Russlands Präsident Putin lässt sich von jungen Athleten fotografieren (Archivbild von 2014). © Sasha Mordovets/Getty Images

In tiefschwarzer Nacht leuchten Scheinwerfer auf. Dröhnend landet ein Helikopter. Schwarze Stiefel pressen ihr Profil in den feuchten Sand, Soldaten halten Kalaschnikows im Anschlag. Gepanzerte Limousinen fahren vor: Darin bringen russische Spezialeinsatztruppen den gestürzten ukrainischen Präsidenten Janukowitsch und dessen Familie in Sicherheit – vor ukrainischen Nationalisten, die ihm nach dem Leben trachten. Behauptet jedenfalls Wladimir Putin. Der russische Präsident erzählt, wie er den blutrünstigen ukrainischen Nationalisten zuvorkam. Mit diesen Szenen beginnt ein zweieinhalbstündiger Actionfilm, erschienen in diesem Frühjahr. In der Hauptrolle: ein drahtiger Putin, der erst Janukowitsch rettet, dann die Krim und dann den Weltfrieden.

So sieht russische Propaganda heute aus. Nicht wie ein sowjetisches Schwarz-Weiß-Plakat, auf dem kleine Mädchen Stalin Blumen überreichen. Nicht wie ein gusseiserner Lenin mit Bronzekäppi vor dem lokalen Museum. Nicht wie die alte Prawda mit schnell löslicher Druckerschwärze und unscharfen Fotos von der Leonid-Breschnew-Kolchose. Russische Propaganda von heute ist cool, jung und ultramodern. Sie arbeitet mit Laptop, Smartphone, Twitter und Instagram.

Das sind die neuen Waffen im hybriden Krieg. Im 20. Jahrhundert waren die Sowjets hochgerüstet. Es war wichtig, welche Armee gewinnt. Heute, im 21. Jahrhundert, ist ebenso wichtig, wessen Erzählung gewinnt, welche Story sich durchsetzt.

Vor zwei Jahren verkündete der russische Generalstabschef Walerij Gerassimow eine neue Doktrin. Kriege und Konflikte der Gegenwart hätten "überfallartigen Charakter". Russland müsse künftig neben militärischen auch "nicht militärische Mittel" einsetzen: diplomatische, wirtschaftliche, mediale.

In Russland redet niemand von "Propaganda". Man wähnt sich im Krieg mit dem Westen – die staatstreuen Journalisten führen also einen "Informationskrieg".

Am Subowski-Boulevard in Moskau zieht sich ein grauer Betonklotz über einen halben Kilometer hin. Hier liegt das Hauptquartier der Informationskrieger: die Zentrale von Rossija segodnja – "Russland heute". Leicht kommt man nicht hinein, diverse Kontrollen verwehren Besuchern den Zutritt. Der Generaldirektor, Dmitri Kisseljow, wurde von der EU seiner Hetzsendungen wegen mit einem Einreiseverbot belegt, er gibt keine Interviews. Aber ein Mitarbeiter von "Russland heute" unterschreibt die Zugangskarte.

So abweisend-trutzig das Gebäude von außen wirkt, so offen ist es von innen. Die Türen sind aus Glas. Ein riesiger Newsroom öffnet sich, zwischen weißen Schreibtischen gedeihen Pflanzen, unter der Decke laufen Nachrichten auf einem Digitalband wie in der CNN-Zentrale in Atlanta. Die Wände sind weiß lackiert. Die Glastüren muss niemand berühren, sie öffnen sich, wenn man die Akkreditierung an einen Kartenleser hält.

Im siebten Stock ist ein Fitnessstudio. "Man muss auch mal Pause machen von der Ukraine", scherzt jemand. Wer Hunger hat, nimmt Platz in schicken Cafés, mittags in der Trattoria wählt man zwischen Risotto ai funghi und dem Thunfisch-Carpaccio. Soljanka-Suppe mit trocken Brot, das war gestern.

"Russland heute" kommt als ultramoderne Nachrichtenfabrik daher. Sie bespielt Fernsehen, Radio, Nachrichtenagenturen, Internet, Soziale Medien, macht Umfragen und Satellitenprogramme. Dazu gehört Sputnik News, ein Sender mit Radio, Internetauftritt, Videos in dreißig Sprachen. Sputnik arbeitet in 34 Ländern. Nach Aussage von Rossija Segodnja gehört der russische Auslandskanal RT nicht zu diesem Medienkonglomerat. Indessen haben RT und Rossija Segodnja dieselbe Chefredakteurin, die armenisch-stämmige Russin Margarita Simonjan, 35 Jahre alt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Wladimir Putin ließ dieses Hauptquartier des Informationskriegs im Dezember 2013 gründen. Die russische Wirtschaftszeitung RBK schreibt, Rossija segodnja habe ein Budget von gut 15 Milliarden Rubel, also über 250 Millionen Euro. Nach Angaben von Rossija segodnja sind es gut 6 Milliarden Rubel.

Ihre Sender sollen die "russische Sicht" in die Welt tragen. Was das sei, fragte der englische TV-Reporter Peter Pomerantsev, der früher bei Moskauer Fernsehkanälen arbeitete, den geschäftsführenden Redakteur von RT. "Es gibt immer einen russischen Standpunkt", antwortete der Redakteur. Und erklärte das anhand einer Banane. "Für den einen ist sie etwas zu essen. Für einen anderen ist sie eine Waffe. Für den Rassisten ist sie ein Instrument, um Schwarze zu ärgern." Alles sei möglich. Es gebe einfach keine objektiv eindeutige Sicht darauf, was eine Banane sei, sagte der RT-Mann. Und so wie die Banane krumm ist, biegen sich diese Sender die Wahrheit zurecht. Das ist die Essenz des "russischen Standpunkts".

Als die Maschine des Flugs MH17 im Sommer 2014 über einem ukrainischen Feld abstürzte, gab es nur eine Ursache, aber viele Vermutungen. Die Staatskanäle konzentrierte sich auf Letzteres. Als der Schreck der ersten Minuten vergangen war, besprach Dmitri Kisseljow mit dem Kreml das Vorgehen. Sodann schossen Sputnik und RT wie ein Katjuscha-Raketenwerfer im Sekundentakt immer neue Varianten dessen heraus, wie es vielleicht gewesen sein könnte. Die Ukrainer steckten dahinter; ein Flugzeug; eine Rakete der Ukrainer; oder doch die Nato? Vielleicht Außerirdische? Alles möglich! Nur die eine überaus naheliegende Möglichkeit, dass es eine russische Buk-Rakete gewesen sein könnte, die das Flugzeug vom Himmel holte, ging im Geschichtencocktail unter. Und das war Absicht. Das war der "russische Standpunkt".