Im Vordergrund: zwei schwarze Monitorboxen, die wie eine Barriere aufgebaut sind. Dahinter zwei Männer vor ihren Keyboardburgen, die aussehen wie Kapitäne eines intergalaktischen Raumschiffes und mit entschlossenem Blick die Tasten ihrer Instrumente drücken. Wenn man jemandem erklären will, was kosmische Kuriere tatsächlich sind, dann müsste man ihm nur dieses Foto zeigen.

Die Musik zu dem Bild kann man auf der Langspielplatte Cluster 71 hören: Da tickt ein Gerät wie ein Geigerzähler und gibt einen vagen Rhythmus vor. Rundherum aber schwellen Orgelklänge an und ab, ballen sich zu gewaltigen Soundmassiven und dünnen dann wieder zu zartem elektronischem Zirpen und Zwitschern aus. Die Oberflächen der Klänge sind rau und zerklüftet wie eine Marslandschaft. Melodien sucht man vergeblich, Harmonie und Wohlklang ebenfalls.

Nichts davon sei geplant gewesen, sagt Hans-Joachim Roedelius, der gemeinsam mit Dieter Moebius jahrzehntelang das Elektronik-Duo Cluster betrieb und heute weltweit als Pionier der Elektronikmusik verehrt wird: "Unsere Musik war intuitiv und entstand im Augenblick. Wir benutzten alles, was gerade da war – manchmal auch Kochlöffel und Wecker." Das Album Cluster 71, dessen radikale, schwer fassbare Tonsprache damals kaum jemand verstand, gilt mittlerweile als erratisches Meisterwerk und als Gründungsmanifest des deutschen Krautrock.

Heute, 44 Jahre später, bastelt Hans-Joachim Roedelius, 81 Jahre alt, aber von äußerst vitaler Ausstrahlung, noch immer an seinen Klängen. Seine Musik ist sanfter geworden, oft mit plätschernden Klavierakkorden und gefälligen Saxofonmelodien. Seit Jahren stellt er auch ein kleines Musikfestival in der idyllischen Seenlandschaft von Lunz in Niederösterreich zusammen. Die nunmehr zwölfte Ausgabe beginnt am 3. August: ein einwöchiges Treffen der erweiterten Musikerfamilie, ein Stelldichein von Klangbastlern, Filmemachern, Poeten, Philosophen, die Roedelius mag und mit denen er kann.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Elektroniker, den man mit seinem mächtigen, kahl rasierten Cäsarenhaupt auch heute noch gut als Zenturio in einem Kostümfilm über das antike Rom besetzen könnte, serviert Kaffee im Garten seiner Erdgeschoss-Mietwohnung in Baden bei Wien. Nach Jahren eines musikalischen Nomadentums und Kommunenlebens hatte es ihn vor fast vier Jahrzehnten, seiner österreichischen Frau folgend, in die herausgeputzte Kurstadt verschlagen. Man denkt nicht an Quasare, Supernovae und schwarze Löcher, sondern eher an das Dreimäderlhaus von Schubert. Aus den Ritzen von Fenstern und Türen quillt gutbürgerliches Ambiente. Amanda, die Tochter von Roedelius, die als freischaffende Künstlerin arbeitet, hat hinter dem Haus eine Statue ins Gras gelegt – sie sieht ein wenig wie eine Mumie aus. Und schon kommt ein Nachbar und sagt zum Künstler: "Ach, Gott sei Dank. Da bist du ja. Ich dachte schon, das bist du, der dort liegt." Roedelius lacht: "So weit ist es noch nicht."

Ein Viertel der Wohnung hat der Elektroniker seinen musikalischen Aktivitäten gewidmet: In der Mitte ein Klavier und ein wenig digitales Equipment, in den Regalen unzählige Tonbänder, die noch auf ihre Veröffentlichung warten. Dieser Raum ist Cockpit und Schaltstelle im globalen Netzwerk, das der Künstler seit vielen Jahren in Gang hält.

Rund 200 Tonträger tragen mittlerweile den Namen Roedelius. Ein tönendes Imperium, das nicht einmal die ergebensten Fans in alle Richtungen durchmessen können. Es liegt auf der Hand, dass da nicht nur Volltreffer dabei sind und das eine oder andere Klanggefüge ein bisschen nahe am Kitsch gebaut ist. Aber mit den besten, sagen wir, 20 Alben, an denen der Musikschöpfer beteiligt war, könnte man einen ganzen Kanon der elektronischen Popmoderne konstruieren.