Der Aufwand ist gewaltig. Immer wieder wühlten sich die Rechercheteams der sechs Parlamentsparteien durch eine Datenbank, die mit über einer Million Dokumenten befüllt ist. Seit dem 8. April tauchten in den 23 Sitzungstagen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Bankendesaster der Kärntner Hypo Alpe Adria immer wieder neue und verblüffende Schriftstücke auf, die den insgesamt 43 Auskunftspersonen, die bisher befragt wurden, unter die Nase gehalten wurden. Doch die meisten von ihnen flüchteten sich in Ahnungslosigkeit oder nahmen zu weitschweifigen Ausreden Zuflucht.

"Ich habe nicht den Eindruck, dass wir nur die Wahrheit gehört haben", resümiert Rainer Hable, der für die Neos im Ausschuss die Fragen stellt. "Manche Nichtantworten sind so ein offensichtliches Verschweigen, dass es einer falschen Zeugenaussage schon sehr nahe kommt", ergänzt Werner Kogler, Hables Kollege von den Grünen. Die Zeugen stehen vor dem Untersuchungsausschuss unter Wahrheitspflicht. Allerdings sei es sehr schwierig, befürchten die oppositionellen Abgeordneten, eine falsche Aussage auch so nachzuweisen, dass es später für eine Verurteilung ausreicht. Selbst wenn sich im Lokal VI des Parlaments, in dem die Befragungen stattfinden, die Balken biegen.

Der letzte Sitzungstag vor der Sommerpause, der Donnerstag vergangener Woche, mündete beispielsweise in eine Märchenstunde. Geladen war der ehemalige Hypo-Chef Wolfgang Kulterer, von Robert Lugar vom Team Stronach schaurig als das "kriminelle Mastermind" des Skandals angekündigt. Der Auftritt des gefallenen Finanzjongleurs, der sehr diskret aus der Haft vorgeführt wurde, sollte den vorläufigen Höhepunkt des Aufklärungstribunals bilden.

Die Abgeordneten und Medienvertreter haben allerdings die Rechnung ohne den störrischen Zeugen gemacht. In teils wehleidigen, teils trotzigen und gereizten Tiraden weist der glücklose Bankenboss jede Verantwortung weit von sich. Er sei zum Sündenbock gemacht worden, wozu sogar von dem notverstaatlichten Finanzinstitut eigens eine PR-Agentur engagiert worden sei. Er sei nie und nimmer dem damaligen Landeshauptmann Jörg Haider zu Willen gewesen, seine Bank habe keinesfalls der Kärntner Landespolitik als "Selbstbedienungsladen" gedient, die schlimmsten Verluste seien überhaupt erst eingetreten, nachdem das Kärntner Geldhaus in den Besitz der BayernLB übergegangen war. Jetzt müsse er den Kopf hinhalten, etwa dafür, dass sich ein subalterner Bereichsleiter von einigen Investmentbanken Finanzprodukte mit Währungswetten habe andrehen lassen, die niemand verstanden habe. Als er, Kulterer, auf die brandgefährliche Situation aufmerksam geworden sei, sei es bereits zu spät gewesen.

Von da an ging es abwärts: geschönte Bilanz, geplatzter Börsengang, unter bayerischer Führung dann die rasante Talfahrt in die Katastrophe, schließlich das bittere Ende in der Bad Bank. Eines nahen Tages werden wohl 15 Milliarden Euro auf der Rechnung für die Steuerzahler stehen. Doch Wolfgang Kulterer, der einst am ganz großen Rad drehen wollte und einen entsprechenden Lebensstil pflegte, empfiehlt dem Untersuchungsausschuss gleich zu Beginn seiner Befragung, in seiner Person das eigentliche Opfer der Pleite zu sehen: "Ich habe nichts mehr, mir ist das nackte Leben geblieben. Mir ist es egal, was man mir jetzt noch antun wird."

Der Bankenboss hebt für einen Kunden drei Millionen Euro in bar ab

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Selbst in diesen leicht bizarren Plauderstunden gelingt es einigen Ausschussmitgliedern, das Unschuldslamm vom Wörthersee in Bedrängnis zu bringen. Rainer Hable beispielsweise rekonstruiert mithilfe von Kulterers Terminkalender, der sich im Hypo-Datenkonvolut befindet, einen besonders befremdlichen Geschäftsvorgang. An einem Februartag im Jahr 2005 behob der Hypo-Boss persönlich drei Millionen Euro in bar von einem Hypo-Konto in Liechtenstein und händigte sie dem Vertrauensanwalt eines Großkunden, des Waffenfabrikanten Gaston Glock, aus; zuvor waren als spezielle Dienstleistung der Hypo Zahlungen über bankinterne Konten anstatt über Kundenkonten transferiert worden, um den Geldfluss zu verschleiern. Es sei absolut nicht unüblich, beharrt Kulterer jedoch vor dem Ausschuss, dass ein Bankenchef für einen schwerreichen Klienten den Geldboten spielt. Und reiner Zufall sei es natürlich auch gewesen, dass Kulterer am Tag nach der Barabhebung Haiders Privatsekretär Gerald Mikscha traf – ebenfalls in Liechtenstein. "Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr", trotzt Kulterer, als sich Hable nicht mit so viel Unschuldsvermutung zufriedengeben mag. "Schaut net gut für die Bank aus", brummt der Abgeordnete.

Es sind Vignetten wie diese, aus denen Zug um Zug ein düsteres Sittenbild immer klarere Konturen gewinnt. Darauf fließt das liederliche System im Biotop Kärnten mit der teils dilettantischen, teils bewusst leichtfertigen Routine der staatlichen Kontrollorgane ineinander.

In dieser "Königsdisziplin des Parlamentarismus", sagt Jan Krainer, Fraktionsführer der SPÖ, gehe es vor allem darum, die "strukturellen Fehlleistungen" in einem Bericht bloßzulegen. Bislang sei für den Sozialdemokraten die einzige wirklich neue Erkenntnis gewesen, dass Haider nach dem Platzen der verlustreichen Währungswette versucht hatte, die kritischen Vorstände der Finanzmarktaufsicht (FMA) loszuwerden. "Relativ einfach", erzählt Krainer, habe er den Vorgang rekonstruieren können, nachdem er in einem Dokument auf einen Verweis auf den Paragraf 7, Absatz 3 des Finanzmarktaufsichtsbehördengesetzes gestoßen war. Er merkte vor allem deshalb auf, weil er sich selbst einmal dieser gesetzlichen Regelung bedient hatte: Sie verpflichtet den Finanzminister unter bestimmten Voraussetzungen, einen Vorstand der FMA zu feuern. Genau dazu hatte Haider seinen einstigen Lieblingsschüler Karl-Heinz Grasser brieflich aufgefordert. Das Verfahren verlief allerdings im Sande, aber auch die Bankkontrolleure verhielten sich weiterhin kleinlaut.