Schafft den Mittelbau ab!

Fabian Goppelsröder, Philosoph: Die Hochschulreformen der letzten Jahre sollten das System flexibler machen. Aber das alte Prinzip der Lehrstuhluniversität wurde nicht angetastet. Anstatt dem Nachwuchs früh die Eigenständigkeit zu geben, die gute Wissenschaft benötigt, bleibt er auch nach der Promotion in einer Art feudaler Abhängigkeit vom Professor. Mit der großen Zahl an nachdrängenden Leuten schafft das eine Atmosphäre der Angst. Wer nicht passt, kann jederzeit ersetzt werden – eine ganze intellektuelle Reservearmee steht bereit. Die Folgen sind fatal, denn eigentlich ist die Wissenschaft auf Kreativität und Eigensinn angewiesen.

Die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ändert daran wenig. Wir brauchen keine halbherzige Modifikation bestehender Strukturen. Statt im Mittelbau längere Vertragslaufzeiten zuzulassen, sollte man ihn abschaffen – und die frei gewordenen Mittel ausschließlich in Juniorprofessuren mit Tenure-Track und W2-Professuren stecken. Ich wünschte mir, dass Politik und Universitäten einen Wandel einleiteten, der auch jüngeren Wissenschaftlern und der Qualität ihrer Forschung gerecht wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 23.07.2015.

Ich selbst bin nach meiner Promotion in den USA nach Deutschland zurückgekehrt. Ich hatte Glück, konnte in Potsdam und Berlin in einem inspirierenden Umfeld arbeiten, zunächst mit einem dreijährigen Stipendium. Das klingt zwar schön, tatsächlich ist man damit aber nicht sozialversichert und besitzt anschließend nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld. Seit Herbst 2014 habe ich eine halben Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Für eine Familie reicht das kaum aus. Deshalb gehen wir im September für zwei Jahre zurück in die USA. Ob sich danach in Deutschland bessere Perspektiven auftun? Eine kleine Gesetzesnovelle wird dafür jedenfalls nicht ausreichen. Wenn die Unis international konkurrenzfähig sein wollen, sind weniger Hierarchie und mehr Offenheit für kreative Forschungsprojekte unumgänglich.

Fabian Goppelsröder, 37, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin