Caroline Spreitzer schüttelt gerade die Betten ihrer Kinder auf, als das Weltgeschehen ihren Garten erreicht. Es ist ein Dienstag Ende Juli, halb acht morgens. Licht flutet die Weiden und Felder um Passau, erhellt auch ihr Bauernhaus, einsam an einer Straße gelegen. Da schlagen die Hunde an. Caroline Spreitzer hält inne und schaut aus dem Fenster.

In der Hofeinfahrt, unter den Birken, hocken Menschen im Kies. Männer, Frauen, Kinder. Einige liegen, reglos wie Puppen. Wie viele sind es? Caroline Spreitzer zählt fünf, zehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, alle haben dunkles Haar, niemand hat Gepäck dabei. Da begreift sie: Vor ihrem Haus sitzen Flüchtlinge, wahrscheinlich aus dem Nahen Osten. Die "humanitäre Katastrophe" ist aus den Nachrichten in ihr Leben gekommen. So schreibt sie es am nächsten Tag auf ihrer Facebook-Seite.

Wenn Araber in einem bayerischen Vorgarten stranden, muss die Welt in Unordnung geraten sein. Oder sich neu ordnen, so kann man es auch sehen. Darüber lässt sich streiten, davon wird noch die Rede sein.

In ihrem Haus fasst sich Caroline Spreitzer, 34 Jahre alt, ein Herz und tritt vor die Tür. Blicke heben sich. "Is this Germany?", fragt einer der Männer. Wo sind wir? Was für ein Wochentag ist heute? Welches Datum? Caroline Spreitzer meint zu verstehen, dass die Menschen unter ihren Birken aus Syrien kommen. Dass sie fast 40 Tage unterwegs waren, zuletzt 17 Stunden auf der Ladefläche eines fensterlosen Kleintransporters. Stehende, schaukelnde Menschenfracht, ihre Notdurft in Tüten verrichtend.

In der Gruppe ist eine Familie, Vater, Mutter, zwei Töchter, ein Sohn. Der Vater faltet die Hände zu einer flehenden Geste. Er zeigt stumm auf seine Kinder, öffnet den Mund und gibt pantomimisch zu verstehen: Durst! Durst! Mit wehendem Rock läuft Caroline Spreitzer zurück in ihr Haus und holt Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Als die Kohlensäure aus der Flasche zischt, zucken die Kinder zusammen. Wieder läuft Caroline Spreitzer in die Küche, füllt Leitungswasser in Leergut und bestreicht Semmeln mit Nutella. "Ich weiß ja", sagt sie, "die essen kein Schweinefleisch."

Während die Gruppe schweigend kaut und schluckt, ruft Caroline Spreitzer die Polizei. Die Menschen hatten darum gebeten: "Police! Police!" Spreitzer wählt einmal, zweimal, dreimal. Niemand nimmt ab. Als sie endlich durchkommt, sagt eine Stimme am anderen Ende der Leitung: "Das wird dauern. Wir haben nicht genügend Wagen. Es sind zu viele."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Eine neue Völkerwanderung ist im Gange, in diesem Sommer wird sie mitten in Europa sichtbar. Flüchtlinge sitzen an Italiens Stränden, im französischen Calais springen sie auf Lastwagen, die nach England fahren. Die Entwicklung befeuert längst die Politik, füllt Schlagzeilen und Sondersendungen, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer stopft mit Reden über "massenhaften Asylmissbrauch" das Sommerloch. Im anschwellenden Meinungsgetöse ist eine Geschichte nahezu unerzählt geblieben. Dass sich eine Grenzstadt im Südosten der Republik in ein deutsches Lampedusa verwandelt: Passau. Von Osteuropa aus betrachtet, ist die Stadt der erste große Verkehrsknotenpunkt im Westen, das erste erreichbare Stück Deutschland, erschlossen mit drei Autobahnabfahrten.

Allein am Tag, an dem Caroline Spreitzer unerwarteten Besuch bekam, zählte die Bundespolizei in Passau 599 neue Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, von Schleusern über die Grenze gefahren und im Dunkel der Nacht ausgesetzt in Wäldern, auf Äckern, vor abgelegenen Höfen. Zwischen Januar und Juni kamen fast 15.000 Menschen. Nirgendwo sonst in der Bundesrepublik werden mehr Ankömmlinge gezählt.

Wer frühmorgens zwischen vier und sechs über die Landstraßen um Passau fährt, begegnet in der Dämmerung Prozessionen von Flüchtlingen, erblickt archaische Bilder. Es ist, als habe jemand zwei Motive zu einem zusammengeschnitten: Frauen mit Kopftüchern tragen ihre Babys durch sattgrüne Milchtütenlandschaft, Familien streifen durch Kornfelder, Kinder schlafen unter Bäumen und an Bushaltestellen. Wer ihnen nach Passau folgt, trifft dort auf Beamte, Bauern, Ärzte, Lehrer, Dolmetscher, Staatsanwälte und einen Bürgermeister, die alle um Worte ringen für einen Epochenwandel, der jetzt auch ihr Leben erfasst. Und die stellvertretend für ganz Deutschland nach Antworten auf Fragen suchen, die sich plötzlich stellen: Wie viel Wohlwollen muss eine wohlhabende Gesellschaft aufbringen? Wie viel Entgegenkommen gegenüber jenen, die ihrerseits Tausende Kilometer zurückgelegt haben?

Und was wird, wenn die vielen nur wenige sind, verglichen mit denen, die noch kommen?

In der Stadt hat niemand Zeit, in der Theorie darüber zu sinnieren. Passau ist ein Praxislabor für Flüchtlingspolitik. Es passiert so viel so schnell, täglich ändert sich die Lage, stündlich kommen neue Menschen. Das macht es allen schwer, den Überblick zu behalten. Und doch: Im Lauf dieser Recherche werden sich nicht bloß Bilder der Besorgnis und Bedrängnis finden, sondern viele Gründe, stolz auf dieses Land zu sein. Anders stolz als Rechtsextreme.

