Zehn Minuten tigert Michael Stich telefonierend über die Terrasse, bevor er in den weißen Korbstuhl sinkt, in dem Bistro in Pöseldorf, das er für dieses Interview vorgeschlagen hat. Er entschuldigt sich für die Verspätung, er habe viel um die Ohren: die letzten Absprachen für die bet-at-home Open, das Traditions-Tennisturnier, das noch bis Ende der Woche am Rothenbaum ausgetragen wird und das er als Direktor leitet. Stich, fliederfarbenes Hemd, Initialen auf den Manschetten, graue Strähnen im zurückgekämmten Haar, beantwortet Fragen ohne Umschweife. Die kommende Stunde ignoriert er fünf Anrufe, die auf seinem Handy aufblinken. Erst als seine Frau sich meldet, geht das Gespräch zu Ende.

DIE ZEIT: Herr Stich, Sie haben den spanischen Weltklassespieler Rafael Nadal für das Turnier am Rothenbaum gewonnen. Wie viel zahlen Sie ihm dafür, dass er kommt?

Michael Stich: Geld spielt natürlich auch eine Rolle, am Ende ist es bei so einem Spieler aber eine grundsätzliche Entscheidung: Will ich da spielen oder nicht? Und wenn das mit seinem Turnierplan passt, müssen wir natürlich drüber reden, wie er dafür angemessen entlohnt wird. Wir haben einen vernünftigen Deal gefunden, mit dem beide Seiten zufrieden sind.

ZEIT: Unsere Rubrik heißt: Über Geld spricht man nicht. Das ist also Ihr Motto?

Stich: Wenn Sie mich jetzt fragen: Was kriegt Nadal als Gage?, dann kann ich Ihnen das nicht sagen, weil das eine Vereinbarung der beiden Parteien ist, nicht darüber zu sprechen. Und es spielt in dem Fall aus meiner Sicht keine Rolle für die Öffentlichkeit.

ZEIT: Durch die Medien geistert die Zahl von 500.000 Euro Antrittsgeld. Der Standort Rothenbaum lebt also noch?

Stich: Der Tennissport ist nach wie vor ein sehr beliebter Sport. Es ist eine der am stärksten wachsenden Sportarten weltweit, was Zuschauerzahlen und Sponsoring angeht. Die Größten der Welt nach Hamburg zu kriegen, egal, in welcher Sportart, kostet Aufwand und Geld. Aber ich glaube, der Lohn dafür wäre, dass sich die Stadt auf ein anderes Level heben würde. Es gibt nichts, das Menschen auf der ganzen Welt, egal, welcher Herkunft oder welcher Hautfarbe, mehr miteinander verbindet als der Sport. Und es ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor. Dafür wird der Sport in dieser Stadt aber immer noch zu sehr hintangestellt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Sie wurden mit 18 deutscher Jugendmeister. Ist das das richtige Alter, um Tennisprofi zu werden?

Stich: Ich wollte nie Tennisprofi werden. Ich habe immer Tennis und Fußball gleichzeitig gespielt, habe den Sport geliebt und es gehasst, zu verlieren. Erst nach dem Jugendmeister-Titel kam der Trainer zu mir und sagte: Mensch, du könntest doch Profi werden.

ZEIT: Wie hat Ihre Familie reagiert?

Stich: Mein Vater ist ganz klassischer hanseatischer Kaufmann. Er hat immer gesagt: Da hast du ja nichts Richtiges gelernt. Total zu Recht! Profisportler war aus unserer Sicht damals kein Beruf. Ich habe nichts gelernt, keine andere Ausbildung gemacht außer diesem Beruf. Klar haben sie sich gefreut, aber das war immer auch ein bisschen ungreifbar für meine Familie. Und für mich genauso.

ZEIT: Kurz darauf haben Sie Wimbledon gewonnen und ordentlich Preisgeld kassiert. Waren Ihre beiden älteren Brüder neidisch?

Stich: Sie haben sich für mich gefreut. Meine Brüder sind meine besten Freunde. Neid gab es nie.