DIE ZEIT: Herr Ahmad, Sie behandeln seit vielen Jahren Folteropfer und Kriegsflüchtlinge in kurdischen Städten Syriens, des Iraks, des Irans und der Türkei. Wie reagieren Ihre Patienten auf die jüngsten Bombardierungen durch Präsident Erdoğan?

Salah Ahmad: Sie fragen mich, warum die Türkei dem "Islamischen Staat" hilft. Sie sind schockiert, dass Obama die Bombardements unterstützt. Letzte Woche sind im Irak mindestens zwölf Zivilisten durch die Bomben umgekommen, es traf vor allem Dörfer im weiteren Umkreis von Dohuk. Viele fürchten sich vor einem neuen Krieg, der schrecklicher sein könnte als alles Bisherige.

ZEIT: Was sagen Sie den Patienten?

Ahmad: Ich beruhige sie, aber kann ihnen nicht versprechen, dass sie sicher sind. Besonders schlimm sind die Ängste der Frauen, die vom IS gefangen genommen wurden. Sie erzählen von Versklavung und Massenvergewaltigungen, dass man sich als Mann schämt, das anzuhören. Es sind die schmutzigsten Taten, von denen ich in meiner langen Zeit als Therapeut gehört habe.

ZEIT: Was sagen Sie den Opfern?

Ahmad: Wir versuchen, trotz der schlimmen seelischen Verletzungen Hoffnung zu wecken. Viele fragen: Warum soll ich leben? Ich würde lieber sterben. – Man muss vorsichtig vermitteln, dass das Leben sich trotzdem lohnt.

ZEIT: Gibt es auch Momente, in denen Ihnen die Worte fehlen?

Ahmad: Immer wieder. Das junge Mädchen, das von einem Dutzend Männer hintereinander auf alle Arten vergewaltigt wurde. Oder die junge Frau mit dem kleinen Kind, die mich um 15.000 Dollar bat, um ihren Mann und ihre anderen beiden Kinder vom IS freizukaufen. Aber unser Geld reicht schon für die Patienten nicht. Und sollen wir den IS finanzieren? Da wird man hilflos. Ein anderer Fall war ein Junge, der hatte so viele Tote gesehen, dass er völlig verstummt war.

ZEIT: Wovor fürchtet sich ein Therapeut?

Ahmad: Ich habe Filme gesehen, da werden Neunjährige gezwungen, andere Menschen zu enthaupten. Manchmal fürchte ich mich davor, meine Notizen nachzulesen, weil ich weiß, wie schwer es war, das niederzuschreiben.

ZEIT: Haben Sie im Lauf des letzten Jahres selber Kämpfe in Kurdengebieten erlebt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Ahmad: Ich war während der Belagerung des Sindschar-Gebirges vor Ort, um Lebensmittel an die eingeschlossenen Jesiden zu verteilen. Dort traf ich viele deutsche Kurden aufseiten der Peschmerga, sie wollten die Gewalt des IS nicht dulden. Entsetzt hat mich, was nach dem Abzug des IS von den Orten übrig blieb, sie waren total vermint, nicht mehr betretbar.

ZEIT: Sie leben seit Jahrzehnten in Deutschland. Seit wann machen Sie Trauma-Arbeit in Ihrer alten Heimat?

Ahmad: Wir haben 2003 angefangen mit der Jiyan-Foundation vor Ort. Jiyan ist das arabische Wort für Leben. Seither konnten wir acht Zentren für Traumatisierte gründen, unter anderem in Dohuk, Kirkuk und Erbil. Seitdem es den IS gibt, hat sich die Zahl unserer Patienten verdreifacht. Allein in Dohuk im Nordirak behandeln wir jetzt 2.000 Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche monatlich. Aber das ist noch viel zu wenig. Sie müssen bedenken, dass Saddam Hussein zwar vor zwölf Jahren entmachtet wurde, aber viele Junge im Irak nur Krieg und Gewalt kennen.