Es ist eine Welt in Aufruhr, ihre schwarze Oberfläche von der Sonne aufgeheizt. Aus Spalten zischt ein Gemisch aus Staub und Wasserdampf viele Tausend Kilometer weit in die Höhe, im Boden öffnen sich kreisrunde Trichter, ein gewaltiger Brocken hat sich abgelöst. Die Kamera hält ihn im Schwebeflug fest.

Und es geht erst los. Am 13. August wird der Komet Tschurjumow-Gerassimenko ("Tschuri") seinen sonnennächsten Punkt passieren, das sogenannte Perihel. Immer in seiner Nähe: die europäische Raumsonde Rosetta. Vor genau einem Jahr hat sie zum Kometen aufgeschlossen, das Landemodul Philae auf seiner Oberfläche abgesetzt, jetzt beobachtet sie aus knapp 200 Kilometern Entfernung Tschuris turbulenteste Flugphase – das Rendezvous mit der Sonne. Noch bis in den September wird die Aktivität des Kometen zunehmen. Das liegt an der Sonnenstrahlung, die der Komet gerade einfängt. Millionen Tonnen Staub wird er abgeben. Schon jetzt formt er einen 120.000 Kilometer langen Schweif, den Hobbyastronomen kurz vor Sonnenaufgang gut am Himmel erkennen.

"Woher kommt all dieses Material?", fragt Holger Sierks im Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. Er betreut Rosettas Osiris-Kamera, die bereits 30.000 Fotos von der Kometenoberfläche geschossen hat. Doch ein kollabiertes Kliff oder eine tief eingebrochene Kruste sind bisher nicht zu erkennen. Stattdessen scheint die gesamte Landschaft großflächig langsam abzusinken: An vielen Stellen liegt eine dicke Staubschicht über verdampfendem Eis ...

"Wie kommt die nötige Wärme unter die Staubschicht?", fragt Sierks, "und warum tritt das Material so langsam aus?" Schließlich übt Tschuris Minimasse kaum eine Anziehungskraft aus. Trotzdem entschwinden seine Bestandteile nur im gemütlichen Joggingtempo. "Das versteht bisher keiner", sagt Sierks.

Es sind nicht die einzigen Geheimnisse, die Tschurjumow-Gerassimenko trotz intensiver Langzeitbeobachtung durch die elf wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Rosetta noch für sich behält. Auch die Daten, die das waschmaschinengroße Landegerät Philae direkt an der Oberfläche eingesammelt hat, lassen viele Fragen offen. Gut acht Monate nach dessen holpriger Landung haben die Instrumententeams die damals gesammelten Messwerte nun gesichtet und in einer Schwerpunktausgabe des Wissenschaftsmagazins Science publiziert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Sind Kometen nun hart oder weich? Lange war diese Frage unter Experten umstritten. Jetzt haben die Drucksensoren an Philaes Füßen eine differenzierte Antwort geliefert: Es kommt drauf an! Bei der ersten Bodenberührung hatte sich der Komet damals als härter erwiesen, als die Forscher angesichts der 20 Zentimeter dicken, weichen Staubschicht erwartet hatten: Wie ein Pingpongball war Philae abgeprallt und segelte anschließend fast zwei Stunden lang über den Kopf des entenförmigen Kometen. Nach einer Zwischenlandung und einer Kollision mit einer Kliffkante verschlug es Philae an einen schattigen Steilhang. Am endgültigen Landeplatz traf das Minilabor auf einen mehr als 2000-fach stärkeren Widerstand als beim ersten Kontakt mit dem Boden. Der ist mit einer äußerst porösen Mischung aus Eis, fein- bis grobkörnigem Staub und einigen organischen Molekülen bedeckt. So viel hatte man erwartet. Was aber diese wunderliche Welt zusammenhält und warum sie eine derartige Vielfalt an Formen und Härtegraden ausbildet, bleibt nach einem Jahr intensiver Beobachtung unklar.

"Erkenntnis braucht Zeit", sagt Sierks. Und sein Kollege Hermann Böhnhardt, der wissenschaftliche Leiter des Philae-Landegeräts, ergänzt: "Manchmal muss der nötige Gedankenblitz von außen kommen", von Forschern also, die alle Bilder und Messergebnisse mit unvoreingenommenem Blick betrachten. Genau das ist bisher aber gar nicht möglich. Denn für sechs bis zwölf Monate verfügen die Instrumententeams exklusiv über ihre Daten. Erst in den nächsten Wochen werden sie Schritt für Schritt öffentlich zugänglich.

Dass noch weitere Details direkt von Tschuris Oberfläche zur Erde gelangen, ist eher unwahrscheinlich. Zwar hat sich Philae seit Mitte Juni mehrmals gemeldet, doch seit dem 9. Juli herrscht wieder Funkstille. Die Instrumente der Muttersonde dagegen sind bisher unversehrt. Noch bis Ende nächsten Jahres können sie die turbulente Verwandlung des Schweifsterns verfolgen – bevor seine Reste in die eiskalte Einsamkeit des äußeren Sonnensystems zurückkehren.