Du merkst es, wenn deine Kollegen schon nach ein paar Minuten sagen: "Schön, dass wir uns mal wieder gesehen haben." Wenn sie dich bitten: "Lass unbedingt deine Karte hier, du hast doch bestimmt noch eine?" Wenn sie auf ihrem Stuhl herumrutschen, zu ihrem Bildschirm hinübergucken oder in kürzer werdenden Abständen die Nachrichten auf dem Handy checken. Dann spätestens merkst du, dass du wirklich nicht mehr dazugehörst. Du störst an jenem Ort, an dem du so viele Jahre zugebracht hast. Du bist ein Fremdkörper. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen sich Ruhestand schrecklich anfühlt.

"Ich empfehle, lieber nicht an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren", sagt Sven Kuntze. Kuntze, 73, arbeitete 32 Jahre lang als Journalist für die ARD, er hat dort Karriere gemacht, war Korrespondent in Bonn, in New York und in Berlin. Nach seinem letzten Arbeitstag hat er das ARD-Hauptstadt-Gebäude nie wieder betreten. "Ich weiß doch genau, wie es mir selber früher ging, wenn ehemalige Kollegen im Büro standen", sagt er. "Keiner hatte Zeit, alle fühlten sich unbehaglich." Stattdessen hat Kuntze einen Bestseller über das Altern geschrieben: Altern wie ein Gentleman – Zwischen Müßiggang und Engagement. Sein wichtigster Rat: Mach dir keine Illusionen darüber, wie radikal sich alles ändert, wenn der Ruhestand beginnt.

"Wäre die Rente ein Medikament, würde man sie verbieten, wegen der Nebenwirkungen", sagt Wolfgang Prosinger. Auch er ist ein Rentner, der ein Buch über das Leben als Rentner geschrieben hat. Es gebe mehr Selbstmorde, mehr Depressionen, mehr Alkoholismus, nachdem die Rente begonnen habe, sagt er. Beziehungen gingen häufiger in die Brüche, und die Gesundheit verschlechtere sich oft schlagartig. Nur gebe all das kaum jemand zu. "Bei kaum einem Thema wird so viel gelogen", sagt Prosinger.

Der Protagonist in Prosingers Roman heißt Thomas Hecker, er verliert mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben alles: die Lebensgefährtin, das Selbstwertgefühl, die Freunde. Der Ruhestand ist für ihn die reinste Katastrophe. Der Roman habe autobiografische Züge, sagt Prosinger, fügt aber hinzu, ihm selbst gehe es mittlerweile besser, er arbeite ja freiberuflich weiter. Wenn der frühere Journalist heute auf Lesereise durch Deutschland tourt und das Leiden an der Rente schildert, dann klopfen ihm hinterher oft Zuhörer auf die Schulter und sagen: "Endlich spricht das mal einer aus!"

Offiziell gibt es Rentner wie Thomas Hecker nämlich nicht. Wenn Politiker über das Ende des Arbeitslebens sprechen, klingt es, als zeichne der Staat seine Bürger aus. Vom "Lohn für die Lebensleistung" ist die Rede und vom "wohlverdienten Ruhestand". Die Werbung zeigt braun gebrannte Weißhaarige, die auf Segeljachten übers glitzernde Meer rauschen oder fröhlich im Grünen radeln. Marketingexperten ersannen dynamisch klingende Euphemismen wie "Best Ager" oder "Silver Surfer". Und zeigt nicht das große Interesse an der neu eingeführten Rente ab 63, dass der Ruhestand – je früher, desto besser – eine großartige Sache ist? Fast 300.000 Menschen wollen die von der großen Koalition geschaffene Möglichkeit demnächst nutzen, früher aus dem Berufsleben auszusteigen. Die Frührente ist ein Erfolg.

Doch der Schritt in die Frührente könnte auch ein Fehler sein, etwas, das mancher bereut.

"Viele Leute machen sich leider falsche Vorstellungen", sagt Ursula Staudinger, "sie stellen sich das Rentenalter vor wie einen immerwährenden Urlaub und sind dann enttäuscht." Staudinger ist Soziologieprofessorin und Altersforscherin, momentan lehrt sie in New York an der Columbia-Universität. Die Wissenschaftlerin fragte vor einigen Jahren ältere Mercedes-Facharbeiter in Bremerhaven nach ihrer Einstellung zum Ruhestand. Das erstaunliche Ergebnis: Viele hatten sich vor dem Beginn der Rente weitaus positiver darüber geäußert als ein Jahr nach Rentenantritt.

