Es sind drei Geschichten, Seltsamkeiten aus der Welt der Anreize und Belohnungen, die der Schriftsteller Rolf Dobelli in seinem Buch Die Kunst des klaren Denkens erzählt. Die erste geht so: Im Hanoi der französischen Kolonialherrschaft entwarf man ein Gesetz, um die Rattenplage einzudämmen, und versprach jedem, der eine tote Ratte herbeischaffte, eine Prämie. Die Folge war, dass die Menschen Ratten züchteten. Die zweite Geschichte handelt von den Schriftrollen vom Toten Meer, die man 1947 entdeckte. Archäologen boten für neue Funde des uralten Pergaments eine Belohnung – mit der fatalen Konsequenz, dass gerade noch irgendwie zusammenhängende Schriftstücke zerkleinert wurden, um den maximalen Finderlohn einzuheimsen. Die dritte Geschichte ist ähnlich deprimierend: Sie berichtet von Bauern im China des 19. Jahrhunderts, die auf Prämien für Dinosaurierknochen spekulierten, diese ausgruben, um sie dann in Gedanken an ihren Eigenvorteil in Stücke zu hauen.

Was sich hier zeigt, ist, dass Anreize den guten Absichten mitunter radikal zuwiderlaufende Effekte erzeugen können. Das Phänomen ist jedem Verhaltensökonomen bekannt. Weniger bekannt ist, dass in den Geistes- und Sozialwissenschaften seit Jahren ein groß angelegter Feldversuch im Anreizbusiness läuft, der in der Welt der geistigen Güter mitunter toxische Nebenwirkungen erzeugt. Die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften marginalisieren die Figur des öffentlichen Intellektuellen, der in verständlicher Sprache zeitdiagnostische Deutungsarbeit leistet, vielleicht sogar moralisch argumentiert, sich aber in jedem Fall um Wirkung bemüht. Es ist das Ende der Einmischung, das nun droht. Es sind die Produktivkräfte des Polemischen und der pointiert-aufrüttelnden, riskanten Gegenwartsbeschreibung, die gefährdet sind. Woran liegt das? Wo liegen die Ursachen für die Selbstkastration einer kritischen Intelligenz, die gerade jetzt – in Zeiten der Krisen und des Klimawandels, der geopolitischen Verwerfungen und der Terrordrohungen – so nötig und nützlich wäre?

Nun, die leise peinliche Antwort lautet, dass ein System scheinbar raffinierter Anreize die Gefühlswelt der Wissenschaften neu codiert hat. An die Stelle des Zorns über die Verhältnisse in der Welt und an die Stelle des interpretativen Abenteuers mit offenem Ausgang ist die Sorge getreten, ob man genug Drittmittel eingeworben und ausreichend Aufsätze in internationalen Zeitschriften publiziert hat. Die Höhe der eigenen Drittmittel und für eine breitere Öffentlichkeit zumeist nahezu unzugängliche Fachaufsätze gelten im Wettlauf um Evaluationspokale inzwischen als der zentrale Ausweis von Kompetenz. Das hat, scheinbar zumindest, ein paar Vorteile. Man kann in den Zeiten akademischer Überproduktion und bei der Auswahl von Bewerbern nämlich schlicht zum Taschenrechner greifen und addieren, wie viel Geld jemand eingeworben hat und wie oft es ihm gelungen ist, in einem A-Journal zu publizieren. Es lassen sich so blitzschnell Rankings erzeugen, Hitlisten der Scheinvergleichbarkeit. Und auch den Impact-Faktor beziehungsweise die Zitationshäufigkeit der Zeitschrift kann man ausfindig machen. Der sogenannte Hirsch-Faktor (eine Kennzahl für die fachliche Reputation eines Wissenschaftlers) lässt sich errechnen. All dies sind Maßeinheiten, in denen das Versprechen mitschwingt, geistige Leistung ließe sich punktgenau messen. Das spart Energie, immerhin so viel lässt sich positiv sagen. Und erlaubt ohne größere intellektuelle Unkosten das scheinbar eindeutige Qualitätsurteil.

