Manche Verschwörungstheoretiker glauben, dass Flugzeuge Chemikalien versprühen, um die Menschen systematisch zu vergiften. © Andrew Chin/Getty Images

In Claus Petersens Welt versprühen Flugzeuge über Deutschland ein tödliches Chemiegemisch. Die Bundesrepublik ist ein tributpflichtiger Vasallenstaat der USA, das Grundgesetz wurde in der Villa der Rothschilds verfasst, und die Opferzahlen des Holocaust müssten, sagt Petersen, deutlich geringer sein als allgemein angenommen. Einfach aus technischen Gründen.

Petersen, fast 70 Jahre alt, helle Stimme, nordischer Tonfall, hat bei den sogenannten Reichsbürgern mitgemischt, die die juristische Existenz der Bundesrepublik bestreiten. Und auch antisemitischen Thesen ist er offenbar nicht abgeneigt. Vor allem aber ist er ein hartnäckiger Aktivist der deutschen Chemtrail-Szene: Er hat die Gruppe "Blauer Himmel Berlin" mitbegründet, und einmal im Monat hält er in einer Pizzeria einen Stammtisch für all jene ab, die überzeugt sind, dass die Menschheit mit Bariumsalzen, Strontium und Aluminium vergiftet wird. Chemtrailer gehen davon aus, dass Flugzeuge seit den späten Neunzigern eine giftige Mischung absondern, die den Klimawandel verlangsamt und es dem amerikanischen Geheimdienst ermöglicht, durch Ausbringen winzig kleiner Aluminiumpartikel auch verborgene Ecken der Welt zu überwachen.

Zu einem ersten Treffen vor einem Berliner Imbiss erscheint Petersen mit einem übervollen Ordner, in dem er die Ergebnisse seiner Recherchen in Plastikhüllen abgeheftet hat: Dutzende Fotos des Himmels über Berlin, Bilder, die Angela Merkel neben hüfthohen Gasflaschen zeigen, den Text einer Frau, die im Internet unter dem Namen "Barbie Sioux Cherokee Sparrow Hawk" esoterische Weisheiten postet. Das sind Petersens Beweise.

Das Interessante ist, dass Petersen für seine Sicht auf die Welt ganz viel Bestätigung erfährt. Die Chemtrail-Bewegung ist längst ein globales Netzwerk, das über eigene Foren, Kanäle und Experten verfügt. Im Grunde handelt es sich um eine Sekte, nur dass es keine zentrale Organisation gibt, die sie steuert und der man Widersprüche nachweisen könnte. Menschen wie Petersen tragen aktiv zu dieser Verschwörungserzählung bei, schreiben Kommentare und Beiträge, teilen Videos, organisieren Treffen oder starten Petitionen an den Bundestag.

Nie waren so viele Informationen verfügbar wie heute, und noch nie konnten so viele Menschen frei sagen, was sie für wahr halten. Jeder hat heute die Möglichkeit, die Wirklichkeit so für sich zu konstruieren, dass er damit Machtverhältnisse erschüttern kann. Eigentlich ist das eine gute Nachricht, denn es ist gefährlich für Diktaturen und Despoten. Umgekehrt aber war es noch nie so schwer, aus der Flut der sich widersprechenden Informationen ein klares Bild zu gewinnen. Jeder kann seine Wahrheit, seine Sicht bestätigt sehen. Gerüchte und Verschwörungstheorien greifen um sich. Wir erleben eine Entfesselung des Bestätigungsdenkens, eine Art neuen Kulturkampf.

1632 veröffentlichte Galileo Galilei seinen Dialog, in dem er die These vertrat, die Erde drehe sich, anders als von der herrschenden Kirchenlehre verbreitet, um die Sonne. Weil das nicht ins Weltbild passte, musste Galileo vor der Heiligen Inquisition seine Thesen widerrufen. Heute, in einer offenen, pluralen Gesellschaft, veranstaltet "das System" keine Inquisition mehr, heute wird es mit den Mitteln der Inquisition angegriffen. Alles kann stimmen, aber auch sein Gegenteil.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Ist das nun Gegenaufklärung, wird der ganze Gedanke der Aufklärung hinweggefegt von Eiferern, Sektierern, Andersdenkenden? Offenbart sich in diesem Kulturkampf das Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem auch die Wutbewegung Pegida zehrt? Oder ist das Aufklärung pur: Kirche, Staat, Parteien, Medien, die klassischen Autoritäten können nicht mehr durchgreifen, alles wird angezweifelt, keiner hat recht qua Amt?

