Für einen Ort, an dem die Zukunft geschrieben wird, sieht es hier doch ziemlich spießig aus. Ordentlich getrimmter Strauchwacholder, raspelkurz gemähter Rasen, am Wegesrand bearbeitet ein Gärtner schon am frühen Morgen Unkraut. Eine amerikanische Kleinstadt, könnte man meinen.

Aber in den Straßen stehen keine geparkten Autos, kein Diner bietet Burger an, kein Starbucks Frappuccino. An der Einfahrt des Geländes kontrollieren Uniformierte die Pässe der Besucher.

Dies ist das Moffett Federal Airfield, ganz in der Nähe von Palo Alto: ein "Nasa Research Park" – so steht es auf einem Spaceshuttle, das nahe der Einfahrt zwischen Bäumen in die Luft ragt. Seit den sechziger Jahren plant die Nasa hier ihre Weltraummissionen. Heute arbeiten jedoch nicht nur Raketenwissenschaftler auf dem Gelände, sondern auch eine Gruppe Geeks im interessantesten Zukunftslabor der Welt: der Singularity University (SU). Sie ist keine Universität im eigentlichen Sinne. Eher ein Zusammenschluss von Technologiefetischisten, die einen Ort gesucht haben, um ihre Visionen zu diskutieren, zu forschen und Leute mit ihren Ideen anzustecken. Seit 2009 wehen bunte Fahnen mit dem "S" für Singularity vor ein paar schmucklosen Betonbauten. Das Logo erinnert ein wenig an das von Superman.

Tatsächlich klingt die Singularity-Theorie ziemlich nach Science-Fiction. Der "point of singularity" steht für den Moment, an dem Computer menschliches Verhalten perfekt simulieren können und klug genug sind, um sich selbst zu optimieren. Also für den Moment, von dem an Maschinen intelligenter werden als der Mensch.

Zu den bekanntesten Vertretern der Theorie gehört Raymond Kurzweil. Ein kleiner, drahtiger Mann mit Handy am Gürtel. Er glaubt, dass der Singularity-Moment innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre eintritt. "Niemand wird diese Entwicklung aufhalten", sagt er. Der 67-Jährige ist Mitbegründer der Singularity University und seit 2012 auch Director of Engineering von Google, einem der Konzerne, die die SU finanzieren. Kurzweil glaubt, der Mensch sei verpflichtet, Fortschritt durch Technologie ohne Denkverbote zu fördern. Er will, dass gesunde Kinder gezüchtet werden. Und: die Unsterblichkeit erreichen. Seine Kritiker werfen Kurzweil ethisch fragwürdige Positionen vor, außerdem unwissenschaftliches Arbeiten. Er trägt die Ehrendoktorwürde von 20 Universitäten.

An wen gibt er sein Wissen weiter – wer sind die Typen, die Zukunftsvisionen anhängen, in denen eine Maschine Gott ersetzt? Die etwas als ein großartiges Versprechen werten, was andere als apokalyptische Bedrohung fürchten? Sicher scheint: An der SU treffen sich Menschen, die in der Digitalisierung die größte Revolution der Menschheitsgeschichte sehen und nicht an morgen denken, sondern an überübermorgen. Wer an der SU ist, wurde andernorts nicht selten belächelt und vielleicht verrückt genannt.

Alles eine Frage der Perspektive. "Wer hierherkommt, ist hungrig, leidenschaftlich, will Verantwortung übernehmen. Ich habe nirgendwo sonst Menschen getroffen, die so offen sind für neue Ideen." Das sagt André Wegner, 31, ein Schlaks mit Hornbrille, der aussieht wie ein Student. Wegner spricht schnell, manchmal kann die Zunge dem Tempo seiner Gedanken nicht folgen, dann purzeln die Silben durcheinander. 2012 kam er für ein Sommercamp an die Singularity University und blieb danach gleich da, hat mit seinem Start-up Authentise ein Büro im Gebäude der SU bezogen. Während des Sommercamps kam Wegner die Idee für das Projekt. In Nigeria war gerade ein Flugzeug abgestürzt, weil eine Schraube fehlte und vor dem Start nicht ersetzt werden konnte. "Der Absturz hätte so einfach verhindert werden können", sagt Wegner. Mit seiner Idee, Authentise, einer Internetplattform, über die man Ersatzteile auf seinem 3-D-Drucker ausdrucken kann: Nieten, Klammern – oder eben Schrauben. 20 Millionen Dollar hat ein Investor Wegner für dessen Idee geboten. Aber Wegner verkauft nicht, ihm geht es nicht ums Geschäft. "Ich will die Welt verändern. Das ist die Aufgabe für Leute meiner Generation."

Die Welt verändern, niedriger setzt man auf dem Moffett Federal Airfield nicht an.

Ein paar Hundert Meter weiter sitzt Mike Snyder in einem der Labors von Made in Space. Der 28-Jährige ist ein XXL-Nerd, physisch und gedanklich. Bevor er mit Mitte 20 an die Singularity University kam, bastelte er in seinem Zimmer in Ohio an einem 3-D-Drucker für den Mars. Im Sommercamp rieten ihm seine Kommilitonen: Fang doch etwas kleiner an, mit der Internationalen Raumstation ISS. Heute schickt er als Forschungsdirektor des Start-ups Mails ins All. Im Anhang digitales Werkzeug, nur ein paar Megabyte groß, das in 400 Kilometer Höhe seine Form annimmt, in einem für die Schwerelosigkeit konzipierten 3-D-Drucker, Snyders Erfindung. "Werkzeuge schweben auf der ISS gern mal davon und verschwinden", sagt Snyder grinsend. "Das war bislang ein großes Problem." Dank Made in Space kann ein Großteil des Equipments, das bisher per Spaceshuttle zur Raumstation gebracht werden musste, direkt in der ISS produziert werden. "Das wird die Erforschung des Weltraums komplett verändern!"

Gewiss, es hat etwas Sektenhaftes. Wenn die Seminarteilnehmer hier Ideen beschwören, die binnen zehn Jahren angeblich das Leben von mindestens einer Milliarde Menschen verändern sollen: die bei der Bevölkerung des Alls helfen sollen oder Flugzeugabstürze verhindern. Wenn die Dozenten Bilder von ineinandergreifenden Zahnrädern an die Leinwand werfen, um zu zeigen, dass wir Gefangene eines Systems sind. Oder wenn Kurzweil die exponentielle Entwicklung der Technologien als Asteroideneinschlag der Neuzeit bezeichnet. "Überleben wird nur, wer sich auf den technologischen Fortschritt einlässt." Aber gleichzeitig fasziniert ihre Begeisterung. Als Technikchef bei Google bringt Kurzweil Computern gerade das Lesen bei. Sie sollen lernen, E-Mails zu verstehen und in Zusammenhängen zu denken. Sein langfristiges Ziel: Computer empathisch zu machen. Sie sollen uns besser kennen als unsere engsten Freunde, die Antworten auf unsere Fragen wissen, noch ehe wir sie gestellt haben. "Diese Entwicklungen werden unser Leben besser und effizienter machen", sagt Kurzweil. Überhaupt, das Leben: "Wir können in Zukunft mehrere Hundert Jahre alt werden. Molekülgroße Nanoroboter werden im Körper die Alterungsprozesse aufhalten."