Am nächsten Morgen laufen wieder Menschen durch die Dämmerung, meldet der Verkehrsfunk "Fußgänger auf der A 3 zwischen Grenzübergang Suben und Passau-Süd", als Amir Shamo, seine Frau Maha und ihre drei Kinder nach wochenlanger Flucht auf dem Pannenstreifen der Autobahn das Land des Friedens betreten. Zu Fuß gehen sie an der Leitplanke entlang, mit einer Körperlänge Abstand rasen Lastwagen an ihnen vorbei, der müde Sohn taumelt hinter seinen Eltern her, als seien die schweren Transporter keine Bedrohung.

Was ist schon gefährlich, wenn man den Terroristen des "Islamischen Staates" entkommen ist?

Gerade eben noch saß die Familie in einem Kastenwagen, in dem sie viele Stunden verbracht hatte, wie viele genau, hatte sie nicht gezählt. Der Fahrer, ein Mann, dessen Sprache die Shamos nicht verstanden, stoppte abrupt und scheuchte alle elf Insassen aus dem Auto. "Germany, Germany!", rief er und fuhr sofort weiter. Auf einem Rastplatz standen die Shamos Menschen in Shorts und Flip-Flops gegenüber, sahen Urlaubsrückkehrer Zigaretten rauchen. Und ein Klohaus, aus dem braune Soße floss.

Amir und Maha Shamo setzen an diesem Morgen keine kraftvollen, wippenden Schritte, wie Wanderer das tun. Auf ihrem Gang ins gelobte Land setzen sie einen Fuß vor den anderen, langsam, monoton, weil sie schon Tausende Kilometer hinter sich haben und nicht wissen, wann das Ziel kommen wird. Ob es jemals kommen wird. Irgendwo hier soll München sein, die Stadt, in der Amir Shamos Bruder lebt.

An Amir Shamos Schultern hängt das einzige Gepäck der Familie: ein kleiner schwarzer Rucksack. An der Hand hält er seine Tochter Alma. Daneben Aiham, der Sohn. Vor Amir Shamo läuft seine Frau, auf ihren Armen ein Baby: Oleana, ein Mädchen mit einem Mund noch ohne Zähne, ein Kind, das noch nicht krabbeln kann und wohl ein Viertel seines Lebens auf der Flucht verbracht hat.

Vielleicht 200 Schritte sind die Shamos vom Rastplatz aus gelaufen, als hinter ihnen ein VW-Bus hält. Zwei junge Männer steigen aus.

"Taxi?", fragt Amir Shamo.

"No taxi", sagt einer der beiden und zeigt einen Dienstausweis: Polizei.

Der Mann öffnet die Tür des Busses und bedeutet der Familie mit einem Wink, einzusteigen. Die Polizisten wollen die Shamos auf eine Passauer Wache bringen. Jeder Flüchtling, der zu Fuß nach Deutschland kommt, hat nach Paragraf 95 des Aufenthaltsgesetzes eine Straftat begangen: die illegale Einreise. Eine Straftat, die ohne Strafe bleibt, wenn man so will. Jeder Flüchtling muss sie begehen, um Asyl beantragen zu können.

Bevor Amir Shamo in den Bus steigt, wendet er sich direkt an uns, die Reporter der ZEIT. Manchmal ist das so, manchmal können Journalisten dem Geschehen, über das sie berichten wollen, nicht ausweichen. Wer zusieht, wird vereinnahmt. So reicht uns Amir Shamo einen Zettel, auf dem eine Handynummer steht, Vorwahl 0176. Sie wird an diesem Tag noch wichtig werden.

Die A 3 ist das Ende der sogenannten Balkan-Route

Familie Shamo bei der Registrierung in der Polizeiwache Passau © Amrai Coen

Die Flüchtlingsgeschichten aus Passau, sie beginnen alle im Dämmerlicht, wie Kriminalromane. Es dauert etwas, bis Schicksale sichtbar werden, zumindest wenn man das Geschehen aus deutscher Perspektive erzählt.

Die Uhr des Navigationsgerätes zeigt 3:19, als die Oberkommissare Maier und Hillebrand ihren nachtblauen BMW im Grasstreifen an der Autobahnabfahrt Passau-Süd abstellen, die Scheinwerfer ausschalten und ins Dunkel starren. Sie haben Pistolen dabei, Handschellen, Taschenlampen, unter ihren Hemden tragen sie schusssichere Westen. Die beiden Männer sind Zivilfahnder, Nacht für Nacht warten sie hinter der Grenze auf illegale Einwanderer, Schleuser, Drogenkuriere.

Lichtkegel schwenken durchs Schwarz, stetig rauscht der Verkehr auf der Autobahn 3 – in der Sprache der Polizisten selbst in normalen Zeiten "eine offene Psychiatrie". Hier schlingern übermüdete bulgarische Handwerker zurück in die Heimat, tragen neureiche Osteuropäer mit ihren Ferraris Rennen aus, geben deutsche Oberstudienräte die linke Spur nicht frei. Für Touristen beginnen auf der A 3 die Ferien, für Fahnder ist die Straße das Ende der sogenannten Balkan-Route: Naher Osten–Türkei–Griechenland–Balkanstaaten–Ungarn–Österreich–Deutschland. Auf diesem Weg schmuggeln Dealer Drogen nach Westeuropa, jetzt ist der Menschenhandel einträglicher.

Die Kommissare Maier und Hillebrand in ihrem abgedunkelten Wagen befinden sich am Ende eines weltpolitischen Dominoeffekts: Seit in den arabischen Staaten auf Revolutionen Bürgerkriege folgten und auf Bürgerkriege Terrorherrschaft, seit es Fassbomben auf Weltkulturerbe-Stätten regnet und der IS sich durch ganze Landstriche mordet, sind weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht, das ist die größte Zahl, die das Flüchtlingshilfswerk UNHCR jemals verzeichnet hat. Allein in Syrien sind elf von zwanzig Millionen Menschen vertrieben, sieben Millionen irren durchs Inland, vier Millionen sind ins Ausland entkommen. Und allein die Türkei hat 1,8 Millionen Syrer aufgenommen, dazu mindestens 100.000 Iraker. Der Eindruck, dass gerade die ganze Welt nach Deutschland kommt, er trügt. Die Österreicher glauben von ihrem Land dasselbe. All jene, die irgendwo unterwegs hängen geblieben sind: unsichtbar. Wer noch Geld und Kraft hat, schlägt sich durch in die reichen Länder Europas. Dort gibt es Beamte, die sich an Gesetze halten, Heime statt Gefängnisse. Arbeit. Zukunft für alle. So erzählen es sich die Flüchtlinge.