Thomas Weimer arbeitet im Bundestag in der Pressestelle einer Bundestagsfraktion. Sein echter Name und seine Partei tun hier nichts zur Sache, denn was er wahrnimmt, erleben Mitarbeiter in den Pressestellen aller Parteien. Zu Thomas Weimers Aufgaben gehört es, die sogenannte Morgenlage vorzubereiten: Jeden Tag stellt er die wichtigsten Schlagzeilen und Kommentare zusammen für die Besprechung im Fraktionsvorstand. Weimer liest dafür die großen Tageszeitungen, er klickt sich durch die Newsseiten im Internet, schaut sich Blogs an. Manchmal läuft nebenher noch der Fernseher.

Weimer sagt, dass er dank seiner Arbeit einen ziemlich guten Blick auf die traditionellen Medien habe. Was er sieht, ist häufig Eintönigkeit statt Pluralität, Einfalt statt Vielfalt. Thomas Weimer ist kein Verschwörungstheoretiker, er glaubt nicht daran, dass "die Medien" alle von der CIA oder dem Bundeskanzleramt gesteuert werden. Aber er beobachtet, was auch Verschwörungstheoretiker an den Medien kritisieren: dass viele Journalisten sich ihrer Meinung oft sehr sicher sind, auch wenn die Fakten noch unsicher sind. Dass Meinungen wider den Mainstream selten bis gar nicht vorkommen. Und dass es vielen Redaktionen verdammt schwerfällt, sich – und ihren Lesern – einzugestehen, wenn sie falsch gelegen haben.

Früher misstrauten die Menschen in Deutschland vor allem einem Medium, der Bild-Zeitung. Inzwischen ist dieses Misstrauen auf die Branche übergegangen.

Kaum ein anderer Verlag in Deutschland hat von diesem Misstrauen so sehr profitiert wie der kleine Kopp Verlag im schwäbischen Rottenburg am Neckar. 1993 von Jochen Kopp, einem früheren Polizisten, gegründet, beschäftigt der Verlag nach eigenen Angaben inzwischen 60 Mitarbeiter. Er verkauft seine Titel vor allem über den hauseigenen Versandhandel.

Die Wahrheit über "Charlie Hebdo"

Seit ein paar Monaten verschicken die Mitarbeiter des Kopp Verlages besonders viele Bücher: Das Buch Gekaufte Journalisten des ehemaligen FAZ-Redakteurs Udo Ulfkotte rangiert seit Monaten in den Top 10 der Bestsellerlisten. Es wurde, sagt Jochen Kopp, bereits mehr als 140.000 Mal verkauft.

Dabei ist Medienschelte nicht einmal Kopps Spezialität. Im Programm des Verlages findet sich auch das Gesamtwerk Erich von Dänikens, der von der Existenz Außerirdischer überzeugt ist, und dubiose Gesundheitsratgeber (Krebs bekämpfen mit Vitamin B17). Gerhard Wisnewski, ein ehemaliger Bild-Journalist, der mittlerweile für das rechtsesoterische Magazin Compact schreibt, veröffentlichte Ende April das Buch Die Wahrheit über das Attentat auf Charlie Hebdo – Gründungsakt eines totalitären Europa. Jochen Kopp nennt solche Titel "pointiert". Viele Verlage ließen tolle Themen einfach liegen, sagt er und gluckst fast vor Lachen. "Aber gut – uns soll’s recht sein."

Ein Leser, erzählt Kopp, habe vor Kurzem geschrieben, die Bücher aus dem Kopp Verlag seien "geistiges Juckpulver". Kopp mag den Begriff. So sieht er seine Mission: die Großen ärgern, auch mit unlauteren Mitteln provozieren. "Natürlich kann man Bücher machen, die sehr ausgewogen sind, keine Frage", sagt Kopp. "Aber es ist doch auch interessant, eine sehr pointierte Meinung zu veröffentlichen, und dann bringt ein anderer Verlag die Gegenposition dazu. Und dann müsste eigentlich die Diskussion stattfinden. An dieser Diskussion fehlt es in Deutschland."

