Die Mitglieder der Berkshire-Brigade sind bereit. Sie tragen Baseballkappen mit der Aufschrift "Run Elizabeth" und "Elizabeth for President"- Anstecker. Hier in Pittsfield, im Nordwesten des Bundesstaates Massachusetts, warten sie auf Elizabeth Warren, Senatorin und Heldin des linken Flügels der Demokraten. "Wir sind ihre Leute, wir haben sie nach Washington geschickt", sagt Brigaden-Mitglied Marietta Rapetti. Schon als sich Warren um den Senatorenposten bewarb, war sie nach Pittsfield gekommen und hatte die Vertreter der kleinen Ortspartei zu Fußsoldaten ihres Wahlkampfs gemacht.

Da ist sie! Zwischen ihren Bodyguards wirkt die 66-Jährige mit der blonden Bob-Frisur zierlich und schmal. "So schön, euch wiederzusehen", ruft Warren. Ihre blauen Augen strahlen hinter der randlosen Brille, so wie man es im Fernsehen immer sieht, wenn sie sich mit Bankern jene Wortgefechte liefert, für die sie berühmt ist. Sie umarmt ihre Fans, posiert für Fotos. "Kämpfe für uns, Lizzie!", ruft jemand.

Zum Kämpfen muss man Warren gar nicht erst auffordern. Fünfzehn Mal kommt das Wort in der 14-minütigen Rede vor, die sie gleich am College von Pittsfield halten wird. Den meisten Applaus bekommt sie, als sie vom Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) erzählt, einer neuen Finanzaufsichtsbehörde, die sie gegen den Widerstand der Banken in Washington durchgeboxt hat. "Jetzt kommen Sie sich komisch vor, weil Sie gerade die Schaffung einer neuen Behörde beklatscht haben", ruft sie in die Menge. Doch es ist nicht irgendeine Behörde. Ihre Gründung ist die größte Niederlage der Wall Street in den vergangenen fast achtzig Jahren. Und Warren hat sie den Banken beigebracht.

Als Wissenschaftlerin wurde sie zur Expertin für Insolvenzrecht

Warren ist Expertin für Insolvenzrecht. Mehr als zwei Jahrzehnte lang befasste sie sich mit den Folgen von Strafzinsen und Zwangsvollstreckungen, bevor sie 1995 als Professorin an die Eliteuniversität Harvard berufen wurde. Ihre Rede vor den Studenten in Pittsfield hält sie im Talar, den die Doktoren der Universität bei feierlichen Anlässen tragen. Ganz selbstverständlich schlüpft sie zurück in die ihr vertraute Welt akademischer Rituale und Gepflogenheiten.

Dabei galt sie auch dort einst als Rebellin. Wie die meisten Amerikaner ging auch Warren bei ihren Recherchen zu privaten Insolvenzen zunächst davon aus, dass vorwiegend Geringverdiener und Sozialhilfeempfänger in die Pleite schlitterten. Nachdem sie viele Gerichtspapiere durchgearbeitet hatte, fiel ihr auf: Die allermeisten Betroffenen gehörten der Mittelschicht an. Sie hatten ihren Job verloren, waren krank geworden oder hatten sich scheiden lassen. "Ich merkte plötzlich, dass das auch mir hätte passieren können", schreibt Warren in ihrer Biografie.

Warren wuchs im Bundesstaat Oklahoma auf, als jüngste von vier Geschwistern. Es sind die fünfziger Jahre. Oklahoma, geprägt von Prärie und Ölfördertürmen, war damals schon konservativ. Ihr Vater war Fluglehrer, scheiterte später im Autohandel und wurde nach einem Herzinfarkt Hausmeister. Die Familie lebte in ständiger Angst, ihr Haus zu verlieren. Eines Tages habe ihre Mutter, bis dahin Hausfrau, weinend ihr bestes Kleid angezogen, um sich um einen Job als Telefonistin zu bewerben. "Ist es nicht zu eng?", habe sie ihre Tochter gefragt. Da habe sie gelogen, erinnert sich Warren, und ihrer Mutter versichert, sie sehe bestens aus. An diesem Tag habe ihre Kindheit geendet, so Warren in ihrem Buch.

Geld wird zum Angstthema. Doch während der Vater nicht darüber reden will, möchte seine Tochter alles wissen. Über ein Stipendium ergattert Warren einen Studienplatz, auf den sie sich heimlich beworben hat. Sie unterbricht das Studium jedoch schnell, als sie mit 19 Jahren ihre Jugendliebe heiratet. Eine Tochter kommt zur Welt, Warren studiert weiter und arbeitet bis zur Geburt ihres zweiten Kindes als Sonderschullehrerin. Dann geht sie an die Universität, um Jura zu studieren. Später wird sie Dozentin. Ihr Mann lässt sich scheiden. Warren ist nun die alleinerziehende Mutter zweier Kinder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Dass Warren beginnt, für andere zu kämpfen, hat mit ihrem Frust über die geplante Verschärfung des Insolvenzrechts zu tun. Die Zahl der privaten Konkurse steigt in den Achtzigern permanent. Zuvor hatte das Oberste Gericht 1978 das Wucherverbot gekippt – nun konnten die Banken beliebig hohe Zinsen verlangen. Für Warren und ihren Kollegen Jay Westbrook war der Anstieg der Insolvenzen eine Folge der Expansion der Kreditkartenherausgeber.

Die Bankenlobby sah die Ursache in zu laschen Konkursregeln und wollte diese verschärfen lassen. Warren sei regelmäßig vor Wut über deren Vernebelungstaktik explodiert, erinnert sich Westbrook, der bis heute mit ihr befreundet ist. Immerhin gelingt es Warren, als Expertin nach Washington eingeladen zu werden. Sie trifft sich mit Kongressmitgliedern und Hillary Clinton, der damaligen First Lady. Das scheint zu wirken: Präsident Bill Clinton weigert sich, das härtere Insolvenzgesetz zu unterschreiben. Doch die Banken-Lobbyisten geben nicht auf, bis George W. Bush das Gesetz 2005 verabschiedet.