In einer Sommernacht sitze ich nordöstlich von Ulan-Bator mit meiner Reisebegleiterin vor einem Ger, einem mongolischen Filzrundzelt. Hinter schroffen Bergen mit braun besteppten Hängen geht die Sonne unter. Der Mond steigt auf, wir trinken Wodka und schauen Jupiter zu, wie er seine Bahn über dem Tal des Schildkrötenfelsens zieht. So hübsch ist das, dass es gar nichts zu sagen gibt. Und so ist alles, was wir hören, dies: "Ein’ könn’ wir noch, zwei woll’n wir noch, drei könn’ wir noch vertragen. Was nützt das Geld im Altersheim, bei Apfelsaft und Haferschleim. Ein’ könn’ wir noch, zwei woll’n wir noch, drei könn’ wir noch vertragen."

Das ist unser Nachbar. Er singt sein Trinklied nach der Melodie von O Tannenbaum, und er singt es mit leierndem sächsischen Tonfall. Dass wir trotzdem vollständig gelassen bleiben, liegt vor allem daran, wie wir in dieses Land gekommen sind.

Wir wählten dazu ein Verkehrsmittel, das schon mit seinem Namen Turbinenhektik und Jetlag weit von sich weist. Wie sehr, merkten wir jedes Mal, wenn wir in diesen zwei Wörtern von unseren Reiseplänen erzählten: Wir sagten "Transsibirische Eisenbahn", und die Leute atmeten seufzend aus. Wenn es für viele Menschen Orte gibt, nach denen sie sich sehnen, auch wenn sie nichts Konkretes über sie wissen, dann ist die Transsibirische Eisenbahn für mindestens so viele die Trasse, von der sie träumen.

Weil man Träume ab und zu umsetzen muss, buchen wir also diese Zugfahrt. Um möglichst viel Russland und Transsib zu erleben, reservieren wir nicht in einem der Sonderzüge. Die tragen Namen wie Zarengold, damit man gleich den schieneneisernen Machtanspruch der Ära spürt, in der diese längste durchgehende Eisenbahnstrecke der Welt gebaut wurde. 2016 wird es 100 Jahre her sein, dass das Streckennetz vollständig den Betrieb aufnahm. Unser Zug heißt nicht so schön: Wir fahren mit der Nummer 68 um 23.05 Uhr ab Moskau.

Wie wichtig die Eisenbahn als Verkehrsverbindung auch heute noch für Russland ist, wird uns klar, als wir noch nicht einmal am Bahnhof sind. Gleich drei Fernbahnhöfe liegen am Komsomolskaja-Platz, drei weitere sind über die Stadt verteilt. Von der Jaroslawler Station gehen die Transsib-Züge nach Nordrussland ab, in den Ural und weiter nach Sibirien, nach Russisch-Fernost und Wladiwostok, in die Mongolei und nach China. In der Halle laufen sie alle großartig durcheinander: Russen, Kaukasier, Zentralasiaten, Ostasiaten, abgearbeitete Alte und junge Zuversichtliche, Fresstüten schleppende Familien und seesackbeladene Soldaten, ein paar Touristen wie wir und all die anderen, die wir nicht einordnen können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Reserviert haben wir in Wagen 8 in der Platskartny-Klasse. Das ist die billigste. Von außen wirkt der Zug ein bisschen wie ein D-Zug aus den Fünfzigern. Von innen bekommen wir ihn nicht sofort zu sehen. Am Eingang steht eine Schaffnerin. Sie trägt eine graue Uniform und strahlt den festen Glauben an Funktionsträgerschaft aus. Ich würde ihr gern sagen, wie sehr wir uns auf die Fahrt freuen. Dazu lädt ihr Gesichtsausdruck aber gar nicht ein. "Natascha" steht auf ihrem Namensschild. "Ticket, Passport!" Reichen wir eilig hinüber. Sorgfältig hakt Frau Natascha unsere Namen ab und nickt wortlos zum Eingang: Wir sind aufgenommen. Ein wenig stellen wir uns die Reise mit der Transsib wie eine Kreuzfahrt vor. Auf einem sehr rustikalen Dampfer, keinem Glitzerkahn, aber immer noch eine endlose Fahrt durch ein Meer an Eindrücken und mit wenigen Landgängen.

So altmodische Gedanken springen einen an, wenn man in den Zug steigt. Und Frau Natascha gibt uns das Gefühl, dass wir uns um nichts kümmern müssen. Eingehüllt in dieser Wohnröhre, werden wir nicht über links oder rechts, über Wenn oder Aber entscheiden müssen. Über Nowosibirsk und Irkutsk nach Ulan-Bator und schließlich Peking werden wir 7.622 Kilometer im Zug sitzen und dafür insgesamt drei Wochen unterwegs sein. So viel Zeit am Stück haben meine Reisebegleiterin und ich in neun Jahren noch nicht miteinander verbracht. Die entwarnende Nachricht: Im Platskartny-Wagen ist niemand allein, nicht mal zu zweit. Wir sind zu 54. Immer zwei Liegen sind übereinander angebracht, links vom Gang längsseits, rechts vom Gang quer. Jeweils sechs Liegen bilden ein Abteil, das zum Gang hin offen und vom Nachbarabteil durch dünne Wände getrennt ist. Frau Natascha verteilt Bettwäsche. Das ergibt für einige Minuten Chaos. 52 Leute verstauen gleichzeitig ihr Hauptgepäck, sortieren ihren Nacht- und Tagesbedarf in Beuteln um ihre Schlafstatt und beziehen ihre Liegen mit militärischer Akkuratesse. Dann ist es mit einem Schlag ruhig. Der Zug ist losgefahren, 20 Minuten später werden die Hauptlichter im Wagen gelöscht. Und wir, die einzigen Touristen, stehen vor lauter Zuschauen noch immer da, mit der Bettwäsche im Arm. Ich habe eine Liege oben, sie unten. Bis wir uns eingerichtet haben, schlafen die meisten.