Ein bisschen Gefahr, aber nicht zu viel © gregepperson / photocase.de

Was könnte man nicht noch alles erleben? Einen Hundeschlitten durch die verschneiten Wälder Lapplands steuern. Den Sonnenaufgang in der Roten Wüste Usbekistans genießen, nachdem man die Nacht in der Jurte einer Nomadenfamilie verbracht hat. Neben Haien durch das türkisfarbene Belizianische Meer schnorcheln. Oder einem Leoparden auf einer Safari durch Botswanas Savanne direkt in die leuchtenden Augen schauen.

All das sind keine Tagträume, sondern reale Angebote aus den Katalogen der Veranstalter Ikarus Tours, Intrepid Travel und goXplore. Sie wollen gelangweilten Großstadtmenschen im Urlaub das bieten, was die im Alltag nicht mehr kennen: Abenteuer.

In Amerika erwirtschaften Anbieter wie die Peak Adventure Travel Group pro Jahr Hunderte Millionen Dollar. Auch in Deutschland wächst dem Deutschen Reiseverband zufolge das Bedürfnis, unterwegs etwas erleben zu wollen. "Weiteres Wachstum sowohl im Umsatz als auch bei den Gästezahlen" verspricht sich etwa Ury Steinweg vom Erlebnisreise-Anbieter Gebeco, der mehrheitlich zum Reisekonzern TUI gehört.

Dem erlebnishungrigen Abenteurer steht nur eines im Weg: sein Sicherheitsbedürfnis. Eine Studie von TUI und TNS Emnid aus dem Jahr 2011 ergab, dass für 86 Prozent aller Befragten die eigene Sicherheit ein unbedingtes Entscheidungskriterium für die Buchung einer Reise ist. Gar 95 Prozent haben den Wunsch, auf einer Reise im Krisenfall nicht auf sich allein gestellt zu sein. Das aber läuft allem zuwider, was ein Abenteuer ausmacht: Nervenkitzel, der Reiz des Risikos und des Ungewissen.

Für die Veranstalter ist das indes kein Widerspruch. Sie verkaufen komplett verplante Standarderlebnisse als atemberaubende real life experience. "Unsere Reisen sind von Anfang bis Ende organisiert und werden von einem Tour-Guide begleitet", erklärt zum Beispiel goXplore. Die Reisenden würden betreut und müssten sich um nichts kümmern. Auch bei anderen Anbietern lässt sich der Reiseverlauf im Katalog schon vor dem Abflug genauestens nachlesen. Zum Service gehören geregelte Mahlzeiten und ein bequemer Schlafplatz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Statt vom Abenteuern müsse man eigentlich von "be-abenteuern" sprechen, wendet der Wagnisforscher und Pädagoge Siegbert Warwitz ein, vom "passiven Konsumieren von spannenden Ereignissen, für die man aber keine Eigenverantwortung trägt". Dabei sei sie der Kern eines Abenteuers. Die Spannung erwachse nicht aus spektakulären Ereignissen, sondern aus dem Risiko, bei der Bewältigung einer Gefahr zu scheitern, sagt Warwitz. "An Abenteuern kann man wachsen. Indem man sich in eine unbekannte Situation begibt, erlernt man die Mechanismen und Methoden, mit denen sich schwierige, auch gefährliche Situationen meistern lassen."

Genau das aber ist unmöglich, wenn die Reiseveranstalter bloß eine Art Zoobesuch organisieren. Oder ist es nur genau das, was die Kunden wünschen? Das legen Beobachtungen von Psychologen nahe: Alles, was Verbraucher tun, essen, kaufen und erleben, soll einen repräsentativen Wert erfüllen. Die Selbstdarstellung, bestätigt Psychologieprofessor Lothar Laux, habe in sämtlichen Lebensbereichen evident zugenommen; sie werde heute noch viel bewusster und intensiver betrieben als vor ein paar Jahren. Das liege auch an der starken Bedeutung Sozialer Netzwerke wie Facebook, in denen sich Menschen selbst darstellten. Abenteuerreisen würden perfekt in diese Logik passen, sagt Laux – erst recht, wenn sie unter diesem Namen vermarktet werden. "Wie vorteilhaft, wenn ich mich als kultivierter, offener und abenteuerlustiger Mensch darstellen kann und mein eigentliches Ziel, die Bestätigung meines grandiosen Selbst, dadurch erreiche, dass mich die anderen bestaunen."

Werbesprüche von Erlebnisreiseveranstaltern bestätigen das. "Entlang malerischer Panorama-Strecken wirst du eine Hand garantiert immer an deiner Kamera haben", heißt es zu einem Angebot. Darum geht es bei Abenteuerreisen wirklich. Um etwas zu erleben, braucht man nämlich keine Fotos. Man braucht sie nur, um sie anderen zu zeigen.