "Nein!", schreit er, "Arznei-Engelwurz! Halbkugeliger Blütenstand, beim Bärenklau ist der flacher. Und hier" – er verschwindet in einem zugewachsenen Graben, taucht wieder auf und hat ein paar grüne Spieße in der Hand – "hier der Schlangenlauch. Der größte Lauch wird bis zu zwei Meter hoch, in Niedersachsen gefährdet, und im Osten ist alles voll damit! Und das", er rupft seitlich, "ist Weidelgras, das mag der Bauer, weil die Kuh es mag, Lolium perenne. Perenne heißt "das ganze Jahr hindurch". Weidelgras bringt die Milch. Wie bitte?" Feder hört alles. Eine junge Teilnehmerin hat das Wort "Allergie" ausgesprochen und fängt schon an zu niesen. "Wie alt bist du? 26? Stress mit den Eltern! Du musst dich von denen lösen. Und dich abhärten. Noch Fragen? Gut – wir haben sowieso keine Zeit! Hier ist übrigens der gefleckte Schierling. Ihr wisst, wie Sokrates gestorben ist? Wer also keinen Bock mehr hat ..."

So geht das nonstop. Logorrhoe, also Sprechdurchfall, könnte einem in den Sinn kommen, doch wir Exkursionsteilnehmer sind gebannt und begeistert (auch Raab wirkte damals bei TV total wie verzaubert). Bei einem wie Feder, dem der Witz angeboren scheint und das Pflanzenwissen eine Selbstverständlichkeit ist seit Kindesbeinen, bei so einem schweigt professioneller Zynismus. Alle Abgebrühtheit verweht, und nicht einmal mit eigenen Witzen mag man dagegenhalten. Jürgen Feder verwandelt die Leute und steckt sie an. Das ist seine Berufung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Jahrgang 1960 ist er, stammt aus Bielefeld. Sein Vater, Gartenbauingenieur und Stadtplaner, nahm ihn bereits früh auf dem Fahrrad mit in den Wald. Der Junge hatte wenig anderes im Kopf als Pflanzen. Er wurde Gärtner. Weil ihm aber schon immer das Herumstromern Spaß gemacht hatte, begann er zu studieren. Landespflege in Hannover. Er machte sich dann selbstständig als Kartierer, um für Naturschutzbehörden Pflanzenbestände zu überprüfen. Als das nicht genug einbrachte, arbeitete er wieder eine Zeit lang als Gärtner, in Bremen, überwiegend unzufrieden. Bis 2013. Dann kam seine persönliche Wende.

Jürgen Feder wurde vom Fernsehen entdeckt. Einfach weil er war, wie er ist. Rastlos, hastig und pausenlos quasselnd, dabei sehr unterhaltsam, frech, komisch, und nebenbei machte er seine Zuhörer und Zuschauer schlauer. Feder wurde bekannt als TV-Spaßmacher mit grünem Anliegen, als Exkursionsleiter und 2014 auch als Buchautor (Feders fabelhafte Pflanzenwelt). Dass er schon seit Jahren publiziert hat, weiß hingegen kaum jemand – so schreibt er seit 2008 die Bremer Botanischen Briefe – Floristische Berichte aus dem Bremer Beobachtungsgebiet, in denen er mit einem kleinen Fachpublikum seine Entdeckungen teilt. Immerhin hat Feder in Bremen 60 verschollene und 30 bis dahin in der Stadt gänzlich unbekannte Arten gefunden.