Du merkst es, wenn deine Kollegen schon nach ein paar Minuten sagen: "Schön, dass wir uns mal wieder gesehen haben." Wenn sie dich bitten: "Lass unbedingt deine Karte hier, du hast doch bestimmt noch eine?" Wenn sie auf ihrem Stuhl herumrutschen, zu ihrem Bildschirm hinübergucken oder in kürzer werdenden Abständen die Nachrichten auf dem Handy checken. Dann spätestens merkst du, dass du wirklich nicht mehr dazugehörst. Du störst an jenem Ort, an dem du so viele Jahre zugebracht hast. Du bist ein Fremdkörper. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen sich Ruhestand schrecklich anfühlt.

"Ich empfehle, lieber nicht an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren", sagt Sven Kuntze. Kuntze, 73, arbeitete 32 Jahre lang als Journalist für die ARD, er hat dort Karriere gemacht, war Korrespondent in Bonn, in New York und in Berlin. Nach seinem letzten Arbeitstag hat er das ARD-Hauptstadt-Gebäude nie wieder betreten. "Ich weiß doch genau, wie es mir selber früher ging, wenn ehemalige Kollegen im Büro standen", sagt er. "Keiner hatte Zeit, alle fühlten sich unbehaglich." Stattdessen hat Kuntze einen Bestseller über das Altern geschrieben: Altern wie ein Gentleman – Zwischen Müßiggang und Engagement. Sein wichtigster Rat: Mach dir keine Illusionen darüber, wie radikal sich alles ändert, wenn der Ruhestand beginnt.

"Wäre die Rente ein Medikament, würde man sie verbieten, wegen der Nebenwirkungen", sagt Wolfgang Prosinger. Auch er ist ein Rentner, der ein Buch über das Leben als Rentner geschrieben hat. Es gebe mehr Selbstmorde, mehr Depressionen, mehr Alkoholismus, nachdem die Rente begonnen habe, sagt er. Beziehungen gingen häufiger in die Brüche, und die Gesundheit verschlechtere sich oft schlagartig. Nur gebe all das kaum jemand zu. "Bei kaum einem Thema wird so viel gelogen", sagt Prosinger.

Der Protagonist in Prosingers Roman heißt Thomas Hecker, er verliert mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben alles: die Lebensgefährtin, das Selbstwertgefühl, die Freunde. Der Ruhestand ist für ihn die reinste Katastrophe. Der Roman habe autobiografische Züge, sagt Prosinger, fügt aber hinzu, ihm selbst gehe es mittlerweile besser, er arbeite ja freiberuflich weiter. Wenn der frühere Journalist heute auf Lesereise durch Deutschland tourt und das Leiden an der Rente schildert, dann klopfen ihm hinterher oft Zuhörer auf die Schulter und sagen: "Endlich spricht das mal einer aus!"

Offiziell gibt es Rentner wie Thomas Hecker nämlich nicht. Wenn Politiker über das Ende des Arbeitslebens sprechen, klingt es, als zeichne der Staat seine Bürger aus. Vom "Lohn für die Lebensleistung" ist die Rede und vom "wohlverdienten Ruhestand". Die Werbung zeigt braun gebrannte Weißhaarige, die auf Segeljachten übers glitzernde Meer rauschen oder fröhlich im Grünen radeln. Marketingexperten ersannen dynamisch klingende Euphemismen wie "Best Ager" oder "Silver Surfer". Und zeigt nicht das große Interesse an der neu eingeführten Rente ab 63, dass der Ruhestand – je früher, desto besser – eine großartige Sache ist? Fast 300.000 Menschen wollen die von der großen Koalition geschaffene Möglichkeit demnächst nutzen, früher aus dem Berufsleben auszusteigen. Die Frührente ist ein Erfolg.

Doch der Schritt in die Frührente könnte auch ein Fehler sein, etwas, das mancher bereut.

"Viele Leute machen sich leider falsche Vorstellungen", sagt Ursula Staudinger, "sie stellen sich das Rentenalter vor wie einen immerwährenden Urlaub und sind dann enttäuscht." Staudinger ist Soziologieprofessorin und Altersforscherin, momentan lehrt sie in New York an der Columbia-Universität. Die Wissenschaftlerin fragte vor einigen Jahren ältere Mercedes-Facharbeiter in Bremerhaven nach ihrer Einstellung zum Ruhestand. Das erstaunliche Ergebnis: Viele hatten sich vor dem Beginn der Rente weitaus positiver darüber geäußert als ein Jahr nach Rentenantritt.

Staudinger hat dasselbe Thema in einer großen Vergleichsstudie mit Daten aus elf Industrieländern untersucht, die demnächst veröffentlicht wird. Das Resultat: Frühe Rente schadet der Gesundheit und reduziert die Lebensfreude. Die Wissenschaftler sprechen vom "subjektiv empfundenen Wohlbefinden". Menschen, die vor dem offiziellen Rentenalter ausscheiden, sind demnach unglücklicher als Gleichaltrige, die weiter arbeiten. Und selbst wenn man berücksichtigt, dass es oft auch die Kranken und Unglücklichen sind, die vorzeitig gehen müssen, bleiben die Ergebnisse eindeutig, sagt Staudinger: Die Vorstellung, mit dem Abschied aus der Arbeitswelt beginne ein schöneres und selbstbestimmteres Leben, sei in vielen Fällen falsch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Befragungen können ein verzerrtes Bild vermitteln, weil Menschen nicht immer ehrlich sind, auch nicht zu sich selbst. Doch auch Untersuchungen, die auf objektiven Daten beruhen, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. So zeigten Wissenschaftler der Universität Zürich, dass Arbeiter umso früher starben, je eher sie in Ruhestand gingen – und zwar nicht nur jene, die gesundheitliche Probleme hatten. Österreich hatte während einer Stahlkrise Ende der achtziger Jahre Arbeitern die Möglichkeit eröffnet, schon mit Anfang fünfzig aus dem Berufsleben auszusteigen. Dieses Angebot galt aber nur für bestimmte Regionen. Deshalb konnten die Forscher zwei Gruppen miteinander vergleichen, deren Gesundheit und Lebenssituation sehr ähnlich waren, von denen aber nur eine vom Regierungsprogramm profitierte. Nachdem sie die Daten von 21.000 Menschen ausgewertet hatten, staunten die Wissenschaftler: Männer, die das gut gemeinte Angebot wahrgenommen hatten, starben früher. Mit jedem Jahr, das sie eher zu arbeiten aufgehört hatten, nahm die Wahrscheinlichkeit, älter als 67 Jahre zu werden, um 13 Prozent ab. Auf die frühe Rente folgte der frühe Tod.

Für Frauen konnten die Wissenschaftler solche Zusammenhänge nicht nachweisen. Sie vermuten, dass die Rente für sie keinen so starken Einschnitt bedeutet wie für Männer, die – zumindest in der untersuchten Generation – ihr Leben fast ganz auf den Beruf ausgerichtet haben. Wie solche Männer mit dem Rentnerdasein fremdeln, hat der Komiker Loriot schon 1991 in seinem Film Pappa ante Portas karikiert. Doch das war Satire über einen Neurentner, der allen auf die Nerven geht, weil er Haushalt und Privatleben managen will wie ein Unternehmen. Von Depression und schnellem Tod war da keine Rede.