Kopp ist kein Wüterich und kein Depp, aber so naiv, wie er tut, ist er sicher auch nicht. Denn es sind ja nicht einfach nur andere Meinungen, die er veröffentlicht. Er setzt, wie der Politikwissenschaftler Paul Nolte beobachtet, gezielt "auf eine aggressive antielitäre, antiinstitutionelle Haltung". Und dabei geht es nicht um Pluralität, nicht um andere Meinungen. Der angeblich manipulierte Konsens muss als "Lüge", "Betrug", "Verschwörung" entlarvt werden, da wird "gefälscht" und "betrogen". "Gegen die große Koalition der Politik hat sich eine große Koalition der Arroganz gebildet", stellt Nolte fest, die politische Auseinandersetzungen nicht mehr ernst nehmen wolle und diffuse Radikalalternativen beschwöre. Erst in diesen Radikalalternativen, so die Suggestion, werde die verlorene Autonomie der Politik wiederhergestellt. Gleichzeitig wird eine Eindeutigkeit versprochen, die angesichts der überwältigenden Infoflut für immer mehr Menschen schmerzlich fehlt. Der amerikanische TV-Satiriker Steven Colbert erfand schon 2005 einen Begriff, der dieses Phänomen so gut beschrieb, dass er seitdem stellvertretend dafür benutzt wird: "truthiness", die Qualität einer Idee, die sich richtig "anfühlt", ohne jeglichen wissenschaftlichen Beweis.

Amerika ist das Land der Freien, aber es ist auch das Land der Apokalypse. Hier gehört das Misstrauen gegenüber Autoritäten zur institutionellen Grundausstattung. Ihr Land haben die Amerikaner daher so organisiert, dass die einzelnen Staaten die Macht haben und nicht die Elite in Washington. Der Einzelmeinung wird traditionell genauso viel Gewicht gestattet wie der Mehrheitsmeinung. Aber das Ablehnen von wissenschaftlichen Ergebnissen hat noch einen anderen Grund. Es ist die Angst, die Kontrolle zu verlieren – nicht nur über die Welt, sondern über das eigene Leben.

Und so zieht sich die Wissenschaft in Amerika immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Im Fernsehen, in den Zeitungen, in den Schulen. Pro fünf Stunden Fernsehnachrichten kommt weniger als eine Minute an wissenschaftlichen Themen vor. Die Anzahl an Zeitungen, die einen Wissenschaftsteil haben, ist in den letzten zwanzig Jahren um 40 Prozent gesunken.

Das hat vielen Wahrheiten Platz gemacht: 87 Prozent der Wissenschaftler sagen, dass der Klimawandel menschengemacht ist; nur 50 Prozent der Amerikaner glauben daran. 98 Prozent der Wissenschaftler sagen, der Mensch ist durch Evolution entstanden; nur 65 Prozent der Amerikaner glauben daran.

Der Streit um die Evolution hat in den USA Tradition. In den zwanziger Jahren verboten drei Staaten, dass die Evolutionslehre an Schulen unterrichtet wird. Und heute ist es in Texas, Minnesota, Missouri, South Carolina und Alabama immer noch Pflicht, dass in den Schulen wichtige Aspekte der Evolution kritisch hinterfragt werden.

In Petersburg, Kentucky, hat die christlich-fundamentalistische Gruppe Answer in Genesis das Creation Museum gebaut. Auf Ferienparkgröße wird hier versucht, die Bibel als Bauplan der Welt zu zeigen – und Darwin zu widerlegen. Zur Ausstellung gehören ein Garten Eden und ein Dinosaurier-Park. Gerade lässt Answer in Genesis auch eine Replika von Noahs Arche bauen.