Der Nachteil des fortwährenden Zählens und Messens besteht darin, dass man nicht nur Forschungsenergien mobilisiert, sondern nebenbei noch ganz andere Anreize setzt. Die Folge ist, dass smarte Sozialwissenschaftler, ähnlich wie der Dinosaurierknochen zertrümmernde Bauer, umfangreiche Datensätze in kleinste, gerade noch publizierbare Einheiten aufspalten, um so die Zahl ihrer Zeitschriftenpublikationen zu maximieren. Diese Salamitaktik ist empirisch gut belegt und individuell verständlich. Aber sie leitet dazu an, die Zerstückelung von Forschungsergebnissen einer übergreifenden Synthese des Denkens vorzuziehen. Ebenso zeigen Untersuchungen, dass das gegenwärtige Begutachtungssystem im Zeitschriftenwesen eher konventionelle, breit akzeptierte Ansätze des normalwissenschaftlichen Mainstreams begünstigt, also seinem Wesen nach konservativ ist. Und schließlich regiert, weil das Indikatoren-Denken so beherrschend scheint, ein manchmal schlicht unproduktiv-atemloses Gerangel um knapper werdende Gelder und begrenzte Publikationsplätze. Hektik und Hetze werden damit zu bestimmenden Zeitformen der akademischen Existenz.

Gravierender ist jedoch, dass die Ökonomisierung geistiger Güter das Klima an den Universitäten verändert. Sie setzt ein scheinbar objektives Messbarkeitsideal, das naturwissenschaftliche Exaktheitsvorstellungen als allgemeingültige Messlatte propagiert. Sie wirkt als großer Gleichmacher, weil sie die Publikations- und Organisationsformen in einen Sog der Vereinheitlichung hineinzieht und nur einen Typus von Wissenschaft begünstigt. Auf einmal zählt primär die drittmittelfähige Verbundforschung und das Genre des Spezialaufsatzes. Auf einmal wird das Antragsformat zum Anlass, sich einem Thema zu widmen – und eben nicht die aus intellektueller Leidenschaft geborene Faszination. Auf einmal wird überall gezählt, gerechnet, gewogen. Und auf einmal scheinen alle mit allen vergleichbar, weil man ihre Leistungen so scheinbar präzise messen und mit raffinierten Anreizen managen kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Kurzum: In der gegenwärtigen Engführung dessen, was als akzeptable Wissenschaft gilt, steckt eine Unterwerfungsforderung, die niemand offen aussprechen muss, weil sie alle kennen. Sie lässt intellektuelle Ekstasen auf einem streng vermessenen Feld der Berechenbarkeit veröden. Sie produziert eine eigene Sterilität der Erkenntnis und einen schwer fasslichen, aber im Ergebnis zerstörerischen Ausstrahlungsverlust des Denkens. Im Extremfall kühlt damit das immer schon etwas romantisierte Pathos der Wahrheitssuche zum kalkulierten Selbstmarketing ab, der innere Erkenntnishunger zur außengeleiteten Gefallsucht. Im Lichte einer solchen Pseudo-Ökonomisierung geistiger Anstrengung ist es kaum verwunderlich, dass junge Wissenschaftler heute Workshops zur "strategischen Drittmittelakquise" buchen, die unter dem Motto "Geld regiert die Welt" angeboten werden. Bei der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, heißt es in Karrierecoachings, sollen sie in jedem Fall ihre "Mitgift" (gemeint sind die Geldbeträge, die sie mitbringen) deutlich herauskehren. In den schematischen Selbstanalysen, die bei derartigen Trainings ausgefüllt werden, findet man in den dafür vorgesehenen Kästchen immer dieselben traurigen Zukunftsformeln zur offensiven Inszenierung von Forschungspotenz: Mehr Drittmittel! Mehr Journal-Artikel! Mehr Anträge! Eigene Themen besetzen! In die richtigen Netzwerke reinkommen!