An diesem Freitag, zwischen 10 und 12 Uhr, können Sie mit Gero von Randow im Kommentarbereich unter diesem Text über seine Thesen debattieren.

Propaganda bedeutet Invasion. Sie sickert in unsere Gespräche, in unsere Gedanken und zerstört deren Klarheit.

Natürlich ist auch das, was wir unbeeinflusst von Propaganda denken, nicht der blanke Spiegel der Wirklichkeit. Irrtümer, Ignoranz, Interessen – unser Denken hat viele Motive, auch das Nichtgedachte spielt mit, die Emotion etwa, beim Sprechen kommen Routinen hinzu, die seine Richtung beeinflussen. Propaganda allerdings wirkt auf besondere Weise, denn ihre Sätze sind anders. Sie zielen auf Überwältigung, sie nutzen unsere Schwächen aus. Außerdem kommt es ihren Urhebern nicht darauf an, ob die Sätze wahr sind oder falsch: Bloß wirken müssen sie. Und schließlich werden sie systematisch erzeugt, in Form von Kampagnen (ein Wort, das ursprünglich "Feldzug" bedeutet).

Wir sind umzingelt von Propaganda. Manchmal lässt sie sich leicht erkennen: Unlängst beispielsweise schaltete das ägyptische Militärregime zwei ganze Seiten Werbung für seine Politik in der FAZ. Meistens aber schleicht sich Propaganda unerkannt an. Besonders schwer bemerken wir sie, wenn sie aus freien Stücken von eifrigen Individuen weitergegeben wird, die an sie glauben. Wie ein Virus benutzt die Propaganda diese Überzeugten als Reproduktionsmaschinen.

Propaganda soll Menschen etwas glauben machen. Oft ist sie eine Erzählung, die den Tatsachen Sinn verleiht. Der Mensch ist gut darin, Wahrgenommenes in eine Geschichte zu integrieren, die es ihm erspart, unausgesetzt das Ganze infrage zu stellen. Gäbe es keine Vorurteile und gedanklichen Routinen, niemand käme vom Fleck – vor lauter Zweifel.

Zwei dieser Routinen sind besonders wirksam: Erfahrungsregeln und Glaube. In allen Kulturen existieren diese zwei Formen der Weltbewältigung nebeneinander, Logos und Mythos; die Menschen bauen ihre Einbäume oder Flugzeuge nach Erfahrungsregeln, aber wenn sie nicht wissen, wie sie ein Rätsel lösen sollen, rufen sie den Mythos wach. Der füllt auch die Orientierungslücken in der politischen Ideenwelt. Mit diesen Überlegungen erklärte einst der Philosoph Ernst Cassirer, der 1945 starb, die Epidemie mörderischer Mythen im 20. Jahrhundert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Cassirer fügte noch etwas hinzu: Auch der Mythos verlangt unentwegte Anstrengung. Weil er sich an der Realität reibt, muss er immer wieder begründet, gestützt, abgesichert werden – der Marxismus-Leninismus beispielsweise erzeugte ganze Bibliotheken, die sich am Widerspruch von Geschichtsmythos und Wirklichkeit abarbeiteten.

Diese propagandistische Gebäudesicherung ist Sisyphusarbeit, sie kann nicht das Werk von Einzelpersonen sein, sondern nur von Kollektiven. Von Staaten etwa, Parteien, Unternehmen, Thinktanks, Lobbygruppen, NGOs, Vereinen, Glaubensgemeinschaften. Propaganda setzt Organisation voraus.

Das steinerne Zeugnis jener Begründungsbehörde, die das Wort Propaganda erstmals im Namen führte, steht in Rom: Der im 17. Jahrhundert errichtete Palazzo di Propaganda Fide, also der Palast zur Verbreitung des Glaubens, Heimat des Jesuitenkollegs. Doch hat die Kirche bloß das Wort, nicht aber die Propaganda selbst erfunden. Die ist viel älter, so alt wie der Staat selbst. Im selben Rom, nur eben zwei Geschichtsepochen früher, wurde staatliche Propaganda in den Marmor gemeißelt: Die römischen Kaiser erhielten vergötternde Namen, den im Jahr 188 geborenen Caracalla beispielsweise glorifizierte eine Inschrift als den "größten, unbesiegbarsten, gottgefälligsten, tapfersten, von den Göttern am meisten begünstigten und alle Kaiser an Gnade übertreffenden" – man denkt unwillkürlich an Nordkoreas Kim Jong Un.

