Es ist ein verborgenes Plädoyer für die Selbstabschottung des Systems und eine Anleitung zur geistigen Bravheit, das diese Initiation in die wissenschaftliche Lebensform begleitet. Das Engagement für die Politik vor Ort, die kritische Stellungnahme, die entschiedene Zuspitzung haben hier keinen Platz. Und wer wollte es denen, die prekär und mehrheitlich befristet beschäftigt sind, die eines Tages womöglich in Hundertschaften um eine Professur kämpfen, verdenken, dass sie sich darauf einlassen, einlassen müssen?

Man könnte diese Umformung und Austrocknung intellektueller Energien für ein rein innerakademisches Problem halten. Das trifft jedoch nicht zu, weil hier das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft elementar betroffen ist. Kürzlich veröffentlichte das Autorenduo Asit Biswas und Julian Kirchherr ein paar Zahlen, die dies deutlich machen. Weltweit, so die Diagnose ihres breit diskutierten Artikels Prof, no one is reading you!, erscheinen jährlich etwa 1,5 Millionen Aufsätze in begutachteten Zeitschriften (die oft sehr teuer sind und daher allenfalls von Bibliotheken abonniert werden). Faktisch werden jedoch nur die wenigsten Veröffentlichungen zur Kenntnis genommen, schon gar nicht von Entscheidern in der Welt der Praxis. 82 Prozent der Aufsätze in den Geisteswissenschaften und 32 Prozent aller Aufsätze in den Sozialwissenschaften werden nicht ein einziges Mal zitiert. Allenfalls 10 Personen lesen einen begutachteten Aufsatz zur Gänze, so die Autoren. Allgemeiner betrachtet, bedeutet dies, dass der gegenwärtig herrschende Publikationsdruck (publish or perish) im Verbund mit der Verengung der Karriere- und Publikationswege die Kluft zwischen echter Wissenschaft und Öffentlichkeit vertieft.

Andere, verstreut vorliegende Analysen aus so unterschiedlichen Disziplinen wie der Demografieforschung und den Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie, der Kommunikationswissenschaft und auch die kritischen Einsprüche von Literatur- und Kulturwissenschaftlern und Philosophen bestätigen diesen Befund. Sie zeigen die Marginalisierung der Monografie und der "book people", wie es heißt. Belohnt wird der Aufsatz für die kleine Zahl – nicht aber die erhellende Polemik, das Ideenbuch oder die elektrisierende Synthese des Denkens, die sich an die breite Öffentlichkeit richtet. Der daraus resultierende Substanz- und Energieverlust für die öffentliche Sphäre ist offensichtlich: Eine reine Zeitschriftenwissenschaft verlagert die Erkenntnisse aus der unmittelbaren Lebenswelt des Forschers in ein zumeist weit entferntes Zentrum interner Kommunikation. Eine reine Zeitschriftenwissenschaft ist, wie schon der Wissenssoziologe Ludwik Fleck vermerkte, terminologisch streng, überdies strikt international orientiert, häufig englischsprachig. Eine reine Zeitschriftenwissenschaft setzt unvermeidlich einen langen Abstand zwischen Erkenntnis und Veröffentlichung und erscheint damit nur sehr begrenzt interventionsfähig. Oft kümmern die Artikel nach erfolgter Abgabe Monate, manchmal Jahre im Reviewprozess vor sich hin.

