Bevor Volker Schnell seinem Vater beim Selbstmord hilft, kocht er schwarzen Tee und stellt Zitronenkuchen auf den Couchtisch. Daneben legt er drei Teller, Tassen, Gabeln, außerdem zwei Fotoalben. Sein Vater ist neunzig, er sitzt im Rollstuhl, und seine Augen sind so schwach, dass er die Bilder kaum noch erkennen kann. Dennoch drapiert Volker Schnell die Alben mit Bedacht auf dem Tisch. Alles soll harmlos aussehen, falls überraschend Polizisten an der Haustür klingeln.

Draußen dämmert es schon, als um halb vier ein Krankentransporter vor dem Mehrfamilienhaus hält. Zwei Pfleger tragen Helmut Schnell samt Rollstuhl in den dritten Stock. Sohn Volker ist nervös, raucht eine Zigarette nach der anderen. In seinem Wohnzimmer sitzt sein bester Freund, ein gelernter Altenpfleger, er ist gekommen, um Vater und Sohn beizustehen. Keiner der drei Männer hat ein Bedürfnis nach Abschiedsworten.

Volker Schnell geht in die Küche und verrührt Apfelmus mit fein zerkleinerten Tabletten, zusammen ergibt das die Giftmischung, die wenig später den Herzschlag seines Vaters stoppen wird. Dann liest er dem Vater eine vorformulierte Erklärung zu seinem Todeswunsch vor, die der mit zittriger Hand unterschreibt. Helmut Schnell kippt ein paar Tropfen von einem Magenberuhigungsmittel hinunter. Er löffelt den Brei und trinkt Pfirsichsaft, in den der Sohn ein starkes Schlafmittel gemischt hat. Als der alte Mann einschläft, verlassen Volker Schnell und sein Freund das Haus, sie fahren zu einem Imbiss in der Nachbarschaft. Am frühen Abend des 30. Januar wird Helmut Schnell tot in der Wohnung seines Sohns gefunden.

Drei Monate später steht Volker Schnell am Fenster seines Wohnzimmers, genau dort, wo sich der Rollstuhl seines Vaters befand. Die Fotoalben liegen wieder auf dem Tisch, neben der Couch steht eine weiße Plastiktüte. In ihr stecken ein paar Utensilien, die der Vater zum Sterben mitgebracht hatte: ein blauer Schlafanzug, ein Rasierapparat, eine Pillendose.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Volker Schnell ist Krimiautor und Übersetzer. Nach dem Tod seines Vaters hat er ein Protokoll der Ereignisse verfasst und an die ZEIT geschickt. Er will reden. Beim ersten von drei Treffen ist er wütend. Oft heißt es, Beihilfe zum Selbstmord sei in Deutschland keine Straftat, sondern nur die sogenannte aktive Sterbehilfe, bei der etwa ein Arzt eine Giftspritze ansetzt. Schnell hat andere Erfahrungen gemacht, als er versuchte, seinem Vater beim Sterben zu helfen. Eigentlich wollte Helmut Schnell ein paar Tage vor seinem Todestag sterben, doch die Leiterin des Pflegeheims und die Kasseler Polizei verhinderten einen ersten Suizidversuch. Damit haben sie, so sieht es der Sohn, die Qualen des Vaters unnötig verlängert.

Beim zweiten Treffen redet Schnell über Politik. In Berlin werden Vorschläge zur Reform der Sterbehilfe diskutiert, für Schnell sind die Schwächen der geplanten Gesetze offensichtlich, weil sie in einem Fall wie seinem nicht helfen würde.

Helmut Schnell sprach seit dem Herbst 2011 immer wieder mit dem Sohn über seinen Wunsch zu sterben. Er litt keine unerträglichen Qualen, aber die Füße schmerzten, er hatte Wasser in den Beinen, war fast blind und klagte ständig über Schürfwunden. Seine Haut war an vielen Stellen so dünn wie Pergamentpapier, er verletzte sich leicht. Zunächst stoppte ihn seine Ehefrau Anneliese, wenn er über Selbstmord sprach. Doch dann starb sie Ende 2014 an Krebs. Ihre letzten Tage waren qualvoll, Schmerzmedikamente halfen nicht, Helmut Schnell erlebte ihre Not aus nächster Nähe in ihrem gemeinsamen Zimmer im Pflegeheim.

Seinem Sohn sagte er später, manchmal habe er sich gewünscht, das Leiden seiner Frau dadurch zu beenden, dass er ihr nachts ein Kissen auf das Gesicht presse, bis sie nicht mehr atmen könne. Als sich der Milliardär Gunter Sachs erschoss, sagte Schnell zu seinem Sohn, er habe leider den Zeitpunkt verpasst, sich selbst eine Waffe zu beschaffen. "Jetzt bin ich auf deine Hilfe angewiesen."

Gegenüber der ZEIT bestätigen mehrere Menschen, dass Helmut Schnell nach dem Tod seiner Frau ständig vom Sterben geredet hat: der Hausarzt, ein alter Freund, der Freund des Sohns, der am Todestag mit im Wohnzimmer saß. Jeder im Heim habe gewusst, dass Volker Schnell sein Leben beenden wollte, sagt der Hausarzt. Den alten Mann hätten nicht nur Einsamkeit und Schmerzen gequält, erzählt der alte Freund: Sein größtes Problem, sagt er, seien nicht die Schmerzen, sondern seine Scham gewesen. Nach dem Tod seiner Frau habe er selbst bei Toilettenbesuchen die Hilfe von Pflegekräften gebraucht. Das habe er würdelos gefunden. "Mein Vater hat Körperkontakt gemieden", sagt sein Sohn. Er kann sich an keine einzige Umarmung erinnern, kein Schulterklopfen, nicht einmal an seinem Todestag.

Vater und Sohn sind grundverschieden. Als der Krimiautor in den siebziger Jahren als einziges Kind seiner Eltern in Kassel aufwächst, dreht sich für den Vater alles um den Sport. Helmut Schnell ist so ein guter Radrennfahrer, dass er sich einmal sogar für die Teilnahme an den Olympischen Spielen qualifiziert. Sport, Gesundheit, Fitness und Disziplin gehen ihm über alles. Er ist DDR-Flüchtling und kommt in den fünfziger Jahren fast mittellos nach Kassel, arbeitet sich vom technischen Zeichner zum Ingenieur hoch, zahlt seine Eigentumswohnung ab und wünscht sich Enkelkinder. Der Sohn raucht viel, hängt schon als Kind im Sportunterricht durch und gibt das Radfahren nach kurzer Zeit wieder auf. Später schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Zu seinen Eltern hat er kaum Kontakt.

Im Dezember 2014 liest Helmut Schnell ein Interview mit dem Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold und bittet seinen Sohn, einen Kontakt herzustellen. Arnold ist Deutschlands bekanntester Sterbehelfer. Melden sich Menschen bei ihm, die ihr Leben beenden wollen, besucht er sie. In vielen Fällen, sagt er, könne er nichts für sie tun: Wenn die engen Angehörigen nicht einverstanden sind oder der Patient unter Depressionen leidet, hilft Arnold nicht beim Suizid. Anderen aber steht er bei. Wenn sterbenskranke Menschen leiden, besorgt Arnold tödliche Medikamente.