Eine Frau, die von ihrem Mann verprügelt wird, kann sich glücklich schätzen, wenn in ihrem Land außerdem noch ein Bürgerkrieg tobt. Dann hat sie nämlich eine Chance, in Deutschland Asyl zu bekommen. Wird sie aber in den albanischen Bergen von ihrer Familie mit dem Tod bedroht, sieht es schlecht aus für sie. Wer deshalb weitere Länder, in denen Frauen massiv unterdrückt und bedroht werden, für sicher erklärt, der weiß nichts von deren Lage dort – oder will es nicht wissen.

Seit Juli hat das Bundesamt für Migration mehr als 5.000 Asylanträge aus Albanien bearbeitet: Kein einziger wurde bewilligt. Deshalb, so der Zirkelschluss der CDU/CSU, drohe den Antragstellern in ihrer Heimat keine Gefahr. Letztes Jahr schon wurde entschieden, dass in Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina weder politische Verfolgung noch unmenschliche Behandlung stattfinde. Das bedeutet für die Flüchtlinge aus diesen Ländern, dass sie kein vollwertiges Asylverfahren mehr durchlaufen und noch schneller abgewiesen werden. Beim Asylgipfel am 9. September wird es darum gehen, auch Albanien, Montenegro und das Kosovo als sichere Herkunftsländer einzustufen. Die SPD, die sich um die Verdammten dieser Erde zu kümmern vorgibt, signalisiert Zustimmung.

So ganz sicher scheinen diese Herkunftsländer aber nicht zu sein, sonst könnten sie ja sofort in die EU aufgenommen werden, was vor allem aus einem Grund nicht geschieht: mangelnde Rechtsstaatlichkeit. Das klingt abstrakt, ist aber für viele Menschen dort eine Frage von Sein oder Nichtsein. Mangelnde Rechtsstaatlichkeit trifft immer die verletzlichen Gruppen. Auf dem Balkan sind das nicht nur die Roma, es sind die Frauen, die leiden, wenn der Staat nicht durchsetzungsfähig oder -willig ist.

In Albanien heißt das größte Problem der Frauen Kanun. Das ist ein mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht, das man der Einfachheit halber die Scharia der Albaner nennen kann. Demnach ist eine Frau nicht mehr als ein Schlauch, in dem Ware transportiert wird. Wesentliche Elemente des Kanun sind Selbstjustiz, Blutrache und Zwangsehe. Seit dem Ende des Kalten Krieges steigt die Zahl der Opfer. Der Kanun prägt sogar die heutige Rechtsprechung: Erst seit drei Jahren ist häusliche Gewalt eine Straftat. Konsequenzen für die Täter hat das selten. Die allermeisten Frauen ziehen ihren Antrag auf eine Schutzanordnung wieder zurück. Der albanische Staat schafft es auch nicht, seine Bürgerinnen vor Menschenhändlern zu schützen. Albanerinnen werden von Banden entführt und in die Prostitution gezwungen. Außerdem werden inzwischen so viele weibliche Föten abgetrieben, dass sich das Geschlechterverhältnis nachhaltig verschoben hat.

Das alles könnte man wissen, wenn man den Albanerinnen zuhörte. So wie die Behörden in Belgien. Dort hatte man Albanien 2012 zum sicheren Herkunftsland erklärt. In den Monaten danach wurden trotzdem 17,2 Prozent der Anträge bewilligt. Seit Oktober 2014 gilt Albanien in Belgien nicht mehr als sicher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Deutschland tut sich traditionell schwer mit weiblichen Flüchtlingen, erst seit 2005 ist geschlechtsspezifische Gewalt, die von Familienmitgliedern ausgeübt wird, ein Asylgrund. Weil dieses Ziel vor zehn Jahren als erledigt abgehakt wurde, geriet die Frage, wie es Frauen auf der Flucht geht, in Vergessenheit. Entgegen einer verbreiteten Meinung jammern Frauen kaum über ihr Schicksal, wenn sie beim Bundesamt vorsprechen: Viele, die Opfer von Gewalt wurden, müssen ermutigt werden, über ihre Erfahrungen zu reden. Rechtsanwälte beklagen, dass die Gespräche mit Antragstellern aus den Balkanländern nicht qualifiziert geführt würden. Sie dauerten oft nur 30 Minuten, dabei gehe es vor allem um den Reiseweg, damit in einen Drittstaat abgeschoben werden kann. Sich in dieser Zeit den Entscheidern anzuvertrauen erscheint vielen Frauen unmöglich.

Vielleicht ist es ein gedanklicher Spagat, das anzuerkennen. Die Genderdebatte hier wird dominiert von beleidigten Männern und jungen Frauen, die twittern, wer was in welchem Ton zu ihnen gesagt habe. Albanien und der Kanun sind davon sehr, sehr weit weg. Dabei könnten gerade die Frauen, die von dort herkommen, vom geballten deutschen Genderwissen profitieren. Zuwanderung bringt Veränderung, vielleicht sogar für Feministinnen.