DIE ZEIT: Seit zehn Jahren schreiben wir das Wörtchen dass mit Doppel-S statt mit Eszett. Wir fischen nicht mehr im trüben, kleingeschrieben, sondern im Trüben, großgeschrieben. Im Ernst: Hat sich dafür der gewaltige Aufwand der Rechtschreibreform gelohnt?

Hans Zehetmair: Die Nation wäre nicht zerbrochen, wenn wir nichts gemacht hätten. Wir hatten und wir haben drängendere Probleme.

ZEIT: Sie gehörten von 1986 an, erst als Kultusminister, dann als Wissenschaftsminister, der Kultusministerkonferenz an, die die Rechtschreibreform vorangetrieben hat. Warum haben Sie denn da mitgemacht?

Zehetmair: Ich habe die Reform nicht erfunden, ich musste auf die Reformbestrebungen vor allem aus Teilen der Wissenschaft reagieren. Aber ich will mich nicht drücken: Ich muss mir vorwerfen, dass ich als Kultusminister nicht frühzeitig die Tragweite erkannt und die Reform in geordnete Bahnen gelenkt habe. Auch viele andere haben Fehler gemacht, aber ich will mich hinter denen nicht verstecken.

ZEIT: Wie erklären Sie einem jungen Menschen, was damals los war? Der Streit um die Rechtschreibreform – einige sprachen vom Dreißigjährigen Krieg – trug surreale Züge. Die einen forderten eine radikale Kleinschreibung, die anderen sahen in jeder Änderung den Untergang des Abendlandes. Schriftsteller empörten sich, Verlage rebellierten, es gab Volksentscheide, das Bundesverfassungsgericht wurde angerufen ...

Zehetmair: Die Auseinandersetzung war wirklich gespenstisch. Mit vorsichtiger Demut möchte ich sagen, dass die Deutschen wohl zur Übertreibung und zum Grundsatzstreit neigen. Es gab die Gipfelstürmer, die alles ändern wollten, die das Lernen und Schreiben vermeintlich vereinfachen wollten. Bemerkenswert, dass sich ausgerechnet namhafte Literaten wiederum gegen jedwede Änderung wandten. Das war genauso überzogen. Das haben wir auch Jahrhunderte früher bei der Buchdruckerkunst gehabt. Viele fürchteten damals den Untergang der Kultur durch diese teuflische Kunst.

ZEIT: Die Reform war also überflüssig?

Zehetmair: In dieser Form sicher. Das heißt nicht, dass behutsame Änderungen nicht nötig sind. Sprache ist nicht statisch, sondern ein lebendiger Prozess. Aber ob man Friseur mit ö schreibt oder mit eu – wen sollte das aufregen? Wenn die Jugendlichen, wie Studien zeigen, problemlos Ketchup mit "chu" schreiben, warum sollen wir sie dann zu Ketschap zwingen? Und warum soll man par ordre du mufti festlegen, dass das Wort Portemonnaie unbedingt eingedeutscht werden muss?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

ZEIT: Um die Reform zu retten, wurde 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung gegründet, dem Gegner und Befürworter der Reform aus den deutschsprachigen Ländern angehören. Sie wurden zum Vorsitzenden berufen.

Zehetmair: Ja, auf Wunsch der Ministerpräsidenten und der Kultusminister habe ich nach meiner Zeit als Minister diesen Canossagang angetreten. Ich hielt es für bedenklich, dass damals eine große Unsicherheit in der Bevölkerung eingetreten war. Es konnte doch nicht angehen, dass sich die deutsche Sprache, die international ja eher ins Hintertreffen gerät, von ihren Trägern, den gewöhnlich schreibenden Menschen, entfernt.

ZEIT: Haben Sie durch den Bußgang denn zum Seelenfrieden gefunden?

Zehetmair: Ich empfinde jedenfalls große Genugtuung darüber, dass um das Thema Rechtschreibung inzwischen Ruhe eingekehrt ist. Im Großen und Ganzen konnten wir das Reformierte reformieren und die Fehler der Politik wieder ausbügeln.

ZEIT: Viele schreiben das Ihrem diplomatischen Geschick zu.

Zehetmair: Der Rat stand unter enormem Zeitdruck. Die unterschiedlichen Meinungen zur Rechtschreibreform prallten aufeinander, und wenn Menschen zusammen sind, dann geht es nicht nur um die Sache, sondern auch um Befindlichkeiten. Da machen Professoren keine Ausnahme. Habe ich das freundlich genug ausgedrückt?

ZEIT: Ich denke, ja. War es überhaupt schlau von der Politik, sich der Rechtschreibung anzunehmen?

Zehetmair: Nein, das sollte nie wieder vorkommen, die Lektion haben alle gelernt. Und auch für den Rechtschreibrat gilt, dass wir nichts verordnen können. Wir müssen Bewegung zulassen und gleichzeitig darauf achten, dass die deutsche Sprache etwa durch die vielen Anglizismen nicht verrottet. Dass es Varianten in der Schriftsprache geben kann, halte ich für normal. Als adverbiale Bestimmung gesehen, spricht zum Beispiel nichts dagegen, im trüben kleinzuschreiben. Sehe ich durch den vorangestellten Artikel stärker das Substantivische, dann bietet sich die Großschreibung, im Trüben, an.

ZEIT: Auch Medien waren an dem Rechtschreibstreit beteiligt. Die ZEIT versuchte es mit einer modifizierten Version, der Spiegel, die FAZ und die Springer-Zeitungen haben die Reform zunächst torpediert, dann aber klein beigegeben.

Zehetmair: Zum Glück hatten wir ja den Gipfel, der da gestürmt werden sollte, schon abgeschliffen.

ZEIT: Die Kultusminister, insofern ist die Politik durchaus zuständig, sind für die Schreibweise in den Schulen zuständig. Was hat sich für die Schüler eigentlich verändert?

Zehetmair: Die Kultusminister sind auch für den Lateinunterricht zuständig, aber nicht für die lateinische Sprache ... Einiges ist für die Kinder sicher einfacher als früher, zum Beispiel die Regel, dass fast alle Wörter großgeschrieben werden, denen ein Artikel vorangestellt ist, also eben im Trüben. Oder das Doppel-S nach kurz ausgesprochenen Vokalen und ß nach langen Vokalen. Meine Tochter ist Grundschullehrerin, und sie sagt, dass man in der Praxis mit der leicht reformierten Rechtschreibung ganz gut zurechtkommt.

ZEIT: Eine Frage noch: Soll ich besser Gemse oder Gämse schreiben?

Zehetmair: Aus etymologischen Gründen ist mir Gemse am liebsten, abgeleitet vom mittelhochdeutschen gemeze. Die Hauptschreibweise ist aber inzwischen Gämse. Notfalls schreiben Sie wie die Jäger Gams.