Schlug seinem Auftraggeber vor, sich das Werk doch in den Hintern zu schieben: der vietnamesische Künstler Danh Vo. © dpa

Offene Briefe, ausgetauscht zwischen einem Künstler und einem Sammler, bewegen gerade die Kunstwelt. In ihnen wird ein vor einem Rotterdamer Gericht verhandelter Prozess fortgesetzt. Angestrengt wurde er im Herbst 2014 vom niederländischen Sammler Bert Kreuk gegen Danh Vo, einen global erfolgreichen Künstler mit vietnamesischen Wurzeln und dänischem Pass. Er sollte für eine Ausstellung Kreuks im Den Haager Gemeentemuseum eine raumfüllende neue Installation anfertigen, lieferte aber nur eine kleine, bereits existierende Arbeit. Der Sammler klagte daraufhin wegen Rufschädigung und kuratorischen Mehraufwands, das Gericht verurteilte Danh Vo dazu, die zugesagte Installation im Wert von 350.000 Euro innerhalb eines Jahres anzufertigen oder eine Strafe in derselben Höhe zu zahlen.

Seinen Vorschlag für das gerichtlich befohlene Kunstwerk teilte Danh Vo, der zugleich gegen das Urteil in Berufung geht, vor wenigen Wochen in einem offenen Brief an Bert Kreuk mit. Er wolle ein Zitat aus dem Film Der Exorzist an eine Wand schreiben. Allerdings fällt es schwer, darin nicht eine Beleidigung des Sammlers durch den frustrierten Künstler zu sehen: "Shove it up your ass, you faggot" – etwas geschönt übersetzt mit "Schieb’s dir in den Hintern, schwuler Kerl". Kreuk replizierte seinerseits in einem offenen Brief, wies Danh Vos Verhalten als kindisch zurück und schlug ein anderes Zitat aus demselben Film vor: den Ausschnitt eines Gebets, in dem es um die Errettung vor Zorn, Hass und Böswilligkeit geht ("From anger, hatred and all ill-will"). Alternativ könne Danh Vo Werke im Wert von 350.000 Euro einem Museum stiften, er wolle dann noch mal dieselbe Summe drauflegen.

Dieser – noch nicht abgeschlossene – Fall dokumentiert einen geradezu klassischen Machtkampf zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. Rüde und auf fragwürdigem Niveau findet er vielleicht auch deshalb statt, weil es im Bereich der Kunst oft an Erfahrung und Ethos mangelt, wenn es um Aufträge geht. Viele Künstler, obwohl wie kaum jemand sonst durch einen Markt definiert, hängen noch an einem aus der Zeit der Avantgarden stammenden Selbstverständnis von Autonomie, reagieren also empfindlich auf Vorgaben und Regeln und sehen sich lieber als Rebellen denn als korrekte Geschäftsleute. Auftraggeber und gerade private Sammler tun sich umgekehrt oft schwer, das Verhalten von Künstlern richtig einzuschätzen. Entweder erwarten sie von ihnen naiv dasselbe wie von anderen Vertragspartnern, oder aber sie fassen Künstler nur mit Samthandschuhen an und lassen ihnen jede Marotte und Schikane durchgehen. Beides droht die Qualität der Auftragsarbeit zu beeinträchtigen, die einmal beschränkt, im anderen Fall beliebig-bequem zu werden droht.

Künstler sind stolz – und doch abhängig von ihren Geldgebern

Dass scheiternde Auftragsverhältnisse zur Publikation von Briefen führen, kam in den letzten Jahren mehrfach vor. So stellte Carolyn Christov-Bakargiev, 2012 Kuratorin der Documenta, in einem großen, sonst leeren Raum in einer Vitrine einen Brief von Kai Althoff aus, der auf mehreren Seiten detailliert erklärt, warum er einen von ihr erteilten Auftrag nicht annimmt. Das Dokument zeugt allerdings weniger vom Selbstbewusstsein des Künstlers als von der Macht der Kuratorin, die nicht nur entscheidet, wer was machen darf, sondern offenbar auch erwartet, dass man ihr so devot-besorgte Briefe schreibt wie Althoff.

Hier zeigt sich, wie stark Auftraggeber auf das Kunstgeschehen einwirken und wie abhängig Künstler von der Gunst derer sind, die Geld und Aufmerksamkeit verteilen. Tatsächlich ist Auftragskunst mittlerweile wieder so selbstverständlich wie in vormodernen, von Adel und Kirche geprägten Zeiten. Ob für Unternehmensfoyers oder Flagship-Stores, für Wohnzimmer und Jachten privater Sammler, für Bühnenbilder, Cafés, Weinetiketten – es gibt fast nichts, wofür nicht schon Künstler beauftragt wurden. Zwar geht es dabei oft um Repräsentation und ums Angeben, doch zugleich dürfte etliches an Schattenkunst existieren: Werke, die so wenig bekannt werden wie ehedem in Schlössern, ja die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Vermutlich würde man staunen, würde auf einmal publik, welche Künstler Swimmingpools mit neuen Formen von Historienbildern ausstatten oder zu welchen Lampen, Sofas und Teppichen sich der ein oder andere Installationskünstler hinreißen lässt, wenn die Bezahlung stimmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Allerdings können sich die Auftragsverhältnisse auch umkehren. Häufig laden Museen und Galerien Künstler ein, um bei diesen die Werke in Auftrag zu geben, die sie zeigen wollen. Schnell kommen dann jedoch zum Künstlerstolz noch Auftraggeberallüren hinzu, entsprechend strapaziös kann die Zusammenarbeit für die Institution werden. Schlimm endete 2007 ein Projekt des Massachusetts Museum of Contemporary Art mit dem Schweizer Künstler Christoph Büchel. Ohnehin bekannt für riesige Installationen, wollte Büchel die Infrastruktur des mit großen Werkstätten ausgestatteten Museums voll ausnützen. Er plante ein Werk, das unter anderem aus einem zweistöckigen Haus, einer ausgebrannten Boeing 727, einem alten Kino und einem Karussell mit Bomben bestehen sollte. Nachdem die Produktionskosten schon auf über 300.000 Dollar gestiegen waren, wurde es dem Direktor des Museums zu viel. Er blies das Projekt aber nicht nur ab, sondern präsentierte die bereits fertigen Teile verpackt in einer Ausstellungshalle. Daraufhin klagte Büchel, verlangte den Abbau der Fragmente und Schadensersatz, unterlag aber vor Gericht. In Reaktion darauf deklarierte er die Briefe, die der Direktor ihm im Zuge der Auseinandersetzungen geschrieben hatte, zu seinen Kunstwerken und bot sie stückweise zum Preis von jeweils 45.000 Euro zum Verkauf an.