Die Uhr im Polizeiwagen zeigt 3:28, als ein silbernes Auto die Abfahrt nimmt. Das Nummernschild ist nicht beleuchtet, das ist verdächtig. Maier und Hillebrand starten den Motor, Licht flammt auf, sie wenden und verfolgen mit Blaulicht den Wagen. Ein alter Mercedes. Sie jagen nicht die Flüchtlinge, sie wollen die Schleuser, die Nutznießer der Not, oft Arbeitslose aus Osteuropa, die für die letzte Etappe ein paar Hundert Euro erhalten, manchmal vollgepumpt mit Kokain oder Amphetaminen, das elende Ende einer Kette, an deren Anfang als Schleuser-Organisation häufig eine der Kriegsparteien steht, die ihre Einnahmen wieder in Waffen investiert.

Der Krieg nährt sich am Elend, das er verursacht.

Der Mann im Mercedes bremst nicht, er rast in Richtung Wald. Maier und Hillebrand geben Gas, überholen, bremsen ihn aus. Stroboskophafte Bilder in zuckendem Blaulicht: die beiden Polizisten mit Hand an der Waffe. Bayerisch gefärbtes Englisch: "You are arrested! Illegal person in the car!" Ein dürrer Kerl in Shorts und T-Shirt, erst beide Hände auf dem Autodach, dann in Handschellen. Laut Ausweis ein Ungar, Vorname Zoltan, 1975 geboren. Auf dem Rücksitz des Autos schweißnass, schlaftrunken und geblendet drei junge Männer, die sagen, sie seien aus "Syria". Und wieder: "Is this Germany?"

Hillebrand macht eine beschwichtigende Geste wie ein Bademeister, die Handflächen nach unten. "No problem", sagt er, "German police."

Es gab Jahre, da mussten Maier und Hillebrand zehn Stunden warten, bis ihnen ein Schleuser oder Dealer ins Netz ging. An diesem Morgen hat es neun Minuten gedauert. Als die beiden ihren Fang auf die Wache fahren, sehen sie am Straßenrand den nächsten Wagen. Ein Kleintransporter. Menschen springen aus dem Laderaum. Maier und Hillebrand fahren weiter. Ihr Auto ist schon voll.

Unter der 0176-Nummer, die Amir Shamo uns hinterlassen hat, meldet sich ein Mann, er spricht fließend Deutsch. Es ist Amir Shamos Bruder. Er fragt, ob wir die Shamos in ein Taxi nach München setzen können. "Egal, was es kostet."

Aber Amir Shamo und seine Familie sitzen da schon in Passau auf Plastikstühlen vor dem ehemaligen Unterrichtsgebäude der Polizei, das in diesen Tagen als Aufnahmestelle dient, mit Feldbetten zum Ausruhen, mit Stehtischen, an denen Beamte Zettel ausfüllen und Namen in alte Rechner tippen.

Ein Polizist klebt den Shamos gelbe Armbänder um die Handgelenke und schreibt mit schwarzem Edding Zahlen darauf, nummeriert neue Leben, wie eine Hebamme in einer Geburtsklinik.

56: Amir Shamo, 38 Jahre

57: Aiham Shamo, 5 Jahre

58: Alma Shamo, 3 Jahre

59: Maha Shamo, 30 Jahre

60: Oleana Shamo, 4 Monate

So beginnt ihr erster Ausflug in die deutsche Bürokratie. Ein Beamter fotografiert die Shamos. Ein anderer nimmt Fingerabdrücke. Ein dritter zeigt ihnen Formulare, auf denen sie zwischen zehn Sprachen wählen können.

"Verstehst du was davon?", fragt der Beamte und fährt mit seinem Finger über die Zettel.

Englisch. Persisch. Dari. Urdu. Kurmandschi ...

Bei Kurmandschi hebt Amir Shamo die Hand. Gemeinsam mit dem Beamten füllt er dann aus:

Staatsangehörigkeit: Irakisch

Wohnort: Mossul, Nordirak

Konfession: Jesidisch

Gesetzlicher Vertreter: –

Die Formulare fragen viel. Sie fragen Wer?, Wann?, Was?, Woher?, nur nach dem Warum fragen sie nicht, nach dem Grund einer Flucht.

Was muss passieren, bis ein Mensch bereit ist, seine Familie zurückzulassen, seine Freunde, seine Arbeit, seine Sprache, seine gesamte Identität? Wie viele Bomben müssen fallen, wie viele Gebäude zerstört werden, wie viele Menschen geköpft?

Ein Jahr lang ertrug Amir Shamo den Terror des IS. Ein Jahr, in dem die Kämpfer die Denkmäler seiner Heimatstadt Mossul sprengten, in dem sie die jungen Mädchen raubten, Familien auslöschten.

Die Shamos sind Jesiden, sie gehören zu einer religiösen Minderheit im Nordirak, die nicht an Allah glaubt und nicht an Jesus Christus, sondern an einen Gott, der die Welt aus einer Perle schuf. Amir Shamo hatte nie geplant, das Land seiner Väter zu verlassen. Er war Besitzer einer Bar, mit seiner Familie lebte er in einem Haus aus Stein, sie hatten nicht viel, aber mehr als genug.

Als vor einem Jahr die Kämpfer des IS ihre Stadt einnahmen, blieben der Familie drei Optionen: konvertieren, hingerichtet werden oder verschwinden.

Amir Shamo ist ein gläubiger Mann, nie würde er seine Religion verraten. So beschloss er zu fliehen, wie fünf seiner acht Brüder vor ihm.

34.000 Euro zahlte Shamo für die Flucht, viel Geld für einen irakischen Barbesitzer, wenig Geld für ein Menschenleben: 6800 Euro für jeden von ihnen. Für eine Reise, die Amir Shamos Erinnerung flutet als milchiger Strom aus Tagen und Nächten, aus Hitze und Kälte, aus endlosen Fahrten und Fußmärschen. Fragen zur Flucht weicht er mit dem immer selben Satz aus: "I don’t know." Er redet, als schäme er sich, als wolle er sich nicht erinnern, sondern lieber vergessen.

