"Alle haben ein ausgesprochen niedriges Selbstwertgefühl", sagt Gabriele König, die Leiterin des Zentrums für suchtgefährdete Mütter in Hamburg-Lokstedt. © Julia Krusch für DIE ZEIT

Als Michelle Bauer* ein Kind war, stellte ihr die Mutter eine Flasche Bier auf den Tisch, sie sagte: "Wir gehen nicht, ehe du das nicht ausgetrunken hast." Das Mädchen wollte nach Hause, also trank es. Auf dem Heimweg torkelte Michelle Bauer, die Mutter band sie mit der Hundeleine an den Kinderwagen. Da war sie sechs Jahre alt.

Wenn Bauer ihre Geschichte erzählt, bleibt ihr Gesicht starr. Ihre Lippen bewegen sich, doch ihre Augen spiegeln kein Gefühl. Sie ist jetzt 28 Jahre alt, sie trägt eine Trainingshose, das dunkelblonde Haar im Nacken zu einem Zopf geknotet.

Das erste Treffen. Es ist Sommer 2014, die Bäume tragen dunkelgrüne Blätter, Michelle Bauer sitzt im Garten vor einem Klinkerbau in Lokstedt. Neben ihr sitzt ein Junge mit braunem Haar, er schiebt Spielzeugautos über eine Tischplatte. "Ich will das nicht so machen wie meine Eltern. Ich bemühe mich, eine gute Mutter zu sein", sagt sie und zieht an der Zigarette. Es ist die letzte Sucht, die ihr geblieben ist. Seit zwei Jahren ist Michelle Bauer trocken. Fast genauso lange lebt sie in den Einrichtungen des Suchttherapiezentrums der Martha Stiftung, kurz STZ.


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Das Zentrum begleitet Menschen in allen Phasen der Sucht. Sechs Einrichtungen bieten akute Hilfe für Suchtkranke und helfen Menschen, von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen loszukommen. Das Haus in Lokstedt aber ist einzigartig in Norddeutschland: Hier leben Mütter mit Kindern, die eine Suchttherapie bereits hinter sich haben, aber noch nicht gefestigt genug sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Die nie gelernt haben, was es heißt, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen – für sich oder ihre Kinder zu sorgen, ihr Leben zu organisieren oder eine fürsorgliche Mutter zu sein. Frauen, die bisher zu Tabletten, zu Alkohol, zu Drogen gegriffen haben, wenn es ihnen zu viel wurde.

"Wenn ein Kind zu Tode gekommen ist oder verletzt wurde, sind die Jugendämter alarmierter als sonst, sie üben mehr Druck auf überforderte Eltern aus, solche Nachsorgeangebote wahrzunehmen", sagt Gabriele König. Sie leitet das Nachsorgezentrum, 32 Jahre lang arbeitet sie in der Suchthilfe, die Hälfte davon als Chefin des Hauses in Lokstedt. Etwa 25 Frauen sieht König jedes Jahr in die sechs Apartments ein- und wieder ausziehen. Mehr als 500 Frauen und Kinder haben seit der Gründung vor 21 Jahren hier gewohnt.

Michelle Bauer lebt seit zwei Jahren mit ihrem Sohn hier, länger als alle anderen Frauen. Sie ist Haussprecherin, vermittelt zwischen Bewohnerinnen und Betreuerinnen. Die suchtkranken Frauen im Nachsorgezentrum kommen aus allen Schichten. Es gibt die Unternehmensberaterin mit Medikamentensucht. Die junge Mutter, die mit Crystal Meth dealte und ihren Kindern von dem Geld ein Barbiehaus kaufte. Und die dreifache Mutter, die an einer Essstörung leidet und mit Alkohol die Schläge ihres Partners vergessen wollte. Frauen, die vieles trennt, aber eines eint: "Alle haben ein ausgesprochen niedriges Selbstwertgefühl", sagt Gabriele König.

"Mein Mann ist so desinteressiert, er schlägt mich nicht mal mehr"

Viele der Frauen erlebten Gewalt, meist schon in der Kindheit. "Eine sagte mal zu mir: ›Mein Mann ist jetzt so desinteressiert an mir, er schlägt mich nicht mal mehr‹", erzählt König. Um die Frauen zu schützen, ist das Haus in Lokstedt Nachsorgeeinrichtung und Frauenhaus zugleich: Männer müssen draußen bleiben, für Väter gibt es ein Spielzimmer, das sie nur über einen separaten Eingang betreten können. Auch diese Kombination macht die Einrichtung einzigartig im Norden.

Alle Kinder im Haus haben die Sucht ihrer Mütter miterlebt. Eine Frau erzählt, sie habe ihre Tochter einmal dabei beobachtet, wie sie Salz auf den Boden schüttete und mit zwei Spielkarten zusammenschob. Das Mädchen war zwei Jahre alt, es hatte die Handlung bei seiner Crystal-Meth-abhängigen Mutter abgeguckt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Kann eine süchtige Frau eine gute Mutter sein? Ist Mutterliebe stärker als Sucht? Für viele der Frauen ist die Lokstedter Einrichtung die letzte Chance, das zu beweisen.

Auch für Michelle Bauer. Ein Leben ohne Abhängigkeit hat die 28-Jährige nie kennengelernt. Mit 13 begann sie, regelmäßig zu trinken, sie brach die Schule ab, ein Kreislauf begann aus guten Vorsätzen, Überforderung und Aufgeben. Irgendwann war da nur noch das Aufgeben. In Bauers Umfeld gab es kaum Menschen, die nicht kifften oder tranken, die meisten lebten von Sozialhilfe. Bauer versuchte zu arbeiten, doch der Alkohol raubte ihr die Kraft, bald wurde ihr alles zu viel. Einmal sah es so aus, als würde sich etwas ändern. Als sie mit 25 schwanger wurde, hörte sie auf zu trinken, sie freute sich auf ihr Baby. Vielleicht, glaubte sie, sei das ihre Chance auf ein anderes Leben. Als Tim auf die Welt kam, erschien ihr das möglich. "Die Hebamme sagte mir, es sei bewundernswert, wie liebevoll ich Tim ansehe", sagt Bauer.