Staudinger hat dasselbe Thema in einer großen Vergleichsstudie mit Daten aus elf Industrieländern untersucht, die demnächst veröffentlicht wird. Das Resultat: Frühe Rente schadet der Gesundheit und reduziert die Lebensfreude. Die Wissenschaftler sprechen vom "subjektiv empfundenen Wohlbefinden". Menschen, die vor dem offiziellen Rentenalter ausscheiden, sind demnach unglücklicher als Gleichaltrige, die weiter arbeiten. Und selbst wenn man berücksichtigt, dass es oft auch die Kranken und Unglücklichen sind, die vorzeitig gehen müssen, bleiben die Ergebnisse eindeutig, sagt Staudinger: Die Vorstellung, mit dem Abschied aus der Arbeitswelt beginne ein schöneres und selbstbestimmteres Leben, sei in vielen Fällen falsch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Befragungen können ein verzerrtes Bild vermitteln, weil Menschen nicht immer ehrlich sind, auch nicht zu sich selbst. Doch auch Untersuchungen, die auf objektiven Daten beruhen, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. So zeigten Wissenschaftler der Universität Zürich, dass Arbeiter umso früher starben, je eher sie in Ruhestand gingen – und zwar nicht nur jene, die gesundheitliche Probleme hatten. Österreich hatte während einer Stahlkrise Ende der achtziger Jahre Arbeitern die Möglichkeit eröffnet, schon mit Anfang fünfzig aus dem Berufsleben auszusteigen. Dieses Angebot galt aber nur für bestimmte Regionen. Deshalb konnten die Forscher zwei Gruppen miteinander vergleichen, deren Gesundheit und Lebenssituation sehr ähnlich waren, von denen aber nur eine vom Regierungsprogramm profitierte. Nachdem sie die Daten von 21.000 Menschen ausgewertet hatten, staunten die Wissenschaftler: Männer, die das gut gemeinte Angebot wahrgenommen hatten, starben früher. Mit jedem Jahr, das sie eher zu arbeiten aufgehört hatten, nahm die Wahrscheinlichkeit, älter als 67 Jahre zu werden, um 13 Prozent ab. Auf die frühe Rente folgte der frühe Tod.

Für Frauen konnten die Wissenschaftler solche Zusammenhänge nicht nachweisen. Sie vermuten, dass die Rente für sie keinen so starken Einschnitt bedeutet wie für Männer, die – zumindest in der untersuchten Generation – ihr Leben fast ganz auf den Beruf ausgerichtet haben. Wie solche Männer mit dem Rentnerdasein fremdeln, hat der Komiker Loriot schon 1991 in seinem Film Pappa ante Portas karikiert. Doch das war Satire über einen Neurentner, der allen auf die Nerven geht, weil er Haushalt und Privatleben managen will wie ein Unternehmen. Von Depression und schnellem Tod war da keine Rede.

Arbeit funktioniert für manche Menschen wie ein Korsett

Dabei ist die Wissenschaft dem Problem schon länger auf der Spur. Bereits in den sechziger Jahren ergab eine Studie der amerikanischen Psychologen Thomas Holmes und Richard Rahe, dass der Eintritt in die Rente zu den "Top-Ten-Stressoren", zu den am stärksten belastenden Einschnitten im Leben, gehört. Für viele Menschen war die Rente schon damals keine Erfüllung, sondern bloße Zumutung.

Heute sind die Alten so gesund wie nie zuvor. Sie haben Jahrzehnte geschenkt bekommen: Sie fühlen sich fit und leistungsfähig, sie könnten also länger arbeiten, und viele wollen das auch. Es gibt mehr Arbeitnehmer, die sogar vor Gericht ziehen, wenn ihnen aus Altersgründen gekündigt wird. Einigen macht der Job große Freude. Andere brauchen das Geld. Das Ende der Arbeit bedeutet für sie den Beginn finanzieller Sorgen.

