Der Passus beginnt mit einer Selbstverständlichkeit. Das Werk solle nach "anerkannten fachlichen Standards" und "bei voller Wahrung der historischen Tatsachen" entstehen, heißt es in Paragraf 1, Absatz 2 des Autorenvertrags zwischen dem Journalisten Uwe Bahnsen und der Hamburger Handelskammer über sein Buch Hanseaten unter dem Hakenkreuz. Aber dann, im zweiten Teil des Satzes, wird deutlich, warum es die Selbstverständlichkeit braucht. Bahnsen solle die "konstruktive Rolle der Kaufmannschaft und der Kammer bei den besonderen Herausforderungen in Hamburg während der NS-Zeit" verdeutlichen, heißt es dort.

Konstruktiv? Das bedeutet "aufbauend, entwickelnd", ein modernes, durchweg positiv besetztes Wort, ein bisschen schwammig. In diesem Fall wirft es Fragen auf: Kann ein Werk, das als "kritische Aufarbeitung" der Geschichte einer Institution verkauft wird, deren "konstruktive Rolle" verdeutlichen? Wie kann man unter Wahrung fachlicher Standards vorher die Richtung der Interpretation festlegen? Und kann ein Autor, der so eine Formulierung unterschrieben hat, überhaupt noch frei arbeiten?

Geschichte entsteht, wenn Ereignisse sich durch Erzählungen im kollektiven Gedächtnis verankern. Das heißt auch: Geschichte kann gemacht werden. Die Handelskammer hat Uwe Bahnsen im Dezember 2013 beauftragt, ihre Geschichte in der NS-Zeit zu erzählen. Bewusst habe man sich für einen Journalisten entschieden, erklärt die Kammer heute, nicht für eine Historikerkommission. Es sei ihr nicht um neue historische Fakten gegangen, sondern um eine gut lesbare Zusammenfassung des Forschungsstands zum 350. Jubiläum der Kammer in diesem Jahr.

Wollte die Kammer sicherstellen, dass die richtige Geschichte erzählt wird – ihre "konstruktive" Interpretation der Fakten?

Bei Fachleuten löst die Formulierung jedenfalls Verwunderung aus. "Den Autorenvertrag hätte ich nie unterschrieben", sagt ein renommierter Historiker, der schon viele Auftragswerke über Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat, aber anonym bleiben möchte. Die Abmachung schränke das Ergebnis von vorneherein ein. Vor allem im Zusammenhang mit einer anderen Regelung: Im Vertrag ist ausgemacht, dass der Autor den Text mit der Handelskammer abstimmen muss, bevor der größte Teil des Honorars ausgezahlt wird.

Die Kammer erklärt, solche Beeinflussungen lägen ihr fern. Zudem sei Uwe Bahnsen ein unbestechlicher, über jeden Zweifel erhabener Journalist mit tadellosem Leumund. Bahnsen sagt, er sei in seiner Arbeit nicht eingeschränkt worden. Der Autorenvertrag sei erst aufgesetzt worden, als die Arbeit schon weit vorangeschritten gewesen sei.

Dennoch gibt es gewichtige Zweifel an seinem Werk. Die NS-Experten Detlef Garbe und Axel Schildt warfen Bahnsen in der ZEIT (Nr. 24/15) vor, er kreiere "altbackene Heldengeschichtsschreibung in neuem Gewand", sein Buch entspreche nicht dem aktuellen Kenntnisstand und enthalte eine "sehr günstige Bewertung des Verhaltens der Hamburger Wirtschaftselite". In der folgenden Ausgabe schrieb Bahnsen eine Erwiderung und wies alle Vorwürfe zurück.

Der Vertrag legt nun jedoch nahe, dass die günstige Bewertung kein Zufall war. Besonders in den Kapiteln über die Großangriffe 1943 in Hamburg, die kampflose Übergabe der Stadt sowie die Monate nach dem Krieg solle die "konstruktive Rolle" verdeutlicht werden, heißt es in Paragraf 1 des Vertrags. Liest man die entsprechenden Kapitel mit dem Wissen um diese Klausel, findet man zahlreiche fragwürdige Formulierungen. Bahnsen schildert, wie nach der Zerstörung der Stadt durch die Luftangriffe der Alliierten Hamburger Kaufleute und die Handelskammer mit "tatkräftiger Improvisation" Hilfsmaßnahmen organisierten; wie sie Pläne ausarbeiteten, die "praxisnah, flexibel und hocheffizient" waren; wie sie "unbestreitbar" wesentlich an der Aushandlung der kampflosen Übergabe beteiligt waren. Und wie sie schließlich nach dem Krieg durch "kluge, diskrete und sehr effiziente Zusammenarbeit" mit dem Bürgermeister die Wirtschaft wiederbelebten und gar zum "Schrittmacher der deutschen Exportwirtschaft" wurden.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Bahnsen sagt, die Kammer habe nicht versucht, "korrigierenden Einfluss auf das Manuskript" zu nehmen. Sie habe in drei Fällen um Ergänzungen gebeten. Sie habe etwa gefragt, ob es Fälle gebe, in denen hamburgische Kaufleute sich bei der Arisierung nicht wie skrupellose Profiteure, sondern als faire und verständnisvolle Partner verhalten hätten. Solche Fälle habe es tatsächlich gegeben, auch hieb- und stichfest verbrieft, daher habe er sie ergänzt.

Genau das ist es, was die Historiker an dem Werk kritisieren: Gräueltaten werden mit positiven Geschichten relativiert, am Ende scheinen sich beide Seiten die Waage zu halten.