Ist Ihnen auch ein Schock in die Glieder gefahren vergangene Woche? Nicht? Okay, wahrscheinlich sind Sie kein Konjunkturforscher.

Also, hier die Kurzform: Die Wetterfrösche unter den Ökonomen waren mal wieder ganz aufgeregt, weil die Wirtschaftsleistung in China weniger schnell wächst, als sie erwartet hatten. Die Chinesen produzieren weniger Güter und Dienstleistungen als gedacht, und sie kaufen auch weniger ein. Das macht den Rest der Welt unglücklich. Die deutschen Autobauer zum Beispiel: Denen nehmen die neuen Reichen in Peking nicht mehr so viele große Autos ab.

Auch sonst sind die Wirtschaftsforscher nicht zufrieden. Es geht um jene Zahlen auf den Wirtschaftsseiten Ihrer Zeitungen, die Sie als wenig religiöser Leser wahrscheinlich gern überblättern: die Prognosen für Europa, die USA, zahlreiche Entwicklungsländer, sie waren alle schon mal besser. Allerorten stottern – ja, Ökonomen und Sprache, wirklich keine Entwicklungsgeschichte – Wirtschaftsmotoren unter verkrusteten Strukturen, brodeln Finanzblasen im Dunkel von Schattenbanken, verdüstern sich die Aussichten am Konjunkturhimmel.

Warum Sie das kümmern sollte?

Vielleicht gehören Sie ja zu jenen Deutschen, die gerade ganz zufrieden sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage. Die eigentümliche Inselhaftigkeit der deutschen Wirtschaft in einer Welt der Euro-Krisen und Arbeitslosigkeit ist Ihnen zur Natur geworden. Es gibt mehr Steuereinnahmen als erwartet, der Wohlstand nimmt zu. Als durchschnittlicher Deutscher sagen Sie: Wirtschaftswachstum? Läuft!

Fühlen Sie sich mal nicht zu sicher. In Wahrheit sind Sie ein wenig sediert von einem Präparat, das Sie und Ihre Familie wie viele andere Menschen in der westlichen Welt seit ein paar Generationen einnehmen. Es heißt: Mehr. Sie nehmen es auf über Politikerreden und Fernsehberichte, und es lässt Sie glauben, dass mehr Wohlstand morgen der Normalfall ist. Es ist ein Optimismuspräparat.

Bislang war das eine gute Sache. Viele Menschen glaubten an das Mehr am folgenden Tag, im folgenden Jahr, im folgenden Jahrzehnt, Unternehmer vertrauten auf den Erfolg ihrer Erfindungen und Vorhaben, und meistens hatten die Menschen dann tatsächlich mehr Geld, mehr Fernsehgeräte, mehr Wohlstand. Auf der Insel Deutschland funktioniert das noch immer ganz gut. Im Rest der entwickelten Welt verändert sich aber etwas. In Spanien oder Griechenland haben viele Menschen keine Arbeit, es gibt weniger Wohlstand als in den Jahren zuvor oder zwar Wirtschaftswachstum, aber deutlich weniger als erwartet.

Im behaglichen Deutschland könnte es bald ungemütlich werden

Trotzdem erneuern Politiker in Europa und den USA, in Großbritannien und Lateinamerika täglich ihr Mehr-Versprechen, um das trostlose Jetzt zu verdrängen, und klingen dabei bisweilen überraschend planwirtschaftlich. "Vier Prozent Wachstum, 19 Millionen neue Jobs" verspricht zum Beispiel Jeb Bush regelmäßig, seit er sich in den USA um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner beworben hat.

Im Jahr acht der nicht enden wollenden globalen Krise wirken solche Beschwörungen – es gab unzählige von unzähligen Politikern allein in den jüngsten Wochen – ein wenig wie Regentänze von Medizinmännern, die zunehmend verzweifeln, weil kein Regen vom Himmel fällt.

Da ist zum einen das Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten der OECD, das im vergangenen Jahr meist unter zwei Prozent lag. In den Jahrzehnten zuvor war es oft doppelt so hoch gewesen. Dazu deuten weitere Daten darauf hin, dass dieser Trend von Dauer sein könnte. Demnach verändert die Weltwirtschaft gerade ihre Persönlichkeit. Sie sagt den Ökonomen: Ich will keine Mehr-Wirtschaft sein. Ich will nicht mehr wachsen, nicht mehr von Jahr zu Jahr so viel mehr produzieren wie früher.

Über die Gründe und Konsequenzen dieser Veränderung streiten die Ökonomen noch. Sicher ist: Falls die Weltwirtschaft es ernst meint, werden viele Menschen das bald spüren. Auch im behaglichen Deutschland würde es dann ungemütlich.

Es ginge dann nicht nur um jene Arbeitsplätze in der Automobilindustrie, um die sich Branchenexperten wegen der Probleme in China sorgen. Die befürchtete Veränderung der Weltwirtschaft würde dann eine viel grundlegendere Frage aufwerfen, die sich bislang nur auf eine Zeit nach dem Ende des Öls bezog: Was bedeutet es für die Wirtschaftspolitik, wenn sie nicht mehr auf Wachstum setzen kann? Nicht irgendwann, sondern jetzt?

Es droht ein Deal zu platzen, der seit dem Zweiten Weltkrieg ganz gut funktionierte. Der ging so: Staaten, Privatleute und Unternehmen machen Schulden und finanzieren damit Ausgaben für Straßen oder Maschinen. In der Folge machen Unternehmen Gewinn, und Staaten nehmen mehr Steuern ein. So lassen sich später die Kredite tilgen und mit dem Mehr die Zinsen bedienen.

Dieser Deal hatte eine befriedende Wirkung: Es gab weniger Streit darüber, wie viel die Wohlhabenden den Armen abgeben müssen. Der Glaube an eine bessere Zukunft hat die Welt zu einem lebenswerteren Ort gemacht. Das war die gute Seite.

Doch das Versprechen hat auch eine negative, eine gefährliche Seite: Falls das Mehr nicht genug wächst, brechen Verteilungskonflikte auf, die viele Gesellschaften mit den Schulden aus der Vergangenheit in die Zukunft verschoben haben. Diese Zukunft ist jetzt angebrochen.

Zum Beispiel in Griechenland: Die Menschen im Jetzt müssen für in der Vergangenheit aufgenommene Kredite bezahlen. Die Jugend des Landes leidet unter den Ausgaben der Eltern. Außerdem gibt es Streit darum, ob die reichen Länder Griechenland Schulden erlassen. Auch da geht es um Verteilung. Es werden die Kinder der Gläubiger leiden, die nun noch einmal Kredit gewähren. Der wird wohl nicht zurückbezahlt werden, wenn die Kinder erwachsen sind.

Oder Amerika: Privatleute hatten Kredite für überteuerte Häuser und Konsum aufgenommen. Sie gaben das Geld aus, ohne daraus mehr zu machen. Am Ende konnten sie ihre Kredite nicht tilgen, Banken gingen pleite, sodass die Steuerzahler die Institute retteten. Menschen im Jetzt bezahlten für die Ausgaben in der Vergangenheit mit einer schlimmen Krise.

Es ist nicht so, dass die Welt daraus gelernt hätte. Sie hofft weiter auf das Versprechen vom Mehr, um im Jetzt weniger um Verteilung streiten zu müssen.