Adolf Hitler in Bayreuth, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hat. Mit weichen, vor Zärtlichkeit fast verschwimmenden Gesichtszügen; im Tête-à-Tête mit Wieland Wagner, seinem erklärten Liebling unter den Wagner-Kindern, wie er ihm die Hand leise ans Revers legt oder auf dem sich ihm entgegenkrümmenden Rücken des jungen Mannes etwas schreibt; mit dem Bayreuther Regisseur und Dirigenten Heinz Tietjen, und wie ihre Hände sich verfehlen, die eine zum Hitlergruß ausgefahren, die andere, ganz jovial, zum Schütteln bereit. Und wieder und immer wieder: Hitler an der Seite der Bayreuther Festspielchefin Winifred Wagner, mal sinnierend, mal offenherzig strahlend. Winifred, so hat die Forschung inzwischen ermittelt, war wohl schwer in den Führer und Massenmörder verliebt (was man sieht), wohingegen dieser, wenn er in den 1930er und 1940er Jahren nach Bayreuth kam, oben auf dem Festspielhügel seine ideologischen und anderen Batterien aufzuladen pflegte – und unten, in Haus Wahnfried, der ehemaligen Villa Richard Wagners, das Familienleben genoss, Nähe, Vertrautheit, so etwas wie Intimität.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Zu verdanken sind die Bilder auf dieser Seite dem Regisseur Hans-Jürgen Syberberg, der sich mit Filmen wie Ludwig, Requiem für einen jungfräulichen König (1972) oder Hitler, ein Film aus Deutschland (1977) früh an deutschen Mythen abgearbeitet hat. 1975, ein Jahr vor dem 100. Geburtstag der Bayreuther Festspiele, drehte Syberberg in Bayreuth sein legendäres fünfstündiges Epos Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914 – 1975. Am Originalschauplatz, in Wahnfried, genauer gesagt im sogenannten Siegfried-Haus, links vor der Villa gelegen und von Wagners Sohn Siegfried in den 1890er Jahren erbaut. Hier lebte dessen Witwe Winifred bis zu ihrem Tod 1980, hier empfing sie Hitler zum Tee und zu trauten Abenden am Kamin, und hier, im Gartenzimmer, drehte Syberberg auch seinen Film, in dem faktisch nur sie spricht, Winifred. Die Bekanntschaft mit der "unerbittlichen Herrin und Herrscherin", dem "Drachen" (Wolf Donner 1975 in der ZEIT) verdankte der Filmemacher den beiden Wolfgang-Wagner-Kindern Eva und Gottfried. Sie müssen unsere Großmutter kennenlernen, hieß es, die ist eine tolle Frau.

Seit 1975 hütet Hans-Jürgen Syberberg diese Bilder, und dass er sie nun zeigt, dass er uns ihre Geschichte erzählt, hat mit seinem Winifred-Film im Grunde wenig und mit der feierlichen Wiedereröffnung von Wahnfried am vergangenen Wochenende viel zu tun. Seit 1976 ist das Haus ein Museum (mit Archiv), fünf Jahre lang wurde nun renoviert, umgebaut und neu gestaltet. "Zeitgemäß" wollte man sein und den Erkenntnissen moderner Museumspädagogik gehorchen. Und genau das fuchst Hans-Jürgen Syberberg. Erst habe man ihm Kränze gewunden, ohne den Winifred-Film in voller Länge ginge gar nichts im neuen Museum, ein unverzichtbares Dokument. Und dann war plötzlich alles anders.

Es gebe ein neues Konzept für das Siegfried-Haus, hieß es, die Gestaltung der Räume durch das Stuttgarter Architekturbüro HG Merz gestatte keinerlei Extratouren. Entweder ein paar Häppchen aus Winifred oder gar nichts. Dann eben gar nichts, sagt Syberberg und ist zornig, gekränkt.

Man kann es ihm nicht verübeln. Das Design richtet heute über den Inhalt. Nackte Wände, bodennahe Monitore von 25 mal 100 Zentimetern, pro Raum eine schmale Schautafel, Winifreds Bibliothek hinter Glas – mehr soll, darf und wird im Siegfried-Haus fortan nicht zu sehen sein. Winifreds Mobiliar wurde 1976 unter den Erben verteilt, auch die Museumsbüros im ersten Stock erhielten das eine oder andere Stück, und mit ein bisschen Mühe wäre bestimmt der Schürhaken noch aufzutreiben gewesen, mit dem der Führer im Kaminzimmer in der nächtlichen Glut stocherte. Doch genau das wollte man in Wahnfried nicht. Nichts Sinnliches, bloß keine NS-Geschichte zum Anfassen, keine Reliquien-Revue! Und also auch keinen Winifred-Film. Als trügen die Quellen mit Schuld an der Schuld, als könnte ihnen, ehe man sich’s versieht, alles Teuflische, Böse noch einmal entweichen.

Einer seiner Kompromissvorschläge, berichtet Syberberg, hätte vorgesehen, und hier wird es spannend, im Esszimmer eine Installation einzurichten: den Satz der Sätze aus dem Winifred-Film ("Wenn der Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer ...") erstmals mit Sequenzen aus jenem Filmmaterial zu illustrieren, das der junge Wolfgang Wagner in den 1930er Jahren in Wahnfried gedreht habe, eigenhändig, draußen im Garten wie drinnen im Siegfried-Haus. Mutter Winifred mit Hitler alias "Onkel Wolf" beim Teetrinken und Flanieren, Hitler beim Scherzen mit den Schwestern Friedelind und Verena. Auch den Dirigenten Wilhelm Furtwängler und den Komponisten Richard Strauss, Stars des damaligen Musiklebens, habe Wolfgang vor die Kamera gekriegt und Tietjen, wie gesagt, mit dem Winifred sich nach 1945 eine Zeit lang tröstete. Und einschlägige Nazigrößen als Dauergäste sowieso.

Auf diesem Material beruhen Syberbergs Bilder. Er hat die wichtigsten Szenen des Filmchens ganz einfach abfotografiert. Sicherheitshalber.