DIE ZEIT: Herr Fletcher, Sie sind Brite, leben in Berlin und haben mehrere Bücher übers Deutschsein geschrieben. Für Ihr jüngstes, Make Me German, haben Sie ein Experiment gewagt: Urlaub auf Mallorca machen wie die Deutschen. Wie sind Sie vorgegangen?

Adam Fletcher: Ich habe mich an der Statistik eines Urlaubsportals orientiert und wie der deutsche Durchschnittsurlauber gehandelt: also exakt 74 Tage vorher gebucht – und zwar einen All-inclusive-Urlaub auf Mallorca in einem Dreisternehotel in der Nähe vom Ballermann. Schon im Flieger sangen alle Malle, nur einmal im Jahr, und zur Landung wurde geklatscht.

ZEIT: Was macht man als Deutscher tagsüber auf der Insel?

Fletcher: Trinken. Gleich zum Frühstück gibt’s das erste Bier. Das war für mich hart. Und englische Pauschaltouristen sind zwar bekannt für ihren Alkoholkonsum – aber die würden es wohl nicht mal zum Frühstück schaffen, sondern liegen da noch schlafend im Gebüsch am Strand, von ihren Freunden vollgekritzelt mit schwarzem Edding, auf dem Kopf fremde Unterwäsche. Aber die Deutschen sind schon morgens pünktlich – um gleich weiterzutrinken und auszunutzen, dass alles inklusive ist. Und abends geht’s dann ins Oberbayern, um zu Schlagermusik zu tanzen. Das haben meine Freundin und ich aber nur eine Stunde lang ausgehalten.

ZEIT: Wie früh sind Sie aufgestanden, um sich eine Liege mit einem Handtuch zu reservieren?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Fletcher: Das war nicht nötig, es gab viel mehr Liegen als Gäste. Und das Stereotyp, dass Deutsche weiße Socken in Sandalen tragen, kann ich übrigens auch nicht bestätigen: Ich habe extra eine Strichliste geführt, sah aber in der ganzen Woche nur vier Beispiele. Das hat sich erledigt, weil die Deutschen wohl mitbekommen haben, dass sich alle über sie lustig machen.

ZEIT: Deutsche scheinen viel auf die Meinung anderer zu geben. Ihre Bücher, in denen Sie uns erklären, wie wir sind, wurden Bestseller.

Fletcher: Komisch, oder? Die Deutschen formen immer noch ihre Identität, sie brauchen offenbar das Feedback. Und sie sind ein bizarr selbstkritisches Volk. Glücklich macht das nicht. Ein bisschen blinder Patriotismus ab und an erlaubt einem die Freiheit, auch mal zu singen und zu tanzen.

ZEIT: Bei der WM letztes Jahr klappte das doch schon ganz gut.

Fletcher: Na ja, die Deutschen haben eine Nacht lang gefeiert, dann ging’s wieder an die Arbeit. Hätte England gewonnen, würden wir Briten die nächsten 20 Jahre über nichts anderes reden. Wir sind ganz schön eingebildet. Wir haben vor Jahrhunderten beschlossen, dass wir fantastisch sind. Und wir hatten dieses tolle Empire, das größte aller Zeiten!

ZEIT: Gibt’s denn auch was, das die Deutschen den Briten voraushaben?

Fletcher: Im Urlaub auf jeden Fall die Spezialausrüstung: Sie bereiten jede Reise akribisch vor und stellen sich ihr wie in einem Kampf, tauchen natürlich mit Profiwanderschuhen auf – und deklassieren alle anderen zu Amateururlaubern. Wir Engländer hingegen haben vorab nichts recherchiert und haben erst recht nicht das richtige Equipment dabei.