Asylbewerber vor der Zentralen Aufnahmestelle in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Täglich treffen vor Deutschlands Flüchtlingsheimen ungezählte traumatisierte Menschen auf Glatzköpfe und Wutbürger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Katastrophe passiert. In dieser Lage kommt es auf jedes Wort an. Vor allem ist entscheidend, wie man eine Kontrolle des Flüchtlingsstroms, wie man Restriktionen politisch begründet, ohne den Hetzern in die Hände zu spielen.

Wer muss gehen? Fatal ist es, wenn "die Guten" sich an dieser Frage nicht die Finger schmutzig machen wollen.

In der vorigen ZEIT-Ausgabe hat meine Kollegin Caterina Lobenstein in ihrem Leitartikel Der Rauswerfer dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer den Marsch geblasen, weil er von "massenhaftem Asylmissbrauch" durch Flüchtlinge vom Westbalkan sprach, dem er durch "rigorose Maßnahmen" entgegentreten wolle.

Mir hat Seehofers Ton auch nicht gefallen. Aber dass unser Asylrecht der falsche Weg ist, um das Elend der osteuropäischen Roma zu beenden, ist offenkundig. Auch der Wechsel aus dem Asylsystem in den Arbeitsmarkt ist keine Alternative, weil viele dessen Anforderungen nicht gewachsen sind. Die 100.000 Flüchtlinge, die allein Nordrhein-Westfalen aufnehmen und unterhalten soll, davon mindestens die Hälfte Osteuropäer, konkurrieren mit den Allerärmsten, darunter auch Migranten früherer Jahre.

Caterina Lobensteins Leitartikel ließ nur einen Schluss zu: Es gibt kein Problem mit Flüchtlingen vom Westbalkan, mit keinem Flüchtling von irgendwoher! Wenn ihr nur mal den Hintern aus dem Sessel hieven und dem Elend ins Angesicht blicken würdet, könntet ihr etwas anderes nicht einmal mehr denken.

Aber das ist nicht nur sachlich falsch. Es wirkt auch wie der Versuch, eine Diskussion zu beenden, die einem nicht passt. Man muss sagen dürfen, dass es Probleme gibt – auch wenn niemand die Probleme "Abschaum" nennen darf.

Es ist schön, dass die Bundesregierung gegenüber Fremdenfeindlichkeit nicht einen Hauch von Verständnis signalisiert. Rassismus, Antisemitismus – da läuft die Kanzlerin des Ungefähren zu einer wütenden Entschiedenheit auf, die Gold wert ist. Und dass ihr der deutsche Boulevard in dieser Frage sogar vorauseilt, ist mindestens Silber.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015. Lesen Sie darin auch: "Was kostet ein Flüchtling?".

Aber auch für den Rest des politischen Establishments, Medien einmal eingeschlossen, kommt es jetzt darauf an, keine frommen Wünsche als Realitäten zu verkaufen. Wenn die heute Zugewanderten einmal selbst klarkommen, wenn ihre Kinder Jobs haben, dann haben beide Seiten gewonnen. Bis dahin ist es noch weit. Bis dahin wird es auch teuer. Derzeit stehen die vermuteten Kosten der Bundesländer für die Versorgung von Flüchtlingen bei sechs Milliarden Euro im Jahr, und dabei wird es nicht bleiben. Der deutsche Sozialstaat wird sich der neuen Situation anpassen müssen. Je mehr er strapaziert wird, desto kritischer werden die Leute der Einwanderung gegenüberstehen. Man kann nicht zugleich Schweden und Amerika sein.

An dieser Stelle hört man oft: Der Libanon hat nichts und hilft trotzdem. Und in Deutschland hat man doch Millionen von Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg integriert.

Richtig. Aber erstens spielt es eben eine Rolle, wessen Sprache man spricht. Und zweitens sind die Flüchtlingslager im Libanon Jahrzehnte alt, ihre palästinensischen Bewohner Parias, die sozial völlig chancenlos sind. Da sind die Ansprüche in Deutschland andere. Anerkannte Asylbewerber sollen nach Möglichkeit medizinisch versorgt, ordentlich untergebracht, in den Arbeitsmarkt integriert werden.

In den neunziger Jahren verlief die Diskussion ideologischer. Die einen sagten "Asylschmarotzer", die anderen sagten: "Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein." Wer eine Verschärfung des Asylrechts forderte, sah sich schnell unter Naziverdacht. Das ist heute völlig anders. Gerade weil die Solidarität mit Geflüchteten heute nicht mehr unter dem moralischen Druck der deutschen Vergangenheit stattfindet, weil sie freier ist und oft aus Neugier und Interesse erfolgt, gerade deshalb ist sie heute so ein erfreulich verbreitetes Phänomen. Dieses Klima gefährdet, wer Kritikern und Skeptikern soziale Kälte unterstellt.


Kurz erklärt - Wie das Asylverfahren in Deutschland ist