Caroline Spreitzer schüttelt gerade die Betten ihrer Kinder auf, als das Weltgeschehen ihren Garten erreicht. Es ist ein Dienstag Ende Juli, halb acht morgens. Licht flutet die Weiden und Felder um Passau, erhellt auch ihr Bauernhaus, einsam an einer Straße gelegen. Da schlagen die Hunde an. Caroline Spreitzer hält inne und schaut aus dem Fenster.

In der Hofeinfahrt, unter den Birken, hocken Menschen im Kies. Männer, Frauen, Kinder. Einige liegen, reglos wie Puppen. Wie viele sind es? Caroline Spreitzer zählt fünf, zehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, alle haben dunkles Haar, niemand hat Gepäck dabei. Da begreift sie: Vor ihrem Haus sitzen Flüchtlinge, wahrscheinlich aus dem Nahen Osten. Die "humanitäre Katastrophe" ist aus den Nachrichten in ihr Leben gekommen. So schreibt sie es am nächsten Tag auf ihrer Facebook-Seite.

Wenn Araber in einem bayerischen Vorgarten stranden, muss die Welt in Unordnung geraten sein. Oder sich neu ordnen, so kann man es auch sehen. Darüber lässt sich streiten, davon wird noch die Rede sein.

In ihrem Haus fasst sich Caroline Spreitzer, 34 Jahre alt, ein Herz und tritt vor die Tür. Blicke heben sich. "Is this Germany?", fragt einer der Männer. Wo sind wir? Was für ein Wochentag ist heute? Welches Datum? Caroline Spreitzer meint zu verstehen, dass die Menschen unter ihren Birken aus Syrien kommen. Dass sie fast 40 Tage unterwegs waren, zuletzt 17 Stunden auf der Ladefläche eines fensterlosen Kleintransporters. Stehende, schaukelnde Menschenfracht, ihre Notdurft in Tüten verrichtend.

In der Gruppe ist eine Familie, Vater, Mutter, zwei Töchter, ein Sohn. Der Vater faltet die Hände zu einer flehenden Geste. Er zeigt stumm auf seine Kinder, öffnet den Mund und gibt pantomimisch zu verstehen: Durst! Durst! Mit wehendem Rock läuft Caroline Spreitzer zurück in ihr Haus und holt Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Als die Kohlensäure aus der Flasche zischt, zucken die Kinder zusammen. Wieder läuft Caroline Spreitzer in die Küche, füllt Leitungswasser in Leergut und bestreicht Semmeln mit Nutella. "Ich weiß ja", sagt sie, "die essen kein Schweinefleisch."

Während die Gruppe schweigend kaut und schluckt, ruft Caroline Spreitzer die Polizei. Die Menschen hatten darum gebeten: "Police! Police!" Spreitzer wählt einmal, zweimal, dreimal. Niemand nimmt ab. Als sie endlich durchkommt, sagt eine Stimme am anderen Ende der Leitung: "Das wird dauern. Wir haben nicht genügend Wagen. Es sind zu viele."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Eine neue Völkerwanderung ist im Gange, in diesem Sommer wird sie mitten in Europa sichtbar. Flüchtlinge sitzen an Italiens Stränden, im französischen Calais springen sie auf Lastwagen, die nach England fahren. Die Entwicklung befeuert längst die Politik, füllt Schlagzeilen und Sondersendungen, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer stopft mit Reden über "massenhaften Asylmissbrauch" das Sommerloch. Im anschwellenden Meinungsgetöse ist eine Geschichte nahezu unerzählt geblieben. Dass sich eine Grenzstadt im Südosten der Republik in ein deutsches Lampedusa verwandelt: Passau. Von Osteuropa aus betrachtet, ist die Stadt der erste große Verkehrsknotenpunkt im Westen, das erste erreichbare Stück Deutschland, erschlossen mit drei Autobahnabfahrten.

Allein am Tag, an dem Caroline Spreitzer unerwarteten Besuch bekam, zählte die Bundespolizei in Passau 599 neue Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, von Schleusern über die Grenze gefahren und im Dunkel der Nacht ausgesetzt in Wäldern, auf Äckern, vor abgelegenen Höfen. Zwischen Januar und Juni kamen fast 15.000 Menschen. Nirgendwo sonst in der Bundesrepublik werden mehr Ankömmlinge gezählt.

