Vom englischen Dichter Oscar Wilde stammt das Märchen vom selbstsüchtigen Riesen: Der Riese ist Eigentümer eines herrlichen Parks und duldet es nicht, dass jemand anders als er selbst seinen Fuß in das Grün setze und sich an der Pracht der Blumen erfreue. Wütend vertreibt er alle spielenden Kinder und baut eine gigantische Mauer um seinen Park. Doch nicht nur die Kinder bleiben jetzt aus, auch der Frühling, der Sommer und der Herbst meiden den Garten. Die ganze Natur leistet Widerstand gegen einen, der nicht teilen will. Und so bleiben dem Riesen zuletzt als Gefährten: der Winter, der Schnee und der Frost.

Dass Deutschland so ein erstarrter Riese werde, ist offenbar der Wunsch mancher Bürger, die eine geistige Mauer um unser Land bauen und mit Widerwillen auf die steigende Zahl der Schutzsuchenden starren, die in langen Trecks aus den Kriegs- und Elendsgebieten dieser Welt über unsere Grenzen kommen. Ihnen nach dem Munde reden Politiker, die es besser wissen müssten, weil sie von ihrem erhöhten Posten aus sehr wohl erkennen können, was die Zukunft bringt: Dieses prächtige Land wird in absehbarer Zeit eine Winterlandschaft des Alters sein – verödet und vergreist.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung veröffentlichte schon im März eine Studie, der zufolge Deutschland bis 2050 jährlich etwa zwischen 300.000 und 500.000 Menschen aus Nicht-EU-Ländern aufnehmen muss, um ein Zusammenbrechen der Sozialsysteme zu verhindern.

Es mag befremdlich klingen, aber für Deutschland sind die Flüchtlinge, diese vielen jungen, zuversichtlichen, nicht selten begabten und ehrgeizigen Menschen, ein Glück. Welches Ausmaß das Glück erreichen wird, hängt jetzt von uns selbst ab: Wie herzlich heißen wir die Fremden willkommen? Wie schnell lehren wir sie, unsere Sprache zu sprechen und sich selbstbewusst unter uns zu bewegen? Wie gut bilden wir sie aus – in Schulen, Hochschulen und Betrieben? Wie entschlossen überwinden wir die Fremdheit? Und: Wie hoch türmen wir die Hindernisse vor ihnen auf, bevor sie Bürger dieses Landes werden können? Gut ausgebildete und integrierte Menschen bereichern das Land. Und was könnten sie in ihrer Heimat schon lernen? Töten und Sterben.

Eines Oktoberabends 2012 stand eine sechsköpfige Familie aus Usbekistan bei mir zu Hause vor der Tür, die uns "Reporter ohne Grenzen" schickte: der vom Regime verfolgte Journalist Malik aus Taschkent und seine Frau Nigora, eine Ärztin, dazu vier Kinder – die Töchter Zumrad (damals 17) und Hulkar (9) sowie die Söhne Tarhon (7) und Orhon (3). Kaum Gepäck, keine Sprachkenntnisse. Zunächst lebten sie einige Wochen lang bei uns, dann startete das Bundesland Hamburg einen fulminanten Prozess der Menschenrettung: Sprachkurse für alle, Kindergärten, Förderklassen, eine schöne, große Wohnung in einem guten Viertel.

Die Integration so vieler Menschen ist eine Aufgabe für jeden von uns

Heute – drei Jahre später – steht die Mutter kurz vor der ärztlichen Approbation, und der Vater berichtet für einen amerikanischen Sender aus der Ukraine. Die Älteste wird Arzthelferin, die mittleren Kinder besuchen ein Hamburger Gymnasium, und der Kleine kommt im Herbst in die Grundschule. Wenn sie uns besuchen – zum Beispiel in dieser Woche –, sehen wir: eine neue deutsche Familie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Andere Bürger können den Flüchtlingen anders helfen. Und die Deutschen helfen – auf tausenderlei Weise überall im Land: mit Kleidung, Spielsachen, Schulbüchern. Sie lassen sich nicht lumpen. Aber die Neuankömmlinge können noch etwas brauchen: deutsche Mentoren und Paten, die sie durch die komplizierte neue Welt navigieren und eskortieren, die auf sie achten und ihnen einfach Freunde und Ratgeber sind. Die Integration so vieler fremder Menschen in unsere Gesellschaft ist eine Leistung, die wir alle vollbringen müssen, die jeden von uns angeht. Dann könnte es für uns auch so gut enden wie bei Oscar Wilde.

In seiner Erzählung bekommt die Mauer des selbstsüchtigen Riesen nämlich plötzlich Risse. Durch sie schlüpfen die Kinder zurück in den Garten. Ihnen folgt der lang ersehnte Frühling, und plötzlich grünt und blüht wieder alles. Der vereinsamte Riese aber springt auf, rennt hinaus, begrüßt die ungebetenen Gäste überschwänglich – und begreift endlich, um welches Glück er sich beinahe gebracht hätte.

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Wie jugendliche Flüchtlinge ihr Leben in Deutschland sehen, zeigt dieses Video:

Integration - Wie jugendliche Flüchtlinge ihr Leben in Deutschland sehen