Früher blickten mehr Männer beim Renteneintritt auf ununterbrochene Berufslaufbahnen zurück und hatten entsprechend hohe Renten. Oft kam noch eine betriebliche Alterssicherung hinzu. Das ist heute anders, vor allem im Osten Deutschlands droht vielen aus der Generation der Wendeverlierer die Armut im Alter. Im Westen droht dieses Schicksal vor allem geschiedenen Frauen, die der Kinder wegen lange nicht berufstätig waren und nun weder eine hohe Rente haben noch auf die Unterstützung eines Partners hoffen können.

Hinzu kommt, dass es noch nie so viele kinderlose Alte gab. "Fast ein Drittel der in den sechziger Jahren geborenen Babyboomer-Generation hat keine Kinder", sagt Victoria Büsch, Altersforscherin und Präsidentin der privaten SRH Hochschule Berlin. "Damit fällt für sie die Glück stiftende Rolle als Großmutter oder Großvater weg." Die kommende Rentnergeneration hat generell weniger Verwandte, ihre Vertreter sind in kleineren Familien mit weniger Geschwistern aufgewachsen. Viele der jungen Alten sind einsam, wenn sie nicht mehr berufstätig sind. In Bundesländern wie Berlin und Brandenburg wird heute schon jeder Dritte anonym bestattet.

Die Rente kann der Gesundheit schaden, das ist unumstritten

Als Ursula Wetzel 2007 in Rente geht, ist sie 60 Jahre alt. Ihre Tage beginnen nun damit, dass sie in ihrer Wohnung in Hamburg einen kleinen Rucksack packt: Trinkflasche, etwas Proviant, eine Strickjacke. Dann geht sie aus dem Haus. Sie hat sich eine Monatskarte gekauft, damit steigt sie in einen Bus oder eine S-Bahn. Sie fährt an die Elbe oder irgendwo ins Hamburger Umland. Dort wandert sie stundenlang herum. Hauptsache, sie ist raus aus ihrer Wohnung. Mehr als 40 Jahre hat Ursula Wetzel gearbeitet, jeden Tag pendelte sie zur Arbeit, fuhr zum Einkaufen oder nach Hause, immer mit klarem Ziel. Jetzt steigt sie in die S-Bahn, bloß weil sie es zu Hause nicht aushält.

Dabei hatte sie Zeit, sich auf die Rente einzustellen. Nach 33 Jahren bei derselben Firma war ihr gekündigt worden, der alte Besitzer war gestorben, seine Erben bauten Stellen ab und warfen auch Ursula Wetzel hinaus. Damals hoffte sie noch, sie würde mit ihrer Berufserfahrung etwas Neues finden. Zuletzt hatte sie als Sachbearbeiterin im Großhandel Flaschen für Wasser, Schnaps und Medizin eingekauft und verkauft. Ihre ersten Tage ohne Arbeit fühlten sich auch wie Urlaub an. Sie schlief lange und saß eineinhalb Stunden im Morgenmantel beim Frühstück. Sie hat einen Mann. Der verbringt aber viel Zeit in einem Ferienhaus auf dem Land. Damit konnte sie nichts anfangen.

Doch dann wurde der gelernten Stenokontoristin klar, dass sie einfach nicht mehr gebraucht wird, jedenfalls nicht auf dem Arbeitsmarkt. Auf ihre Bewerbungen kamen Absagen, mit Floskeln wie: "Wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Berufsweg alles Gute." Wetzel beantragte die Rente. "Damit habe ich mich sehr schwergetan", sagt sie heute. Die Rente bedeutete: noch weniger Geld als in der Zeit als Arbeitslose und keinerlei Pflichten. Vorher hatte das Arbeitsamt sie gedrängt, Bewerbungen zu schreiben und an Schulungen teilzunehmen. Das war nun auch vorbei. So packte sie morgens ihren Rucksack.