"Jeden Morgen und jeden Abend bete ich zu Gott, er möge Steine auf den Nordirak regnen lassen", sagt Amir Shamo. "Steine, die die Terroristen des IS vertreiben."

Flüchtlingsboote auf Lampedusa, Schleuserwagen in Passau

Festnahme eines ungarischen Schleusers, der vier junge Syrer im Auto hatte © Amrai Coen

Seit Jahren schwelen Kriege und Konflikte im Nahen Osten, zerbrechen Gewissheiten und Allianzen, gerade bombardieren die Türken die Kurden, den Feind ihres Feindes, des "Islamischen Staates". Wie die Shamos haben viele Bürger versucht auszuharren, haben gehofft, dass der Frieden in ihre Heimat zurückkehrt. Aber er kam und kam nicht, und ihre Not wuchs, bis sie unerträglich wurde. So lässt sich erklären, warum jetzt, im Sommer 2015, derart viele Flüchtlinge Deutschland erreichen.

Draußen auf dem Parkplatz der Passauer Wache brummen Motoren, bringen Polizisten immer mehr Menschen, rangieren beschlagnahmte Autos. Was auf Lampedusa die Flüchtlingsboote darstellen, sind in Passau die Schleuserwagen. Symbolgewordene Vehikel, Rettungskapsel und Gefängniszelle zugleich.

In langen Reihen stehen sie in den Höfen der Polizeiwachen oder verrotten zurückgelassen in den Wäldern. Eckige, alte Transporter von Volkswagen, Fiat, Mercedes. Die Besitzer haben immer wieder gewechselt, die Tachometer sind zigmal umgesprungen, im Blech wächst pockennarbiger Rost. Ungarische, bulgarische, serbische, italienische Kennzeichen. In den Handschuhfächern Hinterlassenschaften der Schleuser, Bonbonpapiere mit türkischer Aufschrift, Croissant-Tüten aus Griechenland, leere Plastikflaschen mit ungarischen Etiketten, zerknüllte Marlboro-Schachteln, Notizzettel voller Telefonnummern. Wenn es Sitzbänke gibt, klebt in den Polstern der Geruch von Schweiß und Zigaretten. Außen im Lack Spuren vergangener Jahre, oft Namen bayerischer, schwäbischer, niedersächsischer Handwerksbetriebe.

Sogar die Autos erzählen in diesem Sommer von Umwälzungen und Bewegungen, die sich aus ihnen ergeben. Viele der Wagen, sagen die Polizisten, hatten Erstbesitzer aus Deutschland und wurden zu Zeiten der Abwrackprämie verkauft. Die Aufkleber blieben. Ein weißer Kleinbus muss der Deutschen Sporthilfe gehört haben, der Schriftzug hat Zeit und Wetter widerstanden. Ein paar Jahre noch, etwas Abstand zum Heute, und der Wagen könnte im Bonner Haus der Geschichte stehen, zwischen Helmut Kohls Strickjacke und einem Stück Berliner Mauer.

Auf der Wache vergehen Stunden mit Warten, Fragenbeantworten, Warten, Zettelausfüllen, Warten, Dokumentestempeln, Warten. Oleana, das Baby, schläft auf dem Arm der Mutter. Aiham, der Fünfjährige, blickt staunend auf die Bildschirme der Beamten, auf denen Fotos und Fingerabdrücke der Flüchtlinge erscheinen. Hält ein Polizist ein high five in die Luft, schlägt Aiham ein. Die Deutschen streicheln ihm über den Kopf und stecken ihm Gummibärchen zu.

Jeden Tag stehen Dutzende Familien vor den Passauer Beamten, jede Woche Tausende Flüchtlinge. Die Arbeit der Polizisten ist Leid am Fließband. Schaut man ihnen ein paar Tage zu, erkennt man, dass auch sie sehr müde sind, aber alles dafür tun, den Fremden so viel Nähe zu geben wie möglich. Jedem Einzelnen in der Masse seine Würde zu lassen.

Wie stark eine Zivilisation ist – vielleicht ist das am besten in Zeiten wie diesen zu ermessen. Und an Orten wie einer Polizeiwache.

Manchmal hält vor dem Gebäude ein kleiner Renault Twingo, und ein glatzköpfiger Mann mit Ledertasche steigt aus. Dr. Ingo Martin ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Er kommt, wenn die Flüchtlinge nach einem "doctor" fragen. In diesem Sommer hat er das Gefühl, mit jedem Schritt in die Vergangenheit zu laufen, bis tief ins vorige Jahrhundert. In diesen Wochen sieht der Arzt Körper, die ihn an historische Bilder von 1945 erinnern. Bis aufs Fleisch wund gelaufene Füße, eiternde Schusswunden, Arme und Beine voller Granatsplitter, "vor allem schlecht verheilte Kriegswunden, die sich unter den Verhältnissen der Flucht nicht beruhigen konnten", sagt Martin. Hinzu kommen öfter Platzwunden am Kopf, weil die Schleuser ihre Autos immer voller packen und rücksichtslos die Türen zuschlagen.

Der Arzt ist ein kühler Erzähler, ein guter Gesprächspartner, weil er Einzelne unter den vielen genauer begutachtet, das verhindert Pauschalisierungen. Martin spricht nicht dieses Betroffenheitsdeutsch, oft lacht er über die Komik mancher Begegnung. Wenn er eine hochschwangere Muslimin ins Krankenhaus überweist und deren Mann ihr die Kinder mitgeben will, blafft Martin: "Welcome to Germany! In diesem Land kommen die Kranken ins Krankenhaus – und die Gesunden kümmern sich um die Kinder." Martin sagt auch: Viele Flüchtlinge seien zwar "kachektisch", also müde, ausgehungert, aber vor allem an den Kindern sieht der Arzt, was ein Menschenkörper alles aushält, wie schnell er sich erholt. Meist reichen Aspirin, Vitamin C und etwas Gel gegen Insektenstiche. "Viele sind ja tagelang im Wald gewesen."

