Er würde "jetzt lieber im Garten sitzen und grillen", sagt SPD-Mann Wolfgang Joecks. Aber für derlei Vergnügungen ist keine Zeit. Er, Joecks, muss die Sitzung des Wahlprüfungsausschusses der Greifswalder Bürgerschaft eröffnen. Wie so oft in den vergangenen Wochen sitzen der Strafrechtsprofessor und 14 weitere Kommunalpolitiker im Senatssaal des Rathauses. Der nächste Juli-Abend, der ihnen verloren geht.

Auch die beiden Herren, deretwegen wieder – schon wieder – getagt wird, sind da. Der eine heißt Stefan Fassbinder. Er ist der Grüne, der am 10. Mai in der Stichwahl, mit 8170 Stimmen, zum neuen Greifswalder Oberbürgermeister gewählt wurde. Der andere heißt Jörg Hochheim, ein CDU-Mann. Er war – ist – Fassbinders Konkurrent. Er erhielt 8155 Stimmen. 15 weniger.

Knapp drei Monate ist das jetzt her. Doch Fassbinder ist immer noch nicht Oberbürgermeister. Seine Amtseinführung, ursprünglich für den 27. Juli geplant, wurde abgesagt. Denn es ist die Frage aufgekommen, ob es Unregelmäßigkeiten gab bei der Wahl. Ob eine – ja, wirklich – Fußmatte Fassbinder zum Verhängnis werden könnte. Oder ob die CDU sich einfach nicht von der Macht lösen kann.

Aber von vorn: Die Wahl des Grünen Fassbinder galt im Mai deutschlandweit als kleine Sensation. Seit der Wende hatte in Greifswald die CDU den Oberbürgermeister gestellt, und jetzt kam plötzlich alles anders: Die Grünen jubelten am Wahlabend so laut, dass die NDR-Reporterin, live aus dem Rathausfoyer, nicht zu verstehen war. Als "Tübingen des Ostens" galt Greifswald auf einmal, weil auch in Tübingen ein grüner Oberbürgermeister regiert. Es gilt immer noch als absolute Besonderheit, wenn eine größere deutsche Stadt von den Grünen erobert wird. Erst recht, wenn es sich um eine ostdeutsche Stadt handelt.

Das Problem mit der Fußmatte kam später. Dieses Textil ist Gegenstand eines Einspruchs gegen die Wahl, den ein Bürger bei der Wahlleiterin eingereicht hat. Er, der Bürger, hatte am späten Vormittag des Wahltags die Tür zu seinem Wahllokal, einem Seniorenheim, angeblich verschlossen vorgefunden. Eine Fußmatte, die die Tür hatte offen halten sollen, war angeblich verrutscht gewesen. Der Einspruchsteller sagt, eine Türklingel und den zweiten Eingang des Wahllokals – den es tatsächlich gab – habe er übersehen. Deshalb habe er vor Wut seinen Wahlschein zerrissen und sei heimgegangen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 32 vom 06.08.2015.

Nur weil er nachmittags noch einmal wiedergekommen sei – und die Fußmatte da wieder in der Tür gelegen habe –, sei er überhaupt noch in der Lage gewesen zu wählen, mit seinem zerrissenen Wahlschein. Der Vorfall, befindet dieser Bürger, sei jedenfalls ein Verstoß gegen Wahlgrundsätze. Jörg Hochheim, der CDU-Kandidat, sieht das genauso wie der Bürger. Er hat jetzt auch Einspruch eingelegt, mit demselben Argument. Das Viertel, in dem die Fußmatte die Tür blockiert haben soll, ist immerhin eines, in dem überdurchschnittlich viele seiner Wähler wohnen. Den Einspruch? "Bin ich meinen Wählern schuldig", sagt Hochheim.