"Oft heißt es, Arbeit mache die Menschen krank", sagt Ulrich Hegerl, Direktor des Universitätsklinikums Leipzig. "Aber dafür gibt es wenig Belege. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein." Mit dem Beruf sei vieles verbunden, das vor einer psychischen Erkrankung schützen könne: ein strukturierter Tagesablauf, soziale Kontakte und im günstigen Fall auch Erfolgserlebnisse und Sinnstiftung. Die Arbeit funktioniert für manche Menschen wie ein Korsett, fällt sie weg, gerät der Mensch in Schieflage. Kleine Verstimmungen werden plötzlich als dramatisch empfunden. Manche Pensionäre werden schwermütig und denken sogar über Selbstmord nach. Gerade veröffentlichte Zahlen des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen zufolge leidet keine Bevölkerungsgruppe häufiger unter Depressionen als die Rentner. 16 Prozent der Ruheständler, aber nur 13,5 Prozent der arbeitslosen BKK-Versicherten und nur 8,7 Prozent der Berufstätigen machte die Krankheit zu schaffen. Andere Studien zeigen: Selbstmord kommt bei Männern ab 65 dreimal so häufig vor wie bei jüngeren.

Dass die Rente der Gesundheit schaden kann, ist so unumstritten, dass sie sogar in der offiziellen Statistik der Weltgesundheitsorganisation als Krankmacher auftaucht. In einer Liste, anhand derer auch deutsche Ärzte ihre Diagnosen festhalten, steht unter der Kennziffer F 43.2 die "Anpassungsstörung". Eine der Ursachen: die Rente. Diese führe zu "depressiven Reaktionen" oder auch "Störungen" im Sozialverhalten. "Nicht jeder Mensch leidet darunter", sagt Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, "aber eine größere Gruppe hat Schwierigkeiten – und in manchen Fällen sind die so groß, dass es klinisch auffällig ist."

"Mein Terminkalender ist voller denn je"

Eine Untersuchung amerikanischer Arbeitnehmer ergab, dass der Eintritt in die Rente bei 70 Prozent der Betroffenen keine großen psychologischen Folgen hatte. Aber bei 25 Prozent der Untersuchten verschlechterte sich im Acht-Jahres-Zeitraum rund um diesen Einschnitt das Wohlbefinden deutlich. Nur fünf Prozent ging es besser.

Am häufigsten leiden Menschen, die vorher schon nicht ganz gesund waren, die Geldprobleme haben, allein leben und die nicht freiwillig aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Erstaunlicherweise kommen Menschen, die ein besonders erfülltes und schönes Berufsleben hatten, mit dem Ruhestand nicht etwa schlechter, sondern besser zurecht als ihre vorher schon nicht ganz so glücklichen Kollegen. Das stellte die Altersforscherin und frühere Bundesseniorenministerin Ursula Lehr in Befragungen fest: "Die Unzufriedenen haben oft das Gefühl, sie müssten noch etwas zu Ende bringen, die Dinge zum Besseren wenden." Den Erfolgreichen hingegen falle das Loslassen leichter. Hinzu kommt, dass im Berufsleben erfolgreiche Menschen oft besonders gute Möglichkeiten haben, nach dem offiziellen Rentenbeginn sinnstiftende Aufgaben zu finden, mitunter auch im alten Beruf. Der Professor hält Vorträge, der Journalist schreibt Bücher, der Manager arbeitet als Seniorberater weiter.

Vor allem aber verfügen solche Menschen offenbar häufiger über eine Fähigkeit, die im Alter immer wichtiger wird: Sie sind eher in der Lage, ihre Erwartungen den Umständen anzupassen. Für ihr Glücksempfinden sei das von höchster Bedeutung, sagt der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse.

Altersforscher kennen seit Langem ein Phänomen, das sie Zufriedenheitsparadoxon nennen: Obwohl alte Menschen darunter leiden, dass sie schlechter hören, sehen und gehen können, obwohl sie bedauern, dass ihre Vertrauten sterben und die Mobilität abnimmt, werden sie mit den Jahren nicht unbedingt unzufriedener. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine 90-jährige Frau mit kaputtem Rücken, die kaum noch allein laufen kann, genauso glücklich und zufrieden ist wie ihre 50-jährige Tochter", sagt Kruse. Neben den unglücklichen Rentnern, die mit dem neuen Leben hadern, gibt es eben auch eine große zufriedene Gruppe. Im statistischen Durchschnitt ist das Glücksempfinden bei Rentnern nicht geringer als bei den Jungen. Offenbar sind Ältere mit weniger zufrieden, Glück ist demnach vor allem Erwartungsmanagement. Es würde also schon helfen, wenn man sich die Rente vorher nicht so rosig ausmalt, wie viele es tun. Und wenn man nachher nicht so tut, als sei alles wie früher.

