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Ai Weiwei, 57, empfängt in seinem Atelier, das sich in den weitläufigen Kelleranlagen einer früheren Brauerei in Berlin-Mitte befindet. Die Wände sind aus Backstein, einige Räume sind nur schwach beleuchtet, in andere fällt durch große Fenster das Sonnenlicht. In einer Kammer sind fein säuberlich die 6.000 Holzschemel gestapelt, die zu seiner großen Installation im Gropius-Bau gehörten. Ai hat es sich auf einer traditionellen chinesischen Liege gemütlich gemacht, zum Interview setzt er sich an einen langen Holztisch. Er wirkt entspannt, im Lauf des Gesprächs aber wird er sehr emotional werden.

DIE ZEIT: Fühlt sich Deutschland für Sie während dieses Besuchs anders an als zuvor?

Ai Weiwei: Berlin kommt mir vor wie ein Vogel, dem mehr und mehr Federn gewachsen sind: Junge Menschen aus aller Welt strömen hierher, kleine Restaurants eröffnen. Ich mag Städte, die ein bisschen heruntergekommen sind, in denen es ein Gefühl von Raum und Gefahr gibt. Das ist ganz anders als in Peking. Peking ist politisch sehr einseitig, das Leben der Menschen beschränkt sich auf die Familie. Es gibt kein öffentliches Leben. Der materielle Standard ist inzwischen hoch, doch die Freiheit beschränkt sich auf Konsum- und Vergnügungsmöglichkeiten. Das ist kein ausgewogenes, gesundes Dasein.

ZEIT: Sie sagten einmal, oben sei der Kaiser, unten eine gesichtslose Masse.

Ai: Die chinesische Gesellschaft ist sehr starr, alle Entscheidungen werden oben gefällt. Die Unterschicht ist wie Moos, sie wächst zwar, doch sie hat keine Form.

ZEIT: Ist das auch Ihr Eindruck, wenn Sie mit einzelnen Menschen zu tun haben?

Ai: Wenn eine Gesellschaft die Gefühle des Einzelnen nicht anerkennt, existieren keine Individuen. Ihre Eigenschaften werden nicht zum Vorschein kommen. Wenn mir in Peking auf der Straße tausend Menschen entgegenkommen, kann ich genau sagen, wer sie sind, was sie denken, wohin sie gehen und wer ihre Eltern sind. Viele in unserer Generation haben ihre individuellen Eigenschaften verloren. Die herausragende Qualität einer autoritären Gesellschaft ist, dass sie die Menschlichkeit verneint. Die Ideale, die Begeisterung, die Vorstellungskraft einer Gesellschaft existieren einfach nicht. Sie hat keine Zukunft.

ZEIT: Woher wird der Wandel kommen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Ai: Von vielen Seiten. In erster Linie aus der Erfahrung der Freiheit. China hat ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreicht und steht im regen Austausch mit dem Rest der Welt. Jedes Jahr schwärmen Hunderttausende chinesischer Auslandsstudenten aus, sie haben mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun. Sie werden aber dem Druck von Gesellschaft und Geschichte ausgesetzt sein, das wird sie zum Denken anregen.

ZEIT: Wird der Wandel von oben oder von unten kommen?

Ai: Das sind Kategorien aus der Zeit des Kalten Krieges: dass entweder das Volk oder die Regierung ausschlaggebend sein könnte. Ich versuche es auf ökologische oder biochemische Weise zu begreifen. Es ist, als würden sich Zellen verändern. Als würden sehr kleine persönliche Veränderungen zu einem gesellschaftlichen Wandel führen. Das hat nichts mit oben und unten zu tun. Es ist ein Zustand des gemeinsamen Verständnisses.

ZEIT: Alle Chinesen, die festgenommen werden, werden von den Sicherheitsbehörden gewarnt. Sie dürfen an keinen politischen Aktionen teilnehmen.

Ai: Diese Warnung ist dumm. Denn während du diese Warnung erhältst, befindest du dich schon mitten in der Politik. Die Warnung ist politisch.