DIE ZEIT: Ständig nagt das Meer, wie lange wird es Sylt noch geben?

Johannes Oelerich: Wir sind sicher, dass wir Sylt für die nächsten Jahrzehnte so erhalten können.

ZEIT: In der heutigen Form?

Oelerich: Sylt wird sicher sein Gesicht an den Insel-Enden verändern und möglicherweise auch an der ein oder anderen Stelle an der Ostküste. Aber die Westküste werden wir durch Sandvorspülungen erhalten können.

ZEIT: Wie viel Sand spülen Sie dieses Jahr an?

Oelerich: Wir spülen an der Westküste etwa eine Million Kubikmeter Sand über Rohrleitungen direkt auf den Strand, wie bisher auch. Zusätzlich geben wir dieses Jahr noch 700.000 Kubikmeter in den Vorstrand, etwa 200 Meter vor der Küste, weil er dort länger wirkt und den Strand stabilisiert.

ZEIT: Wie viel Sand verliert Sylt?

Oelerich: Das ist vom Wetter abhängig, aber im Schnitt etwa eine Million Kubikmeter pro Jahr.

ZEIT: In diesem Jahr füllen Sie also mehr Sand nach, als der Insel verloren geht?

Oelerich: Ja. Wir wissen aus den Vermessungen, dass wir inzwischen sogar vier Millionen Kubikmeter gepuffert haben, die wir in der Vergangenheit vorgespült haben. Die sind noch da.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Sie haben Sylt vergrößert?

Oelerich: Ja. Es gibt Bereiche an der Westküste, da sind die Dünen bis zu 30 Meter nach Westen angewachsen, etwa in Rantum.

ZEIT: Vor Rantum sind derzeit die Schiffe Sif R und Freja R zu sehen. Was tun sie genau?

Oelerich: Die Laderaumsaugbagger, wir Ingenieure sagen dazu Hopper-Bagger, fahren sieben Kilometer raus und saugen über einen Rüssel den Sand in die Laderäume. Wenn sie den Vorstrand auffüllen wie jetzt vor Rantum, müssen sie einfach nur wieder zurückfahren und unten die Luke öffnen, dann rauscht das Sediment auf den Meeresgrund.

ZEIT: Für Lebewesen, die angesaugt werden, klingt das eher ungesund.

Oelerich: Wir haben eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Flora und Fauna gemacht. Dann haben wir uns zu einer Ausgleichszahlung verpflichtet. Dieses Geld geht in den Naturschutz. Der Sand ist sowieso ständig in Bewegung. Der Mensch tut eigentlich nichts, was die Natur nicht auch macht.

ZEIT: Was kosten die Spülaktionen?

Oelerich: In normalen Jahren sind es 6,5 Millionen Euro, dieses Jahr wegen der zusätzlichen Menge rund 9,3 Millionen Euro.

ZEIT: Das Geld stammt von den Steuerzahlern. Ist es auf Sylt sinnvoll investiert?

Oelerich: Ja, aus drei Gründen. Sylt zieht viele Touristen an und erzeugt damit hohe Steuereinnahmen. Zweitens wirkt Sylt wie ein Wellenbrecher vor der Festlandküste. Alles, was dort an Energie abgefangen wird, erreicht die Festlandküste nicht. Drittens wird der Sand, den wir ausbringen, zwar verlagert, aber er ist nicht weg. Wenn er ins Wattenmeer geschwemmt wird, trägt er dazu bei, dass das Wattenmeer mitwachsen kann mit dem Meeresspiegel.