Es ist eine soziologische Diagnose, die der Arzt dann stellt: Wenn ihn in diesem Sommer etwas bewegt, dann sind das nicht so sehr die Verletzungen, die er sieht. Sondern das Auftreten der Flüchtlinge. Ihre Blicke bei der Untersuchung: "ungläubig-verloren, aber erleichtert". Die Frauen, so zäh. Die Kinder, so klaglos. Es stinkt in den Polizeiwachen. Es dauert. "Aber es gibt keine Aggressionen, von keiner Seite, nichts, null."

Ingo Martin hat nachgedacht: Woher kommt diese Disziplin? Diese Würde – auch bei den Flüchtlingsgruppen, die über die Felder ziehen? Er ist zu dem Schluss gekommen: "Was ich da sehe, ist Familienzusammenhalt. Gegenseitiger Respekt." Martin sieht, wie sich Geschwister ein Stück Traubenzucker teilen. Wie Familien stundenlang stumm auf einem Feldbett warten, bis sie aufgerufen werden. Je zerstörter ein Land, desto stärker werden offenbar die Bindungen.

Als sich Caroline Spreitzer um die Flüchtlinge in ihrem Garten gekümmert, ihnen Wasser gebracht und Nutella-Brötchen geschmiert hatte und ihr Nachbar davon erfuhr, begann der zu schimpfen: "Bist du blöd? Gib denen nichts! Sonst kommen immer mehr!"

Dieser Zwiespalt, er zieht sich durch das ganze Land und auch durch jedes Dorf im Landkreis Passau. Einige Nachbarn lassen sich Alarmanlagen einbauen. Andere halten Essen bereit wie für Vögel im Winter. Manche ärgern sich über leere Trinkflaschen in ihren Hecken. Andere bieten sich als Nachhilfelehrer an. In jedem Ort steht Anteilnahme gegen Angst. In der niederbayerischen Abgeschiedenheit gibt es Menschen, die sich vor eingeschleppten Krankheiten fürchten. Viele fragen sich: Warum tragen so viele dieser Fremden saubere Sachen, sogar Turnschuhe von Nike? Müssten sie nicht elender aussehen?

Das ist der Eindruck des Augenblicks. Unsichtbar bleiben die Verluste. Der fehlende Vater. Das zerbombte Haus. Der gefolterte Sohn. Unsichtbar bleiben Szenen wie jene auf dem Autobahnrastplatz, an dem auch die Shamos deutschen Boden betraten: Da zieht eines Morgens ein Vater seinen fünf Töchtern die letzten sauberen Sachen an, Jeans mit Pailletten, Pullover mit Schmetterlingsmuster. Er wäscht ihre Gesichter, kämmt ihre Haare, damit sie ordentlich vor die deutschen Behörden treten. Und ihnen etwas Selbstachtung bleibt. Bei alldem fehlte: eine Mutter.

Anteilnahme oder Angst? Caroline Spreitzer führt diese Debatte sogar mit sich selbst. In der Küche ihres Hauses erzählt sie, dass sie nachts an roten Ampeln nicht mehr stehen bleibt, sondern vorsichtig durchrollt, weil neulich ein Fremder an die Scheibe ihres Autos klopfte, einen 500-Euro-Schein aus der Tasche zog und fragte, ob sie ihn – an der Polizei vorbei – zu Verwandten nach Norddeutschland fahren könne.

Egal für welche Weltanschauung: Die Wirklichkeit hält in Passau einige Widerhaken bereit. Wer dreckig Sympathie erfahren würde, möchte lieber sauber sein. Und wer flieht, ist nicht immer arm. Eine Flucht ist Darwinismus in reinster Form. Am ehesten kommen durch: die Jungen, wenn auch gealtert. Die Starken, wenn auch geschwächt. Und die Wohlhabenden, auch wenn sie viel zurückgelassen haben.

Anders als ihr Nachbar weiß Caroline Spreitzer, dass sie die neue Völkerwanderung nicht stoppen kann, nicht mit Geiz, nicht mit einer Alarmanlage. Und sie ahnt, dass ihr Glück, auf einem friedlichen Fleck Erde zu leben, auch eine Verpflichtung ist. "Es gibt noch so viele leer stehende Häuser auf dem Land", sagt sie. Und in den Sommerferien könne man doch die Schulturnhallen öffnen.

Was danach wird, im September? Dann stellen sich die großen Fragen: Wie lange hält die Hilfsbereitschaft? Geht das Entgegenkommen über Geschenke hinaus, die sich im Keller finden: abgelegte Hemden, altes Geschirr und Dreiräder?

Jene Nachbarn von Caroline Spreitzer, die glauben, die Welt sei in Unordnung geraten, ärgern sich jetzt über den Müll in ihren Gärten, beschweren sich über ein "Chaos", das es schnell zu beseitigen gelte.

Putzkräfte und Kebabverkäufer werden plötzlich zu Alltagsdiplomaten

Die Ereignisse vor ihrem Haus haben Caroline Spreitzer zu einer anderen Einstellung gezwungen. Mögen diese Wochen chaotisch wirken: Die Welt ordnet sich neu. Immer mehr Grenzen in den Atlanten ihrer Kinder verlieren an Gültigkeit, Menschen ziehen aus dem Krieg in den Frieden, aus Unrechtsstaaten in Rechtsstaaten. So wie Wasser bergab fließt. Deshalb hat Caroline Spreitzer auf ihrer Facebook-Seite geschrieben: "Gestern wurde mir so richtig klar, dass wir am Anfang einer humanitären Katastrophe stehen."

Jetzt, da die Welt sich neu ordnet, nimmt auch in Passau manches Leben einen anderen Verlauf. In der Stadt werden dringend Dolmetscher gesucht. Menschen, die Dari oder Paschtu sprechen und bislang Büros putzten oder Kebab verkauften, werden plötzlich zu Vermittlern, Welterklärern, Alltagsdiplomaten.

Zum Beispiel Hossi Meknatgoo, klein und drahtig, 1966 im Iran geboren, 1986 als Mitglied des Judo-Nationalteams bei einem Auslandswettkampf vor dem Chomeini-Regime abgehauen. Bis vor einigen Wochen, in seinem ersten deutschen Leben, war Meknatgoo ein Mann mit tausend Jobs und Nebenjobs. Barmann beispielsweise, Masseur und Judolehrer. Jetzt übersetzt er in zwei Heimen Aussagen minderjähriger Flüchtlinge, die sich ohne Eltern nach Europa durchgeschlagen haben. Wieder und wieder jang für Krieg, farar für Flucht, shenasnahme für Dokument und tashakor, tashakor, tashakor: danke, danke, danke.

