DIE ZEIT: Frau Steinbach, Sie haben eine Büste von Neo Rauch gefertigt. Er saß Ihnen dafür Porträt. Wie haben Sie ihn denn dazu überredet?

Rosi Steinbach: Das war gar nicht so schwierig, wie ich befürchtet hatte. Ich bin auf ihn zugegangen, weil mich ein Kunstsammler gefragt hatte, ob ich nicht eine Büste von Neo machen könne. Und Neo war einverstanden.

ZEIT: War er nicht skeptisch? Neo Rauch gilt ja als sehr scheu.

Steinbach: Er war natürlich nicht überschwänglich begeistert. Erstens, weil er gerade ziemlichen Stress hatte, als ich ihn fragte, ob er sich Zeit für mich nehmen könnte. Er musste eine große Ausstellung vorbereiten.

ZEIT: Und zweitens?

Steinbach: Früher hat, überspitzt gesagt, jeder Handwerksmeister eine Büste von sich anfertigen lassen, das war ganz normal. Heute gilt man schon als sehr eitel, wenn man das tut. Das ist eigentlich schade. Es gibt, wenn Sie mich fragen, kein bleibenderes Zeugnis von einer Person – davon, wie sie aussieht –, als eine Porträtbüste. Lassen Sie eine von sich machen, und Sie sind für die Ewigkeit festgehalten.

ZEIT: Ist Neo Rauch nicht eitel?

Steinbach: Künstler sind alle mehr oder weniger eitel. Neo verkörpert aber das ganze Gegenteil des Images, das Künstlern anhaftet: Er lebt und arbeitet zurückgezogen. Er ist überhaupt kein Selbstdarsteller. Ich glaube, er ist ein ernsthafter, akribischer Arbeiter. Er nimmt die Kunst sehr wichtig, sich selbst aber natürlich auch.

ZEIT: Wie muss man sich die Arbeit vorstellen, wenn Neo Rauch für einen Porträt sitzt?

Steinbach: Er nahm sich zwei Stunden Zeit. Ich durfte ihn in seinem Atelier besuchen. Neo saß an seinem Tisch. Sein Mops war auch dabei. Es war eine sehr konzentrierte Atmosphäre, ganz anregend. Das lag, glaube ich, auch an Neos Atelier. Es ist ein Raum, in dem man sich wohlfühlt.

ZEIT: Haben Sie viel geredet bei der Arbeit?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 31 vom 30.07.2015.

Steinbach: Nein, überhaupt nicht! Wie gesagt, ich war sehr konzentriert. Neo hat hin und wieder eine Frage gestellt, auch mal eine lustige. Zum Beispiel, ob er wirklich so eine große Nase habe, wie ich sie ihm verpasse. Das war selbstverständlich ein Scherz. Neo wollte auch einiges zu meiner Arbeitsweise wissen und gab mir einige Hinweise.

ZEIT: Waren die Ihnen willkommen?

Steinbach: Ja, wenn ich vor einer Büste sitze, ist es ganz hilfreich, zu erfahren, wie die Personen selbst sich sehen. Und Neo hat seinerseits schon großartige Plastiken gemacht, wenn auch nicht aus Keramik. Manche Dinge waren ihm neu: Er war zum Beispiel erstaunt, dass ich seiner Büste ein Loch in den Kopf geschnitten habe.

ZEIT: Ein Loch in den Kopf?

Steinbach: Ja, das musste ich machen, um hineingreifen zu können. Die Plastik ist ja hohl, und so konnte ich von innen noch ein wenig die Form korrigieren.