Lette, Kreis Warendorf, 2.300 Einwohner

Als Siegfried Kipper im September 2010 seine Praxis schließt, gerät Lette in Not. Mehr als 20 Jahre lang hat der damals 69-Jährige die 2.300 Einwohner des Dorfes betreut, hat Tabletten, Pflaster und Trost verteilt. Nun haben sie zwar noch Metzger und Bäcker, Friseur und Blumenladen, aber keinen Arzt mehr. Lange hat Kipper einen Nachfolger gesucht – vergebens.

Das Dorf im südlichen Münsterland hat jungen Medizinern statt Freizeitattraktionen und lebendiger Kultur vor allem Ruhe zu bieten. Darum hat es die Gemeinde sogar schon mit Marketing versucht: Radio WAF aus dem nahen Warendorf rief zur Aktion "Retter für Letter" auf. Und auch die Bewohner machten beim Werben um einen Heilkundigen mit. Metzger Niko Ringhoff versprach zum Start eine Woche lang warmes Essen und zur Praxiseröffnung ein leckeres Buffet. Floristin Gaby Altefrohne bot an, sich um die Ausschmückung von Empfang und Wartezimmer zu kümmern. Yvonne Junkerkalefeld von der Mühlenbäckerei wollte die Arztfamilie eine Woche lang mit Brot und Brötchen versorgen. Und Friseurin Maria Sowart stellte dem Neuankömmling einen kostenlosen Haarschnitt in Aussicht – damit er gleich einen guten Eindruck macht.

Den kleinen Orten, den entlegenen Landstrichen hinter dem Deich und anderswo, weit entfernt von den Metropolen, gehen die Ärzte aus. Von verwaisten Praxen ist die Rede, von langen Fahrten bis zum nächstgelegenen Ärztezentrum. Und es soll noch schlimmer kommen. Ein Viertel aller niedergelassenen Ärzte plant, in den kommenden fünf Jahren die Praxis aufzugeben – die meisten, weil sie in Rente gehen. Nach Berechnungen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen werden in 15 Jahren bundesweit 30.000 Hausärzte fehlen. Vor einem "dramatischen Ärztemangel" warnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Der trifft vor allem ländliche Gegenden so hart, dass sich die Bürger existenziell bedroht fühlen.

Denn es fehlt auch an Nachwuchs. Die jungen Ärzte – unter ihnen mehr Frauen denn je – legen Wert auf Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten und das anregende Lebensumfeld der Stadt. Die ländlichen Kommunen sind alarmiert, die Bundespolitik reagiert mit einem Versorgungsstärkungsgesetz, das seit Ende Juli gilt. Doch wie lockt man den Nachwuchs aufs Land?

Fünf Jahre nach der Charmeoffensive in Lette muss Anne Nordhus die Niederlage eingestehen: "So wie wir damals gesucht haben, das kann man vergessen." Nordhus hat viele Jahre die Letter Dorfschule geleitet, heute engagiert sich die pensionierte Lehrerin in der Lokalpolitik. Gemeinsam mit Gabi Becker hat sie für das Dorfentwicklungskonzept Lette 2020 das Kapitel über die künftige medizinische Versorgung geschrieben. Von dem Plan, einen Arzt mit Naturalspenden zur Niederlassung in Lette zu überreden, haben sich die Autorinnen schnell verabschiedet. Lebensqualität ist für junge Ärzte anders definiert. Im neuen Konzept stehen Begriffe wie Gemeinschaftspraxis, Ärztehaus, Filialpraxis, Team-Sharing. Die Idee: Wenn einer allein den Job nicht will, wollen ihn sich vielleicht mehrere teilen. Wenn eine Ärztin ihre Existenz nicht nur auf den Krankenstand von Lette gründen will, vielleicht pendelt sie zwischen mehreren Standorten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Wohlfühlangebote waren in Lette die erste, naive Antwort auf die veränderte Situation. Jetzt dämmert Bürgermeistern und Landräten, dass ein Arzt ein extrem wichtiger Standortfaktor ist. Kommunen reagieren immer professioneller auf den unheimlichen Medizinerschwund. "Entscheidend bei allen Modellen ist: Wir als Gemeinde müssen die Praxisräume stellen", sagt der CDU-Politiker Thomas Populoh, Vorsitzender des Bezirksausschusses Lette. Das ist in der Kommunalpolitik nicht leicht durchzusetzen. Denn aus der Perspektive des zuständigen Stadtrats betrachtet, ist Lette nur ein kleiner Stadtteil von Oelde. Und das vier Kilometer entfernte Oelde leidet selbst unter Ärztemangel. Um die Mediziner ist vielerorts ein regelrechter Wettstreit entbrannt. Anne Nordhus denkt deshalb über ein Modell nach, das auch private Investoren interessieren könnte, wenn die Kommunalpolitik grünes Licht gibt: ein Haus für Lette, eines, das viele Seniorenwohnungen bietet, ein Bürgerbüro, einen Handwerkerservice – und Praxisräume.