Wer frühmorgens zwischen vier und sechs über die Landstraßen um Passau fährt, begegnet in der Dämmerung Prozessionen von Flüchtlingen, erblickt archaische Bilder. Es ist, als habe jemand zwei Motive zu einem zusammengeschnitten: Frauen mit Kopftüchern tragen ihre Babys durch sattgrüne Milchtütenlandschaft, Familien streifen durch Kornfelder, Kinder schlafen unter Bäumen und an Bushaltestellen. Wer ihnen nach Passau folgt, trifft dort auf Beamte, Bauern, Ärzte, Lehrer, Dolmetscher, Staatsanwälte und einen Bürgermeister, die alle um Worte ringen für einen Epochenwandel, der jetzt auch ihr Leben erfasst. Und die stellvertretend für ganz Deutschland nach Antworten auf Fragen suchen, die sich plötzlich stellen: Wie viel Wohlwollen muss eine wohlhabende Gesellschaft aufbringen? Wie viel Entgegenkommen gegenüber jenen, die ihrerseits Tausende Kilometer zurückgelegt haben?

Und was wird, wenn die vielen nur wenige sind, verglichen mit denen, die noch kommen?

In der Stadt hat niemand Zeit, in der Theorie darüber zu sinnieren. Passau ist ein Praxislabor für Flüchtlingspolitik. Es passiert so viel so schnell, täglich ändert sich die Lage, stündlich kommen neue Menschen. Das macht es allen schwer, den Überblick zu behalten. Und doch: Im Lauf dieser Recherche werden sich nicht bloß Bilder der Besorgnis und Bedrängnis finden, sondern viele Gründe, stolz auf dieses Land zu sein. Anders stolz als Rechtsextreme.

Am nächsten Morgen laufen wieder Menschen durch die Dämmerung, meldet der Verkehrsfunk "Fußgänger auf der A 3 zwischen Grenzübergang Suben und Passau-Süd", als Amir Shamo, seine Frau Maha und ihre drei Kinder nach wochenlanger Flucht auf dem Pannenstreifen der Autobahn das Land des Friedens betreten. Zu Fuß gehen sie an der Leitplanke entlang, mit einer Körperlänge Abstand rasen Lastwagen an ihnen vorbei, der müde Sohn taumelt hinter seinen Eltern her, als seien die schweren Transporter keine Bedrohung.

Was ist schon gefährlich, wenn man den Terroristen des "Islamischen Staates" entkommen ist?

Gerade eben noch saß die Familie in einem Kastenwagen, in dem sie viele Stunden verbracht hatte, wie viele genau, hatte sie nicht gezählt. Der Fahrer, ein Mann, dessen Sprache die Shamos nicht verstanden, stoppte abrupt und scheuchte alle elf Insassen aus dem Auto. "Germany, Germany!", rief er und fuhr sofort weiter. Auf einem Rastplatz standen die Shamos Menschen in Shorts und Flip-Flops gegenüber, sahen Urlaubsrückkehrer Zigaretten rauchen. Und ein Klohaus, aus dem braune Soße floss.

Amir und Maha Shamo setzen an diesem Morgen keine kraftvollen, wippenden Schritte, wie Wanderer das tun. Auf ihrem Gang ins gelobte Land setzen sie einen Fuß vor den anderen, langsam, monoton, weil sie schon Tausende Kilometer hinter sich haben und nicht wissen, wann das Ziel kommen wird. Ob es jemals kommen wird. Irgendwo hier soll München sein, die Stadt, in der Amir Shamos Bruder lebt.

An Amir Shamos Schultern hängt das einzige Gepäck der Familie: ein kleiner schwarzer Rucksack. An der Hand hält er seine Tochter Alma. Daneben Aiham, der Sohn. Vor Amir Shamo läuft seine Frau, auf ihren Armen ein Baby: Oleana, ein Mädchen mit einem Mund noch ohne Zähne, ein Kind, das noch nicht krabbeln kann und wohl ein Viertel seines Lebens auf der Flucht verbracht hat.

Vielleicht 200 Schritte sind die Shamos vom Rastplatz aus gelaufen, als hinter ihnen ein VW-Bus hält. Zwei junge Männer steigen aus.

"Taxi?", fragt Amir Shamo.

"No taxi", sagt einer der beiden und zeigt einen Dienstausweis: Polizei.

Der Mann öffnet die Tür des Busses und bedeutet der Familie mit einem Wink, einzusteigen. Die Polizisten wollen die Shamos auf eine Passauer Wache bringen. Jeder Flüchtling, der zu Fuß nach Deutschland kommt, hat nach Paragraf 95 des Aufenthaltsgesetzes eine Straftat begangen: die illegale Einreise. Eine Straftat, die ohne Strafe bleibt, wenn man so will. Jeder Flüchtling muss sie begehen, um Asyl beantragen zu können.

Bevor Amir Shamo in den Bus steigt, wendet er sich direkt an uns, die Reporter der ZEIT. Manchmal ist das so, manchmal können Journalisten dem Geschehen, über das sie berichten wollen, nicht ausweichen. Wer zusieht, wird vereinnahmt. So reicht uns Amir Shamo einen Zettel, auf dem eine Handynummer steht, Vorwahl 0176. Sie wird an diesem Tag noch wichtig werden.