Eltern verbringen heute im Durchschnitt nicht weniger Zeit mit ihren Kindern als früher, obwohl vor allem Frauen mittlerweile viel mehr Stunden in ihren Beruf investieren. Das zeigen aufwendig erhobene Daten des Statistischen Bundesamtes und eine bisher unveröffentlichte Auswertung im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, die der ZEIT vorliegt.

Die Studie liest sich wie ein statistischer Beleg für die These von der "Rush Hour des Lebens", wonach der Wunsch, Elternschaft und Berufstätigkeit zu verbinden, junge Männer und Frauen unter extremen Zeitdruck setzt. Die Studie zeigt nun erstmals: Die Eltern brauchen heutzutage mehr Zeit für beides, für Job und Kinder. Und vieles andere kommt zu kurz.

Nur Alleinerziehende, und das sind meist Frauen, verbringen der Untersuchung zufolge im Durchschnitt weniger Stunden im Beruf als noch vor zwölf Jahren. Das ist erstaunlich, weil die Frauenerwerbstätigkeit insgesamt stark steigt. "Es könnte daran liegen, dass berufstätige Mütter heute seltener auf Netzwerke von Angehörigen am gleichen Ort vertrauen können", sagt die Familienwissenschaftlerin Uta Meier-Gräwe, eine der Autorinnen der Studie. "Früher war viel häufiger eine Oma oder Tante in der Nähe."

Die Daten, auf die sich die Autorinnen beziehen, stammen vom Statistischen Bundesamt. Es hat mehr als fünftausend Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg drei Mal befragt: in den Jahren 1991/92, zehn Jahre später und dann noch einmal 2012/13. Die Befragten führten ein Tagebuch, in dem sie über mehrere Tage hinweg protokollierten, wie sie ihre Zeit verwenden. 33.842 Einträge zu Aktivitäten wie Essen, Schlafen, Arbeiten, Sport und Kinderbetreuung entstanden allein bei der jüngsten Erhebung.

Die Autorin Uta Meier-Gräwe und ihre Kollegin Nina Klünder haben diese Daten für die Heinrich-Böll-Stiftung ausgewertet. Ihre Untersuchung zeigt, dass Männer in Paarbeziehungen sich heute pro Tag im Durchschnitt 16 Minuten mehr Zeit für ihre Kinder nehmen als noch zur Jahrtausendwende. Bei den Frauen in Paarbeziehungen sind es 25 Minuten mehr.

Am meisten Zeit für ihre Kinder nehmen sich junge Frauen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren, nämlich drei Stunden und acht Minuten pro Tag. Die gleichaltrigen Männer investieren eine Stunde und 32 Minuten – mehr als alleinerziehende Mütter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 31 vom 30.07.2015.

Die Untersuchung zeigt auch, dass Eltern viel weniger Zeit für sich haben als Kinderlose. Väter verbringen weniger Zeit mit Sport, Mütter treffen seltener Freunde als Paare ohne Nachwuchs.

Eine im Oktober erscheinende Studie des Berliner Soziologieprofessors Hans Bertram über das Zeitmanagement von Familien in ganz Europa weist in dieselbe Richtung. Dafür hat Bertram die Statistiken der Datenbank HETUS (Harmonised European Time Use Survey) ausgewertet. Eltern von kleinen Kindern verbringen demnach in allen Ländern der europäischen Union zusammengerechnet etwa 22 Wochenstunden mit ihren Söhnen und Töchtern. Obwohl Frauen im Norden und Süden Europas unterschiedlich viel arbeiten und unterschiedlich guten Zugang zu Kinderbetreuung haben, sei der Zeitbedarf für die Kindererziehung erstaunlich einheitlich, sagt der Familienforscher und frühere Regierungsberater. Den größten Unterschied zwischen Nord und Süd finde man in der Großeltern-Generation. In Südeuropa verbringen die Älteren viel Zeit mit ihren Enkeln, damit deren Eltern arbeiten können. In Skandinavien übernehmen staatliche Betreuungseinrichtungen diese Aufgabe.

Das entlastet nicht nur die Eltern, sondern auch die Rentenkassen. Denn in fast allen Ländern mit umfangreichen Betreuungsangeboten seien nicht nur viele Frauen, sondern auch viele Alte im Job, sagt Bertram. In Dänemark beispielsweise gibt es kein offizielles Alter für den Renteneinstieg, in Norwegen dürfen Beschäftigte bis 75 berufstätig bleiben, wenn sie wollen. Der Staat spare nicht nur bei den Renten, sondern nehme auch mehr Steuern ein und könne mehr in Bildung investieren, sagt Hans Bertram. Er empfiehlt Deutschland, einen ähnlichen Weg zu gehen.