Wenn es keine gemeinsamen Wahrheiten mehr gibt, wenn jeder sich in seine eigene, gefühlte Wahrheit zurückzieht, dann ist einer der Grundpfeiler, der eine Gesellschaft im Inneren zusammenhält, in Gefahr: Vertrauen. 1960 sagten zwei von drei Amerikanern, dass sie ihren Mitmenschen generell vertrauen. 2006 war es nur noch einer von drei. Das hat große Auswirkungen darauf, wie sich eine Gesellschaft entwickelt.

Das Verführerische an jeder Verschwörungstheorie ist, dass sie überhaupt nicht zu widerlegen ist. "Verschwörungstheoretiker zweifeln pauschal an der offiziellen Berichterstattung, aber eigentlich nie an sich selbst und den Ergebnissen eigener Recherchen", sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. "Jeder Einwand wird blitzschnell eingeordnet und entschärft." Wenn sich Verschwörung nicht beweisen lässt, ist das nur der Beweis dafür, wie raffiniert die Verschwörung sein muss.

Der Politikwissenschaftler Paul Nolte sieht im Verdruss über zu viel Konsens, im sich ausbreitenden "diffus verschwörungstheoretischen Paralleluniversum" einerseits ein Krisensymptom der Demokratie. Von da bis zum pseudoheroischen Tabubruch von Pegida, Le Pen, Wilders, aber auch Linkspopulisten ist es nicht weit. Andererseits macht Nolte eine neue Konstellation der Demokratie aus, die, wie die Beispiele aus den USA zeigen, nicht auf Deutschland beschränkt ist: Standen sich soziale Klassen, Ideologien und Parteien früher horizontal gegenüber, steht heute die politische Klasse einem misstrauischen Volk gegenüber. War man früher stolz auf "seinen" Abgeordneten in Bonn, Paris oder Washington, vermutet man heute, dass die Mandatsträger vor allem an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert sind. Eine schnelle Änderung oder Besserung, glaubt Nolte, sei nicht in Sicht.

Tatsächlich scheinen immer neue Enthüllungen über ein Kanzleramt, das sich bereitwillig abhören lässt, eine Regierung, die ständig neue rote Linien in der Griechenlandkrise formuliert, um sie dann zu übertreten, diese Sichtweise zu bestätigen. Und eine große Koalition, der institutionalisierte Zusammenschluss der Großen gegenüber den Kleinen, schafft wenig Ventile.

Das Gefährliche an all dem ist nicht allein der Hass, der die Gesellschaft spaltet. Gefährlich wird es, wenn aus einer Verschwörungstheorie die Selbstermächtigung zur Gewalt wird – wenn der Verschwörungstheoretiker also glaubt, zu anderen Mitteln greifen zu müssen, um all den anderen endlich die Augen zu öffnen. Und wenn ein Verschwörungstheoretiker glaubt, von "den Mächtigen" nicht nur verfolgt, sondern irgendwann auch ausgeschaltet zu werden: Wird er dann nicht versuchen, seinen Gegnern zuvorzukommen – und diese auszuschalten? "Im Paralleluniversum ihrer Foren und Hassbücher konstruieren die Propheten der großen Medienverschwörung schon jetzt eine Kriegssituation, die keine Zeit mehr lässt für das Denken in Alternativen", sagt der Medienwissenschaftler Pörksen. Letztlich ist das das Denken von Selbstmordattentätern.

Aufklärung 2.0

Was also wäre eine Lösung? Etwas mehr Konflikt in der Politik. Etwas mehr Selbstreflexion von Journalisten. Mehr Unterscheidung zwischen Information und Wissen, Fakten und Zusammenhang. Letztlich also: etwas mehr Vertrauen in die Urteilskraft der meisten Menschen, etwas mehr Glauben an die Aufklärung.

Von Bertolt Brecht stammt die Radiotheorie. Mit dem Aufkommen des ersten Massenmediums, so Brecht, hatte "man plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen". Nur müsse eben auch einer zuhören. Man müsse also, folgerte Brecht, den Rundfunk umfunktionieren zu einem "Kommunikationsapparat", der nicht nur senden, sondern auch empfangen könne.

