Deutsche Touristinnen nehmen ein Sonnenbad am Strand von Rimini. Inzwischen scheint das Verhältnis von italienischer Seite abgekühlt. ©AFP

Es war irgendwann im verregneten Frühjahr 1991, ich war gerade nach Venedig gezogen und wollte einen Brief abschicken. Am Schalter der Post am Markusplatz saß eine Beamtin, die nicht aufblickte, als ich meinen Brief unter dem Schalterglas zu ihr hinschob, sondern sich weiter mit ihrer Kollegin unterhielt. Schließlich drehte sie sich um, überflog die Adresse auf meinem Brief, tippte auf das von mir nicht weiter präzisierte "Germania" und machte ein Geräusch, das sich wie ein Knurren anhörte. "Ost oder West?", fragte sie. "Süd", sagte ich. "Und?", fragte sie. "München", erklärte ich, "der Brief soll nach München, und München liegt im Süden Deutschlands." Im Grunde wollte ich gar nicht polemisch sein, und dass Deutschland wiedervereinigt war, war mir vorübergehend sogar entfallen. Aber im Angesicht dieser grauäugigen Schalterbeamtin fühlte ich mich plötzlich sehr wiedervereinigt und hörte mich sagen: "Eigentlich ist es jetzt auch egal. Es gibt ja kein Ost oder West mehr."

Die Schalterbeamtin blickte auf mich wie auf einen Bleistiftstummel, bevor man ihn wegwirft. Dann beugte sich die Beamtin vor, so nah an das Schalterglas, dass ihr Atem es beschlug. Und sagte so laut, dass es die letzten Wartenden hörten: "Glauben Sie bloß nicht, dass Sie jetzt Ihr Großdeutschland wiederkriegen, nur weil die Mauer gefallen ist."

Daraufhin wäre in der Schalterhalle am Markusplatz fast eine Revolte ausgebrochen. Alle verteidigten mich und mein Germania, beschimpften die Schalterbeamtin als unbelehrbare Altkommunistin und verkündeten, dass selbst die Post in Botswana effizienter sei als die italienische.

Bis vor Kurzem war das für mich das einzige Mal, dass mich in Italien antideutsche Gefühle angeweht hätten, ansonsten wurde stets "Ah, la Germania" gerufen, sobald man wusste, dass ich Deutsche bin. Mit dem "Ah, la Germania" pflegten Italiener die Effizienz der deutschen Bahn, das ökologische Gewissen, den Bürgersinn und die Unnachsichtigkeit der Deutschen gegenüber ihren politischen Repräsentanten zu bejubeln. (Ein Minister, zurückgetreten wegen eines falschen Doktortitels! Ein Präsident, zurückgetreten wegen einer Übernachtung, die ihm ein Freund bezahlte! Eine Kanzlerin, die nach Ischia im Tragflügelboot kommt und nicht im Hubschrauber!) Ich fühlte mich deshalb nach vielen Jahren in Italien auch schon ganz musterschülerhaft – wenn nicht die Euro-Krise über uns hereingebrochen wäre und mich zurück in die Realität geschubst hätte. Und die fühlt sich in Italien neuerdings so an, als würde man sich kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs befinden.

Die Euro-Krise ist in Italien vor allem eine Deutschland-Krise: Nicht nur in den Paralleluniversen von Facebook und Twitter hat ein neu erwachter Revanchismus seine tollsten Blüten hervorgebracht, auch in der italienischen Presse wird mit Begriffen wie "Demütigung" versus "Würde", "Erpressung" versus "Freiheit" nur so herumgeworfen. Das Wochenmagazin Espresso warnt vor Deutschland als "Viertem Reich" samt seiner "Satellitenstaaten" (Finnland, Holland, Belgien und Österreich). Der Corriere della Sera wirft Deutschland einen "Regel-Fetischismus" vor, im Radio werden Berlusconis Ausfälle gegen Angela Merkel ("Fettarsch") und gegen den damaligen Europaparlamentarier Martin Schulz ("KZ-Aufseher") plötzlich als politische Weitsicht gepriesen, und auf Volksfesten kann man mit Bällen auf die Bilder einer Angela Merkel in SS-Uniform werfen. Noch nie habe ich das stets zerstrittene Italien so einig erlebt. Die andauernde Wirtschaftskrise, der Sparzwang – im Zweifel ist immer "La Grande Germania" schuld. Frau Merkel und Doktor Schäuble. Wie konnte es dazu kommen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Bis vor wenigen Jahren waren die Italiener nicht nur Ah, la Germania- Eiferer, sondern auch glühendste Europa-Verfechter: Nur Europa kann uns retten, hieß es. Retten vor der Mafia, einer korrupten Politikerkaste, der Vetternwirtschaft im öffentlichen Dienst, der Jugendarbeitslosigkeit von 42 Prozent und einer Pressefreiheit, um die es nur in der Mongolei oder Bulgarien schlechter bestellt ist. Die Italiener verlangten nicht weniger, sondern mehr Europa, weil Europa da noch kein Theorem der Hochfinanz war, sondern ein Synonym für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte.

So war das – bis die italienischen Parteien die Europa-Schwäche der Italiener für sich entdeckten. Aus der Europa-Schwäche wurde die Europa-Keule: Immer wenn italienische Bürger von einem besonders absurden Gesetz überzeugt werden sollen, heißt es: Das verlangt Europa von uns! Etwa Ölkännchen zu verbieten (5000 Euro Strafe, wenn das Olivenöl nicht in einer Flasche, sondern in einer Glaskaraffe auf dem Restauranttisch steht) oder auch die Abhörpraxis einzuschränken. Sobald Abhörprotokolle die politische Kaste in die Bredouille bringen, werden obskure europäische Normen zum Schutze der privacy strapaziert, um das Abhören unter Strafe zu stellen.