"Wie immer vielen Dank für Ihr zuverlässiges Erscheinen", eröffnet Stefan Keppler-Tasaki sein Seminar. Gebotene japanische Förmlichkeit in der alten Bibliothek der Universität Tokio. Die Filmtheorie Siegfried Kracauers, letzte Sitzung im Semester. Elf Studenten haben es in den fünften Stock durch die Sicherheitsschleusen geschafft, hier lagert die DVD- und Videosammlung. Was wäre Filmtheorie ohne Filmpraxis?

Die Bewunderung für deutsche Theoretiker, von Max Weber bis Martin Heidegger, ist groß in Japan. Besonders der Soziologe Kracauer, erklärt Keppler-Tasaki, sei relevant: "Bei ihm geht es um die Frage, inwieweit der Film eine Gesellschaft versklaven oder bilden kann." Zeitgleich mit Deutschland driftete einst auch Japan in den Faschismus ab. Kracauers Antwort: Film kann beides, bilden und versklaven.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Der Germanist Keppler-Tasaki, bis 2012 Juniorprofessor an der FU Berlin, macht keine Anstalten, einfache Sätze zu sprechen, nur weil seine Zuhörer keine Muttersprachler sind. Einmal spricht er von Kracauers "taktischen Scheuklappen", an anderer Stelle vergleicht er dessen Schreibstil mit einem Kaninchenbau. Wer soll da noch mitkommen?

Aber die Studenten sind vorbereitet. Auf den Tischen liegen Kracauers Hauptwerke Von Caligari zu Hitler und Theorie des Films. Die Hörer schreiben schweigend in hohem Tempo mit, mal nickt einer zustimmend, mal schlägt einer im Wörterbuch Deutsch-Japanisch nach. Was heißt Scheuklappen?

Für Kracauer, der 1966 starb, war Akira Kurosawas Rashomon der perfekte Film. Er machte das japanische Kino 1950 weltberühmt. Keppler-Tasaki zeigt Schlüsselszenen. "Ich verstehe nicht", sagt ein weiser Mönch auf der Leinwand. Keppler-Tasaki kommentiert mit einem faszinierten Lächeln: "Vielleicht gibt es hier auch nicht so schnell etwas zu verstehen." Es ist auch noch Zeit: Für Keppler-Tasaki und seine Studenten geht es im Wintersemester weiter, Kracauer, Teil II.

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