Hossi Meknatgoo lernt nun Kinder kennen, die ein ganz besonderes, selektives Wissen über die westliche Welt mitbringen: Sie kennen jeden Spieler des FC Bayern, aber wenn sie Passau auf der Landkarte suchen, verlieren sich ihre Finger in Niedersachsen. Die meisten, sagt Meknatgoo, sind gebildet und wissbegierig, sie wollen studieren, Arzt oder Ingenieur werden. Ein Junge hatte sich seine Flucht etappenweise finanziert, durch Schachspielen an Bahnhöfen. Viele sind traumatisiert, haben in ihrer Heimat aber nicht gelernt, über Gefühle zu sprechen. Einige zucken zusammen, wenn ein Stift vom Tisch fällt.

Hossi Meknatgoo übersetzt Berichte von Jungen, die erzählen, sie seien geflohen, weil der IS sie als Selbstmordattentäter rekrutieren wollte. Die aussagen, sie seien mit zwei Booten über das Schwarze Meer gefahren, aber nur eines sei angekommen. Die berichten, sie hätten sich in Griechenland zu zehnt unter einen Eisenbahnwaggon gehängt, doch nur neun hätten sich bis Bulgarien festhalten können. Und die angeben, in ungarischen Gefängnissen von Mithäftlingen sexuell missbraucht worden zu sein.

Wo wird übertrieben? Und wo – aus Scham – verschwiegen? Hossi Meknatgoo begegnet Jugendlichen, die nur bei Licht einschlafen können, wie Kleinkinder. Wenn sie ihre T-Shirts wechseln, sieht er manchmal Narben, über die sie nicht reden wollen. Er spürt, wie seine Worte, festgehalten in Akten, plötzlich Gewicht bekommen:

"Auf Nachfrage erzählt A., dass er zu seinen Geschwistern aktuell keinen Kontakt habe und nicht wisse, wo sie sich aufhalten."

"M. gab an, dass er von seinem Vater unter dem Vorwand, einen Schultest schreiben zu dürfen, auf Reisen geschickt wurde."

"M. träumt, dass er nochmals verhaftet würde, wieder ins Gefängnis komme, er dann von den Gefängnisinsassen ausgelacht würde, weil er wieder zurückgekommen sei."

"O. sagt, er presse seinen Kiefer im Schlaf ganz fest zusammen. Wenn er wach werde, habe er Schmerzen im Kiefer. Da er große Angst habe, sich seine Zunge abzubeißen, traue er sich nicht weiterzuschlafen und bleibe wach, bis es hell werde."

"S. hat von einem potentiell massiv traumatisierenden Ereignis berichtet, dem Mord an seinem Vater durch die Taliban. Er hat dessen verstümmelte Leiche mit seinen Augen gesehen. Er zeigt eine posttraumatische Belastungssymptomatik: Zittern, Herzschmerzen, Stottern."

"M. sagt, auf der Flucht habe er seinen Vater angerufen, um diesem zu erzählen, dass er zurück nach Hause wolle. Der Vater habe daraufhin zu ihm gesagt: ›Wenn Du zurück kommst, bringe ich Dich um!‹"

In den Übersetzungen werden Muster sichtbar. Oft sind es Waisen, die fliehen. Wenn Eltern ihre Kinder losschicken, dann den ältesten Sohn. Der ist der Stärkste; derjenige mit den größten Chancen, durchzukommen und vielleicht die Familie nachzuholen. Und er ist der Schwächste; derjenige, nach dem Taliban und IS als Erstes greifen. Es gibt Fälle, in denen Kinder entkamen und ihre Eltern aus Rache getötet wurden. Manchmal summt in Passaus Notunterkünften ein Handy. Und kurz darauf ist ein erstickter Schrei zu hören.

Drei Stunden haben die Shamos auf der Wache verbracht, als die Beamten sie zu einem Reisebus begleiten – nach dem Schleuserwagen und dem Polizeiauto das dritte Fahrzeug, in das sie an diesem Tag steigen. Wer in Passau registriert worden ist, wird in eine der bayerischen Erstaufnahmeeinrichtungen gefahren. Von dort werden die Flüchtlinge nach einigen Wochen Wartezeit in Unterkünfte in ganz Deutschland vermittelt.

Auf dem kurzen Weg zum Bus greift Aiham, der Sohn, die Hand eines Polizisten in Uniform. Der kräftige Mann mit Pistole am Gürtel stutzt, lächelt, dann hebt er den Jungen vorsichtig in den Reisebus, auf dem Werbung für einen Kräuterlikör prangt: BLUTWURZ. Echt Bayern.

Wenn die Flüchtlinge im Blutwurz - Bus aus der Stadt hinausgefahren werden, begegnen sie Reisebussen, die sich von ihrem kaum unterscheiden. Passau war geografisch schon immer ein exponierter Ort, hier vereinen sich die Flüsse Donau, Inn und Ilz, hier werden in dieser Saison 2600 Kreuzfahrtschiffe erwartet. Im vergangenen Jahr zählte Passau 283.938 Touristen und 467.310 Übernachtungen. Besucher aus England, Japan, den USA besichtigen die Altstadt, den Dom, die Museen. Jetzt begegnen sich globale Ober- und Unterschicht, nicht nur auf der Autobahn. Auch auf dem Donau-Radweg bewegen sich, Spiegelbildern gleich, Familien aufeinander zu: Väter, Mütter und Kinder aus Deutschland, auf Fahrrädern, behelmt und bewimpelt. Und Väter, Mütter und Kinder aus Syrien, zu Fuß. Passaus Werbeslogan lautet: Grenzenlos lebenswert.

In seinem Amtszimmer im Rathaus sagt Jürgen Dupper, er wolle an diesem Motto nichts ändern. Auf den ersten Blick wirkt Dupper ähnlich barock wie seine Stadt. Bart, Bauch, Bayer. Er ist seit sieben Jahren Oberbürgermeister dieses Ortes, in dem jetzt Fluchtwege enden. Und er ist: Sozialdemokrat.

