Wir erinnern uns verschwommen an eine bedrohliche Situation – dabei könnte sie auch nie passiert sein.

Jörn L. ist gerade dabei, in sein Leben zu starten. Er hat einen Job angenommen, sich verlobt, ein Haus gekauft. Da kommt die Anzeige, im Mai 2007. Er soll elf Jahre zuvor ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht haben, in einer Kinderfreizeit, die er als Betreuer begleitete. Das Mädchen, inzwischen eine junge Frau, sagt aus, er habe zwei Mal sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen, einmal im Bett, einmal während sie auf einem Waschbecken saß. Der Richter am Amtsgericht glaubt ihr und verurteilt Jörn L. zu drei Jahren Haft.

Doch L. beteuert, er sei unschuldig; seine Verteidiger gehen in Berufung. Der Richter am Landgericht beauftragt eine Psychologin, sie soll die Aussage prüfen. Auch sie kommt zu dem Schluss, dass die Frau nicht lügt. Der Angeklagte sucht sich eine neue Verteidigerin, Elke Thom-Eben aus Düsseldorf, eine Fachanwältin für Strafrecht, und die wendet sich an die Psychologin Beate Daber. Sie kennt sich mit Zeugenaussagen aus und wird in solchen Fällen oft als Expertin hinzugezogen. Lügt die Frau nun oder nicht? "Das war die falsche Frage, besser gesagt, nicht die einzige", sagt Daber. "Schon der Richter am Amtsgericht, spätestens aber die Gutachterin hätte auch prüfen müssen, ob sie sich falsch erinnert." Ist so etwas möglich? Sich falsch zu erinnern, an einen Missbrauch? "Ja", sagt Daber, "unter bestimmten Umständen können Pseudoerinnerungen entstehen." Die hält das vermeintliche Opfer dann tatsächlich für die Wahrheit, es lügt also nicht. Nach Dabers Stellungnahme gibt das Landgericht ein zweites Gutachten in Auftrag, der Prozess dauert an. Jörn L. verliert seine Arbeit, seine Frau. Und er muss weiter mit dem schrecklichen Vorwurf leben.

Aussagen von Zeugen, auch von Opfern, sind vor Gericht das am häufigsten genutzte Beweismittel, oft sogar das einzige und nicht selten ausschlaggebend für eine Verurteilung. Zugleich sind sie das unzuverlässigste Beweismittel. Von mehr als 300 Schuldsprüchen, die in den USA durch DNA-Analysen im Nachhinein als Fehlurteile entlarvt wurden, gehen 72 Prozent unter anderem auf falsche Identifizierungen durch Augenzeugen zurück, hat die Organisation Innocence Project festgestellt.

Für Deutschland gibt es solche Zahlen nicht. "Hier ist die Lage sicher nicht ganz so dramatisch", vermutet der Rechtspsychologe Günter Köhnken von der Universität Kiel. "Aber ich habe den sehr starken Eindruck, dass sich weite Teile der Justiz und der Polizei des Problems nicht bewusst sind." Viele Strafverfolger und Richter wüssten einfach zu wenig darüber, wie unser Gedächtnis funktioniert, sagt Köhnken: "Die denken, da legt man einfach einen Schlauch ins Gehirn und dann tropft der reine Gedächtnisinhalt raus." Zugleich trauen sich viele Richter zu, die Glaubhaftigkeit einer Aussage selbst zu beurteilen, und fragen erst gar keine Sachverständigen.

Dabei häufen Hirnforscher und Psychologen mehr und mehr Belege dafür an, wie unzuverlässig unser Gedächtnis ist. Wir vergessen nicht nur. Wir vereinfachen, wir verdrehen, wir fabulieren, halten Gelesenes und Gehörtes für Erlebtes und erinnern uns sogar an niemals Geschehenes. Das tun wir alle, wir können gar nicht anders. Im Alltag führt das höchstens zum Streit mit dem Partner oder mit Freunden, die sich anders erinnern. Vor Gericht aber führt die geistige Unschärfe zu Fehlurteilen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Wie unser Gedächtnis uns täuschen kann, zeigt der Fall von Donald Thomson. Er wurde der Vergewaltigung verdächtigt, das Opfer gab sogar eine Täterbeschreibung ab, die exakt auf ihn passte. Doch anders als Jörn L. hatte Thomson ein erstklassiges Alibi. Er war zur Tatzeit in einer Live-Sendung im Fernsehen. Es stellte sich heraus, dass die Frau das Interview gesehen hatte, kurz bevor sie vergewaltigt wurde. Thomson ist übrigens Gedächtnisforscher – und das Thema der Sendung war: Wie lässt sich das Gedächtnis für Gesichter verbessern?

Die Episode ist ein Beispiel für einen weitverbreiteten Erinnerungsirrtum: die Fehlzuordnung. Dabei erinnert sich derjenige zwar im Prinzip richtig an ein Ereignis, ein Detail oder ein Gesicht (das Vergewaltigungsopfer hatte Thomson ja sehr genau beschrieben), stellt es aber in einen anderen Zusammenhang. Ähnliches geschieht, wenn Zeugen glauben, etwas selbst beobachtet zu haben, obwohl sie es nur in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen haben – oder ein Polizist den Vorgang in der Befragung erwähnt hat.