Im Krieg treiben Staaten erst recht Propaganda. Im 20. Jahrhundert nahm ihre psychologische Kriegführung ungeahnte Ausmaße an: Beide Weltkriege waren auch Propagandaschlachten. Für den Kalten Krieg galt das nicht minder, in Ost und West wurden staatliche und halbstaatliche Institutionen errichtet, die für die verfeindeten Systeme Reklame machten. Sie nutzten neue Massenkommunikationsmittel wie Radio und Fernsehen, nach dem Ende des Kalten Krieges kam mit dem Internet eine weitere Arena hinzu.

Der Medienpluralismus stützt die Demokratie

Neue Konflikte setzten ein, kriegerische eingeschlossen. Unvergessen Amerikas Lügenpropaganda im dritten Golfkrieg, ihr steht die heutige Desinformation aus Russland in nichts nach – beides staatlich organisierte Unternehmungen, um mithilfe gefügiger Massenmedien ein Millionenpublikum in die Irre zu führen. In den USA wurde diese Phase inzwischen kritisch aufgearbeitet, zumindest von jenem Teil der Öffentlichkeit, der wissen wollte, wieso angesehene Journalisten all diese Lügen nachplapperten.

Der Presse wird oft vorgeworfen, sie bildete zusammen mit den politisch Mächtigen ein Kartell. Unlängst etwa ätzte Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung: "Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert." Immerhin war dieser kritische Satz in einer Zeitung zu lesen, die Presse zitierte ihn anschließend weithin. Dadurch wurde er allerdings nicht falsch.

Die Gefahr der Kungelei zwischen Medien und Macht existiert unbestritten. Journalisten sind beispielsweise darauf angewiesen, von Politikern Informationen zu erhalten, was ein gewisses Vertrauensverhältnis voraussetzt: Von hier bis zur Kameraderie ist es nur ein kleiner, aber entscheidender Schritt.

Das ist es aber nicht, was der amerikanische Linguist und Medienkritiker Noam Chomsky mit seinem "Propagandamodell" meint, das seit einem Vierteljahrhundert diskutiert wird. Zusammen mit dem Medienökonomen Edward S. Herman analysierte Chomsky am amerikanischen Beispiel die Medien als "Konsensfabriken" im Interesse der gesellschaftlich Mächtigen. Seiner Theorie zufolge werden Informationen vor ihrer Veröffentlichung gefiltert, ohne dass eine Verschwörung dahinterstünde; machtkonforme Informationsauswahl funktioniere vielmehr spontan. Beispielsweise könne kein Medium, schrieb Chomsky damals, dauerhaft gegen die Interessen und Ideenwelt seiner Eigentümer Front machen. Außerdem sorge die Personalauswahl der Redaktionen bereits für einen mehr oder weniger weiten Grundkonsens, innerhalb dessen sich ihre Arbeit bewege.

So ist es. Und wenn das die ganze Wahrheit wäre, sie wäre niederschmetternd. Doch zur Wahrheit zählt auch, dass – jedenfalls in Demokratien – viele Medien miteinander um Leser konkurrieren. Diese Medien unterscheiden sich nicht zuletzt durch ihre Meinungsspektren und die Auswahl des Personals voneinander. Deshalb kommen Menschen wie Chomsky regelmäßig in ihnen zu Wort.

Gewiss, die konkurrierenden Medien üben nicht alle den gleichen Einfluss aus, hinter ihnen steht nicht immer die gleiche Kapitalkraft, und der Medienpluralismus ist von Land zu Land sehr unterschiedlich; auch muss er immer wieder erkämpft werden, selbst innerhalb von Redaktionen. Aber er bleibt eine politische Tatsache. Namentlich in Deutschland erreicht so ziemlich jedes Argument die Öffentlichkeit. Erst recht, seit das Internet existiert.

Es gibt unterschiedliche Strategien, sich in dieser vielstimmigen Medienwelt zu behaupten. Für manche Angebote gehört Seriosität nicht zum Verkaufsversprechen, andere wiederum dürfen ihre Glaubwürdigkeit um keinen Preis einbüßen. Doch immer sind es letztlich die Leser, Zuschauer oder User, die über die Fortexistenz eines Mediums entscheiden. Darin zeigt sich noch einmal der Unterschied des Journalismus zur Propaganda: Über deren Existenz entscheiden allein die Mächtigen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Was ist Propaganda? Diskutieren Sie darüber an diesem Freitag ab 10 Uhr im Kommentarbereich unter diesem Artikel mit dem Autor Gero von Randow.

Lesen Sie zum selben Thema auch ein Interview mit dem amerikanischen Philosophen Jason Stanley.