Heute, sagt der Politologe Serge Embacher, sei Brechts Radiotheorie praktisch verwirklicht. Man könnte auch sagen: Brecht hat sich den Teufel gewünscht, den wir nun nicht mehr bändigen können. Dank moderner Medien können alle gleichzeitig senden und empfangen. Aufklärung 2.0. Denn Autoritäten zerstören, anzweifeln, den eigenen Verstand benutzen, das ist doch Aufklärung. "Wir sind endgültig in der Moderne angekommen", sagt Embacher. Politik ist eine Angelegenheit für alle.

Bei seinen Studenten beobachtet Serge Embacher ein großes Freiheitsgefühl, aber auch eine große Orientierungslosigkeit. Kürzlich stand das dröge klingende Thema "Programm der politischen Parteien" auf der Agenda. "Die meisten Studenten", so Embacher, "hatten unheimliche Probleme, sich dazu zu verhalten." Gibt Embacher eine Seminarklausur von 10 bis 14 Seiten vor, erntet er ein kollektives "Wie jetzt?". Die Studenten wollen wissen: 10, 12 oder 14 Seiten?

Es existiert eine Sehnsucht nach Autorität, nur wird den bestehenden Autoritäten nicht vertraut.

Martin Schweer von der Uni Vechta beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema Vertrauen. Er kommt aus der Organisationspsychologie. Früher haben vor allem Unternehmen bei ihm angefragt. Inzwischen, so Schweer, habe auch die Politik Vertrauen als Ressource erkannt – vor allem, seit sich diese Ressource als wahlkampfentscheidend erwiesen hat. Ob beim Thema Lebensmittelsicherheit oder Politik, die Ansprüche seien gestiegen, stellt Schweer fest. Früher musste man vieles glauben, heute kann man es überprüfen und feststellen: Stimmt das denn überhaupt? Und manchmal stimmt es eben nicht, was Politik und Medien behaupten.

Dass der Erkenntnisdurst dann häufig ausgerechnet in Verschwörungstheorien mündet, hält Schweer letztlich für ein Überforderungsphänomen: Die Verschwörungstheorie ist einfacher und somit stimmiger als die Wirklichkeit. Anders gesagt: Mit dem Vertrauen ist es wie mit dem Geld. Es ist nicht weg, es ist nur anderswo. Für die Demokratie ist das ziemlich katastrophal. Für den Einzelnen, wie Claus Petersen, aber funktioniert es, weil paradoxerweise gerade in einem ziemlich gut funktionierenden Staatswesen die eigenen Handlungen von der Politik gar nicht erkennbar berührt werden.

Auch Embacher hat verschiedene Studien zum Thema Vertrauen und Demokratieverdruss gemacht, die Ergebnisse sind niederschmetternd: Schneller als die Politik verlieren nur die Medien an Vertrauen. Schuld daran, glaubt Embacher, sei dennoch vor allem die Politik, die immer noch mehr auf Senden eingestellt ist als auf Empfangen, auch wenn heute alle wie wild Facebook, YouTube und Twitter nutzen, antworten und retweeten.

Schwarz-gelb, schwarz-grün, rot-rot, rot-grün, schwarz-rot – die Bundesrepublik kennt inzwischen viele politische Farbkombinationen – und trotzdem mehr oder weniger nur eine politische Richtung. Heraus kommt im Prinzip immer überall dasselbe. Die alten Ideologien wurden ersetzt durch eine Ideologie des Pragmatismus und Politik wurde ersetzt durch eine unpolitische Kümmer-Pose – "Kein Kind wird zurückgelassen". Zur Glaubwürdigkeit gehört aber auch, dass man Alternativen zulässt.

Embacher hat einen ganz praktischen Vorschlag, wie Vertrauen zurückgewonnen und mehr Bürgerbeteiligung erreicht werden könnte: "Die Wahlkampfkostenerstattung sollte an die Wahlbeteiligung gekoppelt werden."

Zur Aufklärung gehörte auch Kant und seine Befreiung aus der Unmündigkeit. Die war übrigens schon damals selbst verschuldet.

Früher lieferte die Weltanschauung den Kontext. Heute müssen wir ihn selbst herstellen. Das ist anstrengend. Aber wir haben es so gewollt.

Mitarbeit: Kerstin Kohlenberg

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