Dupper sagt, er verbiete sich in seinen Reden Wörter wie "Asylanten", "Flüchtlingswelle" und "überschwappen". Er spürt ja, wie Menschen, die vor Politik geflohen sind, in Deutschland wieder Gegenstand von Politik werden. Wie giftig die Debatte geworden ist.

In den vergangenen Wochen haben die Parteien um den richtigen Umgang mit den vielen Flüchtlingen aus Albanien und dem Kosovo gerungen, die vor allem im Winter kamen. Menschen, die kaum Aussicht auf Asyl haben. Politiker von SPD und Grünen haben sich der Forderung des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer angeschlossen, diese Flüchtlinge in Zeltlagern möglichst nah an der Grenze unterzubringen und schnell zurückzuschicken.

Nach Angaben der Bundespolizei waren unter den 6733 Menschen, die im Juni illegal nach Passau kamen, nur noch zehn Kosovaren und vier Albaner. Damit könnte der politische Streit beendet sein. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer nennt die Lage trotzdem "kaum noch auszuhalten". Der bayerische Heimatminister Markus Söder rechnet weiterhin vor, mit all dem Geld, das sein Bundesland in diesem Jahr für Asylbewerber ausgebe, könnte es auch 40.000 Lehrer oder 300.000 Studienplätze bezahlen.

Passau schwankt zwischen Stress und Staunen

Eine Familie aus Aleppo, die im Morgengrauen Deutschland erreicht hat. Die Söhne Mohammed (3) und Ahmed (6) schlafen an einer Bushaltestelle sieben Kilometer vor Passau. © Amrai Coen

"Meine Hoffnung war, dass die demokratischen Parteien der Versuchung widerstehen, aus den Ereignissen Kapital zu schlagen", sagt der Oberbürgermeister Dupper.

Jetzt denkt er sich manchmal: Mit der Warnung vor schlechter Stimmung im Volk weckt mancher Amtskollege sie erst, verstärkt sie zumindest. Auch in Passau. Gerade ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung gegen einen Mann, der im Internet geschrieben hatte: "I hät nu a gasflasche und a handgranate rumliegen für das gfrast. lieferung frei haus." Bislang ist der Mann ein Einzelner. Die Behörden haben im ersten Halbjahr 2015 Hunderte Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte in Deutschland gezählt, im Landkreis Passau keinen einzigen. Nähe scheint keinen Platz für Vorurteile zu lassen.

Nähe scheint auch ein Heilmittel gegen Naivität zu sein. Vor einigen Monaten hat Passaus Oberbürgermeister noch Rucksäcke und T-Shirts mit der Aufschrift Passau an jeden Ankömmling verschenkt. "Jetzt kommen wir mit dem Drucken nicht mehr nach", sagt Dupper. Und lacht dabei.

Der Bürgermeister und die meisten seiner Bürger schwanken zwischen Stress und Staunen. Sie berauschen sich auch ein wenig an der Gelegenheit, gefragt zu sein, Gutes zu tun. Einen historischen Moment zu erleben. Dupper vergleicht die Lage mit 1989, als Tausende DDR-Bürger über Ungarn nach Passau kamen und dort in Übergangsheimen auf ein neues Leben warteten. Jetzt hat die Stadt ein zweites Jugendamt nur für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gegründet. 25 neue Stellen, jährlich zwei Millionen Euro zusätzliche Kosten, mehr, als Passau an Parkgebühren einnimmt.

"Wir packen das", sagt Dupper.

Der Oberbürgermeister des deutschen Lampedusa wird in keine Talkshow eingeladen, nicht zu Günther Jauch, nicht zu Anne Will, nicht zu Maybrit Illner. Er schafft es nicht in die bundesweiten Schlagzeilen. Er bekommt keine Gelegenheit, zu berichten, wie viel Elan und Ehrgeiz er bei den Flüchtlingen spürt, was er sich von ihnen bei den Themen "Fachkräftemangel" und "demografischer Wandel" verspricht.

Warum wird Zweifel eher gehört als Zuversicht? Wieso gibt es beim Thema Flüchtlinge rechte Parolen, aber keinen linken Populismus? Warum stellt der Bürgermeister auf Passaus Website nicht täglich einen neuen Flüchtling vor: Name, Alter, Ausbildung, Berufswunsch? Weshalb fährt er nicht mit einem Blumenstrauß hinaus zu Caroline Spreitzer, lobt sie für ihre Zivilcourage, lässt sich mit ihr im Garten fotografieren und twittert dann?

Dupper denkt nach. Und sagt: "Anders als andere habe ich für Kampagnen gerade keine Zeit."

Zwei Stunden fährt der Bus die Shamos durch Bayern, bis er die Zeißstraße 1 in Regensburg erreicht. Ein schweres Eisentor, Zäune und Stacheldraht. Ein Schild: Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber.

Hinter dem Tor ein Platz aus Asphalt, auf dem Kinder Fußball spielen, ein Haus aus gelbem Putz, eine Ansammlung von Wohncontainern. Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne leben heute rund 400 Flüchtlinge, schlafen in turnhallengroßen Räumen auf Stockbetten, essen in einer Kantine halal food und werden in einem Arztzimmer geimpft.

Der Reisebus, aus dem Familie Shamo steigt, ist der dritte, der die Unterkunft an diesem Tag erreicht. Dutzende Ankömmlinge stehen auf der Treppe vor dem Eingang, in der Empfangshalle, im Wartezimmer. "Wir sind vollkommen am Absaufen", sagt der Leiter Karl-Heinz Kreuzer, ein Mann, den die Überforderung zu einem Pragmatiker gemacht hat. "Nach diesem Bus ist Aufnahmestopp", sagt er und schaut auf seine Uhr, 12:32, "keine Betten mehr frei für heute Nacht". Auch die Nachbarstädte Zirndorf, München und Deggendorf sind überbelegt.

In Bayern wie in ganz Deutschland kommt der Bau neuer Unterkünfte langsamer voran als der Strom der Flüchtlinge. 179 000 Asylanträge wurden in der ersten Jahreshälfte 2015 gestellt, bis zum Jahresende könnten es 400 000 werden.