Ganz Greifswald diskutiert nun also, ob die Fußmatte womöglich den Wahlausgang beeinflusst haben könnte. Im Wahlausschuss wurden schon die Wahlhelfer aus dem Wahllokal befragt. Und die Mitglieder des Ausschusses haben die Fußmatte auch schon vor Ort besichtigt. Dort prüften die einen, die CDU-Vertreter, gründlich, wie fest die Matte in der Tür gelegen haben könnte – und ob man die Türklingel, die es auch gab, im Wahllokal hätte überhören können. Ausschusschef Joecks indes spottete, er werde die Matte konfiszieren lassen: "Und dann rahmen wir sie ein und hängen sie dem neuen Oberbürgermeister, wer auch immer das sein wird, ins Dienstzimmer." Man könne ja vielleicht auch noch eine Einwohnerin des Altenheims befragen, so Joecks. "Dann können wir auch gleich noch ermitteln, was es am Wahltag im Fernsehgarten zu sehen gab."

Fakt ist, dass die Sache nicht jeder so vergnüglich nimmt wie Lokalpolitiker Joecks. Niemand, der am Wahltag vor Ort war, kann sich an genaue Uhrzeiten und Umstände erinnern. Wahrscheinlich lag die Matte nur für wenige Minuten nicht in der Tür, ehe eine Wählerin die Wahlhelfer, offensichtlich, auf den Mangel aufmerksam machte. Schlimmstenfalls, darüber sind die meisten im Wahlausschuss sich einig, war die Tür für eine halbe Stunde verschlossen. Aber, wie gesagt: Es gab ja auch noch einen zweiten Eingang.

Ist es denkbar, dass dennoch in jener halben Stunde mindestens 16 Hochheim-Wähler vor verschlossener Tür standen – so viele also, wie dem CDU-Mann am Ende fehlten?

Bislang hat sich nicht ein Wähler gefunden, der meint, wegen des Fußmatten-Fauxpas an der Stimmabgabe gehindert worden zu sein. Selbst der Beschwerdeführer konnte ja letztlich wählen.

Ist die Sache also vielleicht nicht einfach nur ein reichlich alberner Versuch der CDU, sich an die Macht zu klammern? CDU-Fraktionschef Axel Hochschild – mit OB-Kandidat Hochheim nicht zu verwechseln – sagt, es gehe hier um nicht weniger als die Grundwerte der Demokratie: "Es muss geklärt werden, was da vorgefallen ist." So sieht es auch Ludwig Spring, unabhängiger Stadtpolitiker, seit den Tagen des Neuen Forums dabei: "Ich habe erlebt, wie in der DDR Wahlen gefälscht wurden. Es ist schon richtig, dass das hier geprüft wird." Mignon Schwenke, Bürgerschaftsmitglied und Landtagsabgeordnete der Linken, die die Bewerbung des Grünen Fassbinder unterstützt haben – genauso wie SPD und Piraten –, Schwenke spricht hingegen von einem "Schmierentheater", das die CDU veranstalte.

Vielleicht erklärt sich die Erregung der Greifswalder Union daraus, wie sorgsam der Wechsel vom amtierenden CDU-Oberbürgermeister Arthur König, der aus Altersgründen nicht mehr antrat, zu Jörg Hochheim orchestriert war. CDU-Mann Hochheim arbeitet seit 20 Jahren in der Stadtverwaltung, seit 2011 ist er Vize-Oberbürgermeister und Baudezernent. Pünktlich vor der Wahl, so ist es jedenfalls vielen Greifswaldern aufgefallen, wurde in der Stadt an jeder Ecke gebaut. Straßen, Plätze und Schulen wurden saniert, Schandflecken verschwanden.

Wohl noch wichtiger: Eine Woche vor der Wahl reiste sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel an, zu deren Wahlkreis Greifswald gehört, und warb für ihren Parteifreund Hochheim. Auf der einen Seite der Fußgängerzone standen Merkel, Hochheim und Amtsvorgänger König auf einer Bühne, vor Hunderten Zuschauern. Auf der anderen Seite der Fußgängerzone stand Stefan Fassbinder an einem Infostand, ohne Ehrengäste.