Zertrümmert, zerlegt und zerbröselt: Hamburgs Geschichte ist eine Geschichte aus Staub und Asche. Kein alter Stein, so scheint es, darf auf dem anderen bleiben. Was Brände und Kriege nicht erledigen, geht in den Schlachten der Immobilienwirtschaft unter. Hamburg, so schrieb einst Alfred Lichtwark, der erste Direktor der Kunsthalle, "hätte die Stadt der Renaissance sein können, des Barock und des Rokoko. Doch alle diese Schätze wurden stets begeistert dem Kommerz geopfert."

Die Statistiken geben Lichtwark noch immer recht. Längst hat die Abrissbirne auch weite Teile der Gründerzeit vernichtet, noch nicht mal mehr zehn Prozent aller Gebäude in Hamburg sind heute älter als 100 Jahre. Und diese zehn Prozent stehen nur deshalb noch, weil etliche Bürger das Tabula-rasa-Denken der Stadtplaner und Architekten nicht dulden wollten: Sie protestierten gegen den Totalabriss von St. Georg, wo einst irrwitzige Turmgebilde mit 62 Stockwerken emporwachsen sollten. Sie retteten das Karoviertel vor den gnadenlosen Erweiterungsplänen der Messe. Selbst die letzte einigermaßen intakte Zeile von Kaufmannshäusern an der Deichstraße wäre ohne Bürgerproteste wohl plattgemacht worden. Hamburg ist autoaggressiv, Hamburg will sich selbst entsorgen. Deshalb muss Hamburg sich vor Hamburg schützen.

Andere Städte, auf ähnliche Weise vom Krieg geschunden, mühen sich manisch darum, ihre historischen Überbleibsel zu bewahren. In Frankfurt, Dresden oder Braunschweig werden gar längst verlorene Bauten rekonstruiert, um den Geschichtsverlust wiedergutzumachen. In Hamburg aber zeigt sich der gegenteilige Effekt: Je weniger alte Bauten es gibt, desto geringschätziger werden sie betrachtet. Zwar kommt kein Planer mehr auf die Idee, das halbe Ottensen oder ganze Straßenzüge in Winterhude auszulöschen. Doch der Drang zum Weg- und Runtermachen ist ungebrochen, ja er wächst im Moment sogar, ohne dass es bislang recht bemerkt worden wäre.

Die Statistik verzeichnet für das Jahr 2010 einen Verlust von 76 sogenannten Nichtwohngebäuden; 2014 sind es gleich 147 abgerissene Häuser, fast doppelt so viele. Alles in allem, die Wohnbauten eingerechnet, fielen über tausend Hamburger Bauwerke den Baggern und Presslufthämmern zum Opfer, tausend in gerade mal einem halben Jahrzehnt.

So verschwinden unter den Augen der Öffentlichkeit weite Teile des Weichbilds: mal eine unscheinbare Gründerzeitvilla in Harvestehude, mal Terrassenhäuser in Wandsbek, mal ein paar Fabrik- und Lagerhallen im Hafen. Immer sind es Einzelfälle, jeder für sich nicht unbedingt dramatisch. Es sind keine Denkmale von herausragendem Wert, die massenhaft verloren gehen, es sind gewöhnliche alte Häuser. Oft hat man sie im Moment ihres Abrisses schon vergessen. Dann sieht man gelegentlich Passanten, die vor einer Baulücke stehen bleiben und sich verwundert am Kopf kratzen, weil ihnen partout nicht einfallen will, was dort, wo nun die Leere gähnt, eigentlich gestanden haben mag.

Warum lässt sich Hamburg das gefallen? Weshalb gibt es bestenfalls ein paar versprengte Anwohnerproteste? Wieso erhebt sich kein Sturm der Entrüstung?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vielleicht liegt es daran, dass sich das wahre Ausmaß der Verluste so schwer greifen lässt. Vielleicht auch daran, dass es in Hamburg so wenige ikonische Bauwerke gibt, an denen sich die große Abriss-Empörung entzünden könnte. Vor allem aber liegt es wohl am Gleichmut der Hamburger. Um keinen Preis wollen sie zu viel Gefühl zeigen, wollen nicht wehmütig erscheinen, nicht verträumt und schöngeistig. Lieber vertrauen sie dem Geist des Rationalen.

Dieser Geist sagt ihnen: Passt mal auf, die Stadt ist kein Museum. Es ist das Normalste der Welt, dass alte Häuser, morsch und ungepflegt, irgendwann nicht mehr rentabel sind und dem Neuen weichen müssen. Und bitte, liebe Hamburger, was fehlt euch denn eigentlich, wenn Bauten wie das Rubbert-Haus von 1891 am Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg verschwinden? Was geht verloren, wenn in Eppendorf ein Landhaus aus dem 18. Jahrhundert abgerissen wird? Kommt die Stadt nicht auch ohne die Mutzenbecher-Villa im Niendorfer Gehege oder die Gewächshäuser im Jenischpark gut zurecht? Ihr habt es doch schön! Und könntet es noch schöner haben, ohne den alten Plunder.

Die wenigsten Bau- und Abrissherren plagt ein schlechtes Gewissen. Beflügelt vom Geist des Rationalen rühmen sie sich der unternehmerischen Tat und des allgemeinen Fortschritts. Irgendwo im alten Gemäuer steckt schließlich immer ein Holzbock oder Schwamm, Fundamente sind feucht, Dachstühle rott, Treppenhäuser unzumutbar eng. Schon im Interesse der Bewohner muss das Übel dringend entfernt werden. Und fördert nicht ein Neubau ohnehin das Allgemeinwohl, weil er in der Regel mehr Wohnraum bietet und außerdem viel umweltgerechter errichtet und gedämmt ist?

Das Baugeld ist billig, es muss ganz dringend arbeiten. Und wo es für das Investment keine leeren Grundstücke gibt, da werden sie halt leer gemacht. Spätestens seit Joseph Schumpeter gilt das Prinzip der schöpferischen Zerstörung auch in der Architektur: Nur wo abgerissen wird, können Bauten entstehen, die technisch, funktional und ökonomisch allen Vorgängern haushoch überlegen sind.