Nach sechs Stunden Schlangestehen für ein Leben in Frieden wird Oleana, das Baby auf Maha Shamos Armen, unruhig. Das Kind beginnt zu schreien, die Mutter wiegt und wippt es, aber Oleana hört nicht auf. Maha Shamo müsste ihre Tochter stillen, auch die Windel wechseln. Aber es geht gerade nicht, die Shamos sitzen zwischen Hunderten in einem Warteraum, in dem die Luft so zäh wie Gummi ist, jeden Moment kann die Familie aufgerufen werden.

In dem Chaos leiht sich Amir Shamo ein Telefon und wählt die Nummer seines Bruders in München. Er sagt ihm, dass er in einer Stadt namens "Re-gens-burg" sei, und fragt, ob er ihn und seine Familie nicht einfach abholen könne.

Familie Shamo wird aufgerufen. Mehr Formulare. Mehr Fragen. Mehr Fotos.

Auch die Tochter Alma und der Sohn Aiham werden nun unruhig. Alma weint. Eine Angestellte reicht ihr eine Rassel aus Plüsch.

Am Nachmittag betritt den Raum ein Mann, der nicht aussieht wie die anderen, ein Mann in grünem Poloshirt, der aufrecht geht, der nicht müde wirkt und nicht erschöpft, sondern strahlt vor Freude. Er läuft auf Amir Shamo zu, umarmt ihn fest, küsst rechts, links, rechts, nimmt Aiham auf den Arm und streicht ihm durch die Haare, drückt Maha, Alma und das Baby.

Fünf Jahre haben sich Amir und sein jüngerer Bruder Kawa nicht gesehen. Was sagt man in einem solchen Moment? Amir und Kawa schweigen. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass Amir Shamo seine Mundwinkel bewegt, dass es fast so aussieht, als lächle er.

Kawa Shamo hatte gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert, als er aus dem Irak floh. Der fünfjährige Aiham war damals ein Baby, Alma und Oleana gab es noch nicht. Heute arbeitet Kawa Shamo als Küchenhilfe in einem Restaurant am Münchner Flughafen. An Deutschland mag er am liebsten die Bayern, ihren Schweinebraten und die Maß Bier auf dem Oktoberfest. Nur über den Geiz der Deutschen wundert er sich manchmal, dass sie kaum Trinkgeld geben, dass sie sich über hohe Preise ärgern und so viel über Geld reden, als seien sie arme Leute.

"Ich bin der Bruder und will meine Familie abholen", sagt er zum Unterkunftsleiter Kreuzer. Der wirkt fast erleichtert. Wieder ein paar Betten frei.

Kreuzer stellt einen Zettel aus, Betreff: Aufenthalt bei Verwandten. Eine Unterschrift, ein Stempel, "falls die Polizei euch aufhält", sagt er. Für jeden weiteren Schritt des Asylverfahrens – die ärztlichen Untersuchungen, die Anhörungen, die Prüfung des Antrags – sollen die Shamos zurück nach Regensburg kommen. Draußen, vor der Unterkunft, steigt die Familie ein letztes Mal an diesem Tag in ein Auto.

Auf der Fahrt schnarcht Aiham, der Sohn, auf dem Rücksitz. Amir, dem Vater, fällt immer wieder das Kinn auf die Brust, er kämpft gegen den Schlaf.

Wenn Passau tatsächlich ein Praxislabor für Flüchtlingspolitik ist, dann sieht man, dass die Menschen hier wie überall mit ihren Vorbehalten ringen. Man sieht, wie sich Bürger ihres historischen Glücks und ihres geografischen Privilegs bewusst werden, gerade jetzt in gerade diesem Land leben zu dürfen. Dass Polizisten gewissenhaft zwischen "illegalen Einwanderern" und kriminellen Schleusern unterscheiden. Man ist dabei, wenn Bürokraten unbürokratische Lösungen für Familien wie die Shamos finden. Man begreift, dass ein Bürgermeister trotz des knappen Haushalts nicht nur kurzfristige Kosten, sondern auch langfristigen Nutzen sieht. Und dass ein Staat – bei aller Vorsicht und trotz aller Schuldenbremsen – auch ein wenig stolz sein kann, bei so vielen Menschen so viele Hoffnungen zu wecken.

Die letzten Schritte zum Ziel führen Amir Shamo und seine Familie in einem Neubau im Münchner Stadtteil Berg am Laim eine schmale Steintreppe hinauf, im Treppenhaus stehen Kinderwagen, es riecht nach Gewürzen und frisch gebackenem Brot. Im ersten Stock geht eine Tür auf, wieder werden Küsse und Umarmungen verteilt. Es öffnet sich eine Einzimmerwohnung, in der ein weiterer Bruder Amirs mit Frau und Kindern wohnt. Hier werden die Shamos bleiben für die erste Nacht.

Die Erwachsenen wirken anfangs schüchtern, nach so vielen Jahren. Bei den Kindern dauert es keine zwei Minuten, dann sind sie in ein gemeinsames Spiel vertieft, schaufeln Luft in Plastikeimer und schütten sie wieder aus.

Maha und Amir Shamo setzen sich auf das Sofa, die anderen nehmen Platz auf einem rosafarbenen Teppich. Pfirsiche werden serviert, kaltes Wasser. Als Amir Shamo begreift, dass er nun angekommen ist und frei, reißt er das gelbe Band mit der Nummer 56 von seinem Unterarm und reibt sich das Gelenk, als habe es in Handschellen gelegen.

In der Zimmerecke steht ein Fernseher, die Tagesschau beginnt, Nachrichten von Kriegen und dem "Islamischen Staat", von Asylbewerbern und Flüchtlingsheimen, Bilder, die Amir Shamos Leben illustrieren wie ein Tagebuch. Aber Amir Shamo sieht nicht hin. Er fragt, ob er sich waschen darf. Und sagt, dass er nur noch eins will: schlafen.

Mitarbeit: NICOLA MEIER

Welcher Todesgefahr Flüchtlinge bei einer Schlepperfahrt übers Mittelmeer ausgesetzt sind, erzählt eine palästinensische Familie aus Syrien in diesem Video: