Von Damaskus aus (hier in einer Aufnahme um 1880) verbreiteten sich durch die Intrige von 1840 die Stereotype der christlichen Judenfeindschaft. © Hulton Archive/Getty Images

Es war ein Seufzer der gequälten Vernunft, den Heinrich Heine im Mai 1840 den Lesern der Augsburger Allgemeinen Zeitung aus Paris sandte. Zwar sei in Europa, so schrieb er, "nur noch in Gedichten und Romanen von jenen Hexen, Werwölfen und Juden die Rede, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nötig haben". Hier dienten dem aufgeklärten Geist die "schauerlich naiven Sagen" der Vorväter längst zur Unterhaltung. Doch "im Morgenlande" entsinne man sich wieder der fürchterlichen Legenden. Unter Folter habe man dort Juden die Aussage abgepresst, dass es für das "Paschafeste etwas Christenblut brauchte" zum "Eintunken" der "trocknen Osterbröde".

Den Anlass für Heines Notiz gaben Nachrichten aus Damaskus. Am 5. Februar waren dort der sardische Kapuzinermönch Tommaso da Calangiano und sein Diener Ibrahim Amara verschwunden. Der Pater, seit mehr als drei Jahrzehnten in Damaskus tätig und als Impfarzt stadtbekannt, soll zuletzt im jüdischen Viertel der Stadt gesehen worden sein. Sofort gerieten dessen Bewohner in Verdacht. Das Gerücht von einer rituellen Schlachtung machte die Runde. Der Mob bedrängte weit über Damaskus hinaus die jüdischen Gemeinden. Eine aus Europa hinlänglich bekannte Eskalation drohte. Dazu beigetragen hatten jedoch weniger die Muslime als vielmehr Damaszener Christen und europäische Diplomaten: Sie erst steuerten die Elemente bei, die aus dem Vermisstenfall eine Katastrophe für die Juden machten.

Die Katholiken des Mittleren Ostens unterstanden dem Schutz Frankreichs, daher hatte sich der französische Konsul, Graf Benoît de Ratti-Menton, in die Ermittlungen eingeschaltet. Er wertete das Verschwinden des Mönchs als einen Angriff auf die französische Nation – und war der Überzeugung, Pater Tommaso sei einem geheimen kannibalischen Ritus der Juden zum Opfer gefallen.

Ohne das Zutun des Diplomaten und seiner Entourage hätten die osmanischen Behörden die Sache womöglich fallen lassen, zumal der muslimische Polizeichef der Stadt die Juden in Schutz nahm. Ratti-Menton jedoch hatte den Gouverneur Sherif Pasha auf seiner Seite. So kam es zu Massenverhaftungen, auf deren Höhepunkt mehr als 60 jüdische Kinder als Geiseln genommen wurden. Man setzte Spione ein, ließ jüdische Wohnhäuser durchsuchen. Doch weder Mönch noch Diener wurden gefunden. Dafür entdeckte man etwas anderes: Man fischte Knochenreste und Textilfetzen aus dem Abwasser – und ordnete sie den Vermissten zu.

Beweise gab es keine. Ratti-Menton aber bekam, was er wollte. Etliche Juden "gestanden" unter Folter, der Pater sei von Mitgliedern der Gemeinde "geschächtet" worden. Es fielen die Namen von Rabbinern, Bankiers und Kaufleuten. Ein Gelehrter konvertierte zum Islam, um sein Leben zu retten. Er wurde gemeinsam mit anderen gezwungen, den Talmud ins Arabische zu übertragen und einen theologischen Nachweis jüdischer Feindseligkeit zu erbringen.

Viele Juden überlebten die Folter nicht – unter ihnen ein Zeuge, der den Pater außerhalb des jüdischen Quartiers gesehen hatte. Andere Hinweise, wie der auf einen Streit, in den der Pater verwickelt gewesen sei, wurden unterschlagen. Sie passten einfach nicht ins Bild.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Dennoch kam Ratti-Menton nicht zum Ziel. Ruhelos suchte er – es war eine regelrechte Obsession – die Flaschen mit dem "Christenblut", welche die jüdischen Mörder seiner Meinung nach abgefüllt haben mussten. Natürlich fand sich nichts, und das Schicksal des verschwundenen Kapuziners und seines Dieners blieb ungeklärt und ist es bis heute.

Die Situation der Juden aber veränderte sich in der gesamten Levante, jenem Gebiet des östlichen Mittelmeers, das unter osmanischer Herrschaft stand und in dem die Juden seit vorislamischer Zeit fester Teil der Gesellschaft waren. Plötzlich schien es eine Erklärung für ungelöste Verbrechen zu geben: In Smyrna und auf Rhodos wurden Ritualmord-Anklagen erhoben, Aufruhr und Übergriffe waren die Folge. Bald konnten sich auch Juden in Beirut kaum mehr auf die Straße trauen.

Tommaso da Calangiano und sein Diener Ibrahim Amara

Über die französischen Zeitungen erreichte die Kunde Europa, wo sie – als blutiges Spektakel aus dem Orient – von Land zu Land kolportiert wurde. Da man internationale Nachrichten voneinander abschrieb, bestimmte der von der französischen Presse gesetzte negative Ton schnell die europäische Debatte. Zur Veranschaulichung der Verhältnisse im "Morgenland" legten die Blätter viel Wert auf die Schilderung der Verhörmethoden. Schaurige Details – von Quetschungen und vom Auspeitschen, von Verbrennungen und anderen Qualen – ermöglichten es der Leserschaft, sich über "die Juden" und "die Türken" gleichermaßen zu empören. Vor allem monarchistische und katholische Medien bedienten die Sensationsgier des Publikums.