Was sich hier am Beispiel des Publikationswesens zeigt, sind die Effekte unsichtbarer, im Prämienwesen versteckter Ideologien. Sie verwandeln die Autoren-Existenz des wortmächtigen Individualforschers allmählich in die Indikatoren-Existenz des Wissenschaftsmanagers, der seine Erfolge mit riesigen Drittmittelsummen und Spezialveröffentlichungen feiert. Niemand, der bei Verstand ist, wird die Leistungen und das Erkenntnisinteresse dieses Wissenschaftlertypus gering schätzen oder gar prinzipiell missachten. Das wäre absurd, selbst ideologisch und einfach falsch. Niemand wird bestreiten, dass es – je nach Standortglück – nach wie vor eine äußerst lebendige, vitale, von Vertrauen und nicht von Kontrolle und Misstrauen und einem pauschalen Messlatten-Denken geprägte Universitätskultur gibt. Und natürlich muss man gleich hinzufügen: Standardisierung kann nützlich sein, gewiss. Sie sichert, obwohl erkenntnistheoretisch heikel, Anschlussfähigkeit und erlaubt Vergleichbarkeit – stets im Verbund mit der Gefahr einer Vernichtung von Vielfalt, einer Zerstörung von Individualität und Originalität. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Folgekosten einer allgemein geförderten Eigenlogik der Selbstabschottung, nicht grundsätzlich um den Sinn von Spezialsprachen und Spezialveröffentlichungen. Es geht um die aktuellen Mischungs- und Dominanzverhältnisse in der Welt der Wissenschaft. Eine produktive Intellektualität lebt von der Gleichzeitigkeit verschiedener Denk- und Schreibstile, dem Inspirations- und Irritationscharakter des Unterschiedlichen. Es geht um einen Verlust der Einmischungsfähigkeit und um den schleichenden Abschied von der Buchkultur der großen Entwürfe, der aus mehreren Gründen zu beklagen ist. Zum einen lässt sich leicht feststellen, dass die Heroen geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung von Niklas Luhmann bis zu Hans-Georg Gadamer oder Hans Blumenberg keine Drittmittel eingeworben, sondern vor allem Bücher geschrieben haben. Das heißt, dass sich schon die Geschichte der eigenen Disziplin als Warnung vor ihrer allzu energischen Neuausrichtung und der Imitation naturwissenschaftlicher Organisations- und Publikationsrituale begreifen lässt. Ja, man muss dies inzwischen betonen: Auch die "book people" der deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften waren und sind ziemlich produktive Gestalten, mitunter mit weltweiter Wirkung. Zum anderen ist es – im Angesicht einer schwelenden Legitimationskrise der Geistes- und Sozialwissenschaften – strategisch unklug, ein Wissenschaftsverständnis als Universalstandard zu propagieren, das dazu führt, dass sich die besten Köpfe sprachlich einigeln und aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Die Folge ist im Extremfall, dass der Markt der Intellektuellen nicht mehr aus der Universität heraus besetzt wird, sondern die Aufgabe der unerschrockenen, risikobereiten Zeitdiagnostik von Schriftstellern, Journalisten und Künstlern übernommen wird, denen gemeinsam ist, dass sie sich für die Feinheiten des akademischen Prämienwesens nicht sonderlich interessieren. Die öffentliche Selbstmarginalisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften schadet also im Zweifel der eigenen Disziplin.

Wäre der Kommentar in globalen TV-Sendern der neue Goldstandard?

Und schließlich, ebendies macht den Verlust von Einmischungsfähigkeit gesellschaftspolitisch brisant, ist es unmittelbar einsichtig, dass große Debattenthemen über die Formen des Zusammenlebens unbedingt geboten sind. Das Elend der Flüchtlinge, die Folgen des Klimawandels, die Krise des Kapitalismus und der europäischen Idee, das Wiederaufflammen des Nationalismus, die Totalüberwachung durch britische und amerikanische Geheimdienste, die mediale Allgegenwart von Propaganda, das prekäre Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, die drohende Rückkehr des Kalten Krieges, die Fragmentierung von Öffentlichkeit – all dies sind existenzielle Themen heutiger und künftiger Gesellschaften, die sich drängend und lärmend, manchmal blutig und bestialisch in das öffentliche Bewusstsein schieben.

Sie verlangen eine kollektive Anstrengung des Denkens, eine Renaissance der wirklichkeitsnahen Fantasie. "Professors, we need you!" Zu diesem Aufschrei hat der Publizist Nicholas Kristof in der New York Times den Befund der fehlenden Debattenpräsenz der Geistes- und Sozialwissenschaftler verdichtet.

Braucht es also, wenn man das Menschenbild der Anreiz-Erfinder zugrunde legt, ein System neuen Typs, flotte Prämien für die öffentliche Wirksamkeit und neue Indikatoren für universitäre Interventionisten? Verschiedene Wissenschaftler haben dies vorgeschlagen. Müssen wir also übermorgen den Einfluss der Geistes- und Sozialwissenschaften auf die Politik und die öffentliche Debatte messen? Was zählt dann dieser Artikel, was ein Leserbrief an die Lokalzeitung vor Ort, wie viele Fleißpunkte kriegt man für das eigene Blog und den täglichen Tweet zur ökologischen Gesamtsituation der Welt? Wäre der Kommentar im globalen Fernsehsender CNN mit einem Mal der neue Goldstandard?

Ehrlich gesagt, das klingt furchtbar, wie eine Anleitung zu einem besonders kindisch wirkenden Prämienspiel. Vielleicht reicht es fürs Erste, wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften anfangen, über die Ursachen des eigenen Wirklichkeitsverlustes im Angesicht einer vor sich hin rasenden Gegenwart zu debattieren, einfach nur so.