Es muss schon etwas Außergewöhnliches passieren, wenn das beschauliche Jerichower Land, 50 Kilometer lang, 20 Kilometer breit, ein Landkreis mit knapp 100.000 Einwohnern im Nordosten von Sachsen-Anhalt, zum Schauplatz einer Auseinandersetzung wird, die Deutschland verändern kann.

Auf der einen Seite des Konflikts steht Adriaan Straathof. Bis vor Kurzem war Straathof einer der bedeutendsten Schweinezüchter in Europa. Über diverse Tochterfirmen unterhielt er mehr als zwanzig Betriebe allein in Deutschland, darin züchtete er weit mehr als eine Million Schweine im Jahr. Schon lange wurde der inzwischen 60-jährige Niederländer wegen der Zustände in seinen Anlagen kritisiert.

Auf der anderen Seite steht die Kreisverwaltung des Jerichower Lands. Im Herbst 2014 hat sie ein deutschlandweites Tierhalteverbot gegen Straathof ausgesprochen, nachdem ihm die Kreisveterinäre eine Flut von Verstößen gegen das Tierschutzrecht in seiner Schweinemastanlage in Gladau vorgeworfen hatten. Der Schweinezüchter sollte keine Schweine mehr züchten dürfen. Nirgendwo in Deutschland.

Es war das erste Verbot dieser Art in der Bundesrepublik. Für einen Großzüchter wie Straathof kommt es einem Berufsverbot gleich. Also klagte er gegen die Entscheidung und bestritt die Vorwürfe. Im Dezember bestätigte das Verwaltungsgericht Magdeburg zwar die Entscheidung des Landkreises. Doch Straathof ging in Berufung, der Prozess läuft.

Es ist ein Präzedenzfall, der sich abspielt in der Provinz von Sachsen-Anhalt: Mehr als drei Milliarden Kilogramm Schweinefleisch essen die Deutschen jedes Jahr. Hergestellt wird es zumeist in Tierfabriken, unter Bedingungen, die jeden vernünftigen Menschen erschaudern lassen. Dennoch drücken sich Politiker und Bürger bisher davor, zu entscheiden, ob eine derartige Form der Tierproduktion noch hinnehmbar ist. Übernehmen muss das nun das Oberverwaltungsgericht in Sachsen-Anhalt. Zwar geht es in dem Prozess gegen Straathof vordergründig um Vorwürfe gegen einen Einzelnen. Doch gleichzeitig wird das Geschäftsmodell einer ganzen Branche erstmals grundsätzlich infrage gestellt. Einer Branche, die Tiere produziert wie Schrauben und sich dabei von Gesetzen offenbar ungern stören lässt.

Als Reaktion auf das Urteil trat Straathof im Winter als Geschäftsführer seiner Betriebe zurück. Im Juni übergab er seine Unternehmensanteile an einen Treuhänder. Auf dem Papier ist Straathof kein Schweinezüchter mehr. Seine ehemaligen Betriebe produzieren derweil weiter Tiere. Der Rückzug des Schweinezüchters war das vorerst letzte Kapitel einer erstaunlichen Geschichte über Willkür und Wut, über Gesetzesverstöße und hilflose Behörden, über die Macht der Agrarindustrie und das Versagen des Staates.

So gut wie immer, wenn Straathof eine seiner Anlagen errichtet hat, in Bayern oder Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt, haben Bürger dagegen protestiert. So gut wie immer ohne Erfolg. Jetzt blicken sie staunend auf das Jerichower Land: Sie sehen dort Beamte, die Straathof die Stirn bieten. Behörden, die gegen Gesetzesverstöße vorgehen. Einen Staat, der die Exzesse der Massentierhaltung bekämpft. So einen Staat kennen sie nicht. Solche Behörden gibt es bei ihnen nicht. Solche Beamte sind ihnen noch nicht begegnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Fragt man diese Menschen nach Straathof, schießt einem Wut entgegen. Doch diese Wut richtet sich nicht gegen den Schweinezüchter. Sie richtet sich gegen den Staat. "Für mich ist Straathof nicht der Feind Nummer eins", sagt Ottfried Becker. Er sitzt im Gemeinderat von Medow, einem Ort im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern mit gerade einmal 500 Einwohnern. Hier errichtete Straathof eine Schweinemastanlage mit Platz für knapp 20.000 Tiere. "Straathof macht doch nur, was ihm erlaubt wird", sagt er, "Politiker und Behörden, das sind doch unsere Feinde." Becker ist kein Anarchist, sondern Ingenieur für Brückenbau. Mit seiner Frau, einer Ärztin, lebt er seit 27 Jahren in Medow. Doch Becker hat sein Vertrauen in den Staat verloren.

In Mecklenburg-Vorpommern betreibt das ehemalige Unternehmen von Straathof neben dem Betrieb in Medow noch zwei weitere Anlagen: eine in Fahrbinde, südlich von Schwerin, und eine in Alt Tellin, in der Nähe von Greifswald. Allein in diesen drei Anlagen sind in den vergangenen acht Jahren bei rund 200 staatlichen Kontrollen mindestens 185 Mal Verstöße festgestellt worden. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Linken im März dieses Jahres hervor. Falschmeldung von Belegzahlen, Überbelegung, vorzeitige Inbetriebnahme eines Stalls: Immer wieder verstießen Straathofs Betriebe demnach gegen Tierschutz- und Immissionsschutzrecht. Dafür mussten sie insgesamt rund 163.000 Euro Strafe zahlen.