Es gebe eine Standardantwort auf die Frage, wie sich der Ruhestand anfühle, sagt Wieland Backes: "Mein Terminkalender ist voller denn je." Backes hat 25 Jahre lang die Talkshow Nachtcafé des SWR moderiert, bis er Ende 2014 aus Altersgründen aufhörte. Und auf den ersten Blick hat er alles richtig gemacht: Er hat seinen Abschied ein Jahr zuvor angekündigt, die Einschaltquoten stiegen daraufhin, die letzte Sendung hatte Rekordzuschauerzahlen – ein schönerer Abschied ist kaum denkbar. In den Monaten davor hat Backes sich interessante neue Projekte gesucht, er bildet Moderatoren aus, hält Vorträge und moderiert eine kleinere Sendung. Doch auch er kennt die Schwierigkeiten, das neue Leben zu gestalten – einerseits aktiv zu bleiben und andererseits dem Umstand gerecht zu werden, dass die Kräfte nachlassen. In den ersten Wochen verschätzte er sich bei der Zeit, die er für die Organisation seines Alltags brauchte, also jene Aufgaben, die ihm früher andere abgenommen hatten. Und auch Backes erlebte, dass sich "kleine Stimmungstiefs ausweiten können, wenn man plötzlich Zeit hat, sich damit zu beschäftigen".

Heute gönnt er sich bewusst Zeiten der Muße, in denen er einfach durch die Nachbarschaft flaniert. Aber er musste lernen, so etwas ohne schlechtes Gewissen zu genießen. Stress sei für Ältere ein Statussymbol geworden, findet er.

Deutschland ist in den Augen von Besuchern ein Land, in dem Arbeit für das Selbstwertgefühl wichtiger ist als anderswo. Selbst auf Grabsteinen steht manchmal eingraviert, welchen Beruf der Verstorbene hatte. In den vergangenen Jahren hat sich die Entwicklung zur Arbeitsgesellschaft noch verstärkt. Es gibt mehr Berufstätige denn je, und die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden bewegt sich auf dem höchsten Stand seit 22 Jahren. Deshalb wächst in Unternehmen die Bereitschaft, Stress und ständige Erreichbarkeit zu verringern. Doch die Generation, die demnächst in Rente geht, tickt noch anders. Ihr hat man zu lange eingebleut: Seid flexibel! Zieht für den Job um! Arbeitet am Wochenende! Mancher hört damit einfach nicht mehr auf.

Herb Stumpf hat Rentner kennengelernt, die sogar vortäuschten, sie seien noch im Job. Morgens verließen sie das Haus, verabschiedeten sich von ihren Frauen, stiegen ins Auto und kamen nach Feierabend zurück. So ging das monatelang, bis der Schwindel aufflog. "Es gibt Menschen, die fürchten die neue Familiensituation so sehr, dass sie den Zeitpunkt immer weiter aufschieben", erzählt er.

Stumpf hat am eigenen Leibe erlebt, wie schwierig der frühe Ruhestand sein kann. Mit 55 Jahren wurde er vom Computerkonzern Hewlett-Packard mit Abfindung entlassen. Er haderte, schämte sich, wenn ihn einer nach seinem Beruf fragte. Das Wort "Frührentner" fand er schrecklich, genau wie die Frage: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag?" Stumpf brauchte einige Zeit, dann arrangierte er sich mit der Lage und gab Leidensgenossen Tipps.

Heute ist Stumpf Coach, er hat eine Firma mit Niederlassungen in Erlangen und München gegründet, die sich auf Beratung zum Rentenbeginn spezialisiert hat. In Einzelgesprächen und Seminaren für Firmen bereitet er ältere Menschen auf den großen Schritt vor. Dabei warnt er oft, von Freizeitbeschäftigungen zu viel zu erwarten. "Ein Hobby ist ein Hobby. Eine Aufgabe zu haben ist etwas anderes, und vielen fehlt das", sagt er. Gesellschaftliches Engagement sei auch nicht für jeden das Wahre. Doch irgendeine Form von Arbeit brauchten viele Menschen selbst im Ruhestand.

Altersforscher empfehlen, die alte Idee der Altersteilzeit wiederzuerwecken

Stumpf spricht mit den Alten auch über Freundschaften und Familien. Manches Rentnerpaar nehme sich vor, fortan alles gemeinsam zu machen, gehe sich bald furchtbar auf die Nerven und gestehe sich das nicht ein. Andere litten unter Einsamkeit. Stumpf empfiehlt gerade Männern, die im Berufsleben oft weniger Freundschaften pflegen, die Nähe zu früheren Kollegen zu suchen, auch wenn sie einst nur Kollegialität verband. "Mit diesen Menschen haben sie viel Zeit verbracht. Diese gemeinsamen Erfahrungen sind ein Schatz, den sie nutzen sollten", sagt er. Wie der Buchautor Kuntze rät er zwar davon ab, die alten Kollegen ständig in der Firma zu besuchen. Aber er kennt mehrere Gruppen ehemaliger Kollegen, die in vielen Berufsjahren wenig teilten, nun als Rentner aber gemeinsam wandern und sogar zusammen in den Urlaub fahren.

Das Büro im Seniorentreff sieht aus wie ein normales Büro – zum Glück

Mittlerweile gibt es in Deutschland ein halbes Dutzend Berater wie Stumpf und vielerlei Ratgeber für junge Rentner. Auch Unternehmen entwickeln Teilzeitmodelle für ältere Mitarbeiter. "Der richtige Übergang in den Ruhestand ist das nächste große personalpolitische Thema der Babyboomer-Generation", sagt Stefan Becker von der Hertie-Stiftung, der selbst zu den geburtenstarken Jahrgängen gehört, die heute zwischen 50 und 65 Jahre alt sind. Zu diesen Jahrgängen gehörten rund 30 Prozent mehr Beschäftigte als zur Generation danach, deshalb hätten deren berufliche Anliegen immer erhebliche Bedeutung für die Wirtschaft insgesamt.

Altersforscher wie Ursula Staudinger empfehlen, die alte Idee der Altersteilzeit, des langsamen Ausstiegs, wiederzuerwecken, dabei aber vieles anders zu machen als in den neunziger Jahren. Entscheidend sei, dass die Unternehmen ihre Beschäftigten ausdrücklich einladen, Möglichkeiten zu nutzen. Sonst trauten diese sich das nicht.

Unternehmen wie die Stadtsparkasse in Esslingen zeigen, dass die Idee funktionieren kann. Alle Arbeitnehmer über 55, die nur noch an vier Tagen pro Woche arbeiten wollen, bekommen 88 Prozent ihres alten Gehalts. Innerhalb weniger Wochen nach Bekanntgabe des Programms haben bereits 40 der 300 Arbeitnehmer zugegriffen. Als Nächstes will die Sparkasse anbieten, dass ältere Mitarbeiter einige Tage pro Jahr ohne Lohnverzicht von ihrem Arbeitsplatz fernbleiben dürfen, wenn sie sich in dieser Zeit gesellschaftlich engagieren. Der Wechsel zu ehrenamtlichen Aufgaben in Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden, Sportvereinen oder Flüchtlingsheimen ist schließlich eine Option für jene, die den Abschied von der Arbeitswelt nicht verschmerzen.

Auch Ursula Wetzel, die Rentnerin, die im Bus durch Hamburg fuhr, hat sich eine neue Aufgabe gesucht. Sie ging zu einer Messe für ehrenamtliches Engagement und fand einen Verein, der Freizeitangebote für Senioren organisiert. Er heißt "Lange Aktiv Bleiben" und bietet etwa Italienischkurse, Yoga, Wassergymnastik und "Bowling ohne Bücken" an. Ursula Wetzel leitet die Außenstelle des Vereins in Hamburg-Lokstedt. Sie ist jetzt 66 Jahre alt, wirkt aber jünger, zufrieden und selbstbewusst. "Im vergangenen Jahr hatten wir 19.000 Besucher", erzählt sie. Sie macht noch immer Ausflüge, sitzt aber noch öfter in einem Büro in den Vereinsräumen des Seniorentreffs. Dort stehen ein Schreibtisch, ein Kunstledersessel, ein Telefon, ein Computer und ein Schrank voll Aktenordner. Der Platz, an dem die glückliche Rentnerin Ursula Wetzel wirkt, sieht aus wie ein ganz normaler Arbeitsplatz.

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