Ohlstedt

Björn Panzer, Kommandeur

Es schüttet wie aus Kübeln, aber die Spezialpioniere der Bundeswehr sind anderes gewohnt. Die Hitze Malis, den Staub Afghanistans. Dort haben sie ihre Einsatzzelte Typ 2 schon aufgebaut. Und jetzt also hier, zwischen gediegenen Einfamilienhäusern in Ohlstedt. Kommandeur Björn Panzer ist mit 36 Mann aus Husum angerückt. Er sagt: "Es ist ein gutes Zelt, das sich im Einsatz bewährt hat." Nun ja, ein bisschen rustikal sei es schon. "Es ist für Soldaten gemacht." Drinnen, auf diesen 40 Quadratmetern, sei es mit acht bis zehn Personen recht eng. "Man muss sich vertragen können", sagt der Oberstleutnant, ein zupackender Mann. Fundament, Bodenplatte, Gestänge, olivgrüne Plane, hau ruck! – nach zwei Tagen Aufbauarbeit ist Ohlstedt um Wohnraum für gut 400 Flüchtlinge größer. Bis Ende September hat Hamburg die Zelte im Zuge der Amtshilfe bestellt. Doch manche Soldaten vermuten schon, dass sie noch länger stehen werden, auch wenn die Bundeswehr keine Heizungen mitgeliefert hat. Die muss die Stadt selbst von Firmen anmieten, falls es kühler wird. Und die Ohlstedter? "Das macht einen sauer!", zetert eine alte Frau auf dem Wochenmarkt. Andere kochen den Soldaten Kaffee, grillen abends mit ihnen. Die Flüchtlinge sind noch nicht eingezogen, da ist das erste Zelt schon halb voll. Mit Spenden.

Langenhorn

Michael Trautmann, Arzt

Seit wenigen Wochen ist die Stadtteilschule am Grellkamp für immer geschlossen, jetzt beherbergt sie 400 Flüchtlinge. Und einen Arzt. Michael Trautmann besichtigt den Flachdachpavillon, der bisher das Lehrerzimmer war. Hier wird jetzt Trautmanns Behandlungsraum entstehen. Noch fehlt fast alles, was er für seine Arbeit braucht. Er werde das Nötigste von zu Hause mitbringen, sagt der 59-Jährige: das Blutdruckmessgerät, die Untersuchungslampe und eine Liege. Sein Raum ist ein Provisorium, trotzdem eröffnet der Internist seine erste Sprechstunde. Er hat seinen Vorruhestand dafür aufgegeben. "Ich werde hier der Hausarzt sein", sagt Trautmann und klingt beschwingt. Viele pensionierte Kollegen tun es ihm gleich, sie wollen nicht tatenlos zusehen. Sein winziges Wartezimmer ist schnell voll, davor harren 40 Flüchtlinge in der Sonne aus. Die häufigsten Beschwerden sind Hautkrankheiten, Ohrenentzündungen, Kopfschmerzen – und Depressionen. Vieles sei auf mangelnde Hygiene während der Flucht zurückzuführen, sagt Trautmann, andere Krankheiten wie schlechte Zähne seien "typische Armutsfolgen". Ein Syrer macht ihm Sorgen. Der junge Mann hat Bombensplitter in den Beinen, die Wunden schmerzen. Trautmann hilft ihm, die Bürokratie für eine Operation zu bewältigen.

Innenstadt

Kulante Kontrolleure

Es war eine Mail nur für den Dienstgebrauch. "Sie sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen", sagt Rainer Vohl, der Sprecher des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV). Doch sie gelangte an die Öffentlichkeit. Die Bild-Zeitung titelte: "HVV drückt bei Flüchtlingen ein Auge zu". Das stimme natürlich nicht, sagt Vohl. Seine Stimme klingt entspannt – trotz der 920 überwiegend feindseligen oder rassistischen Kommentare, die daraufhin auf der Facebook-Seite des HVV zu lesen waren. Per interner Rundmail hatte der Leiter des Bereichs Tarif die Fahrkartenkontrolleure dazu aufgerufen, Asylbewerber mit "Augenmaß" zu kontrollieren. Den Flüchtlingen sei "der Tatbestand der fehlenden oder nicht gültigen Fahrkarte wegen Sprachproblemen kaum oder nur sehr schwer vermittelbar". Hintergrund für die Mail sei, sagt Vohl, dass Asylbewerber zwar meist gültige Fahrkarten bei sich hätten, aber manchmal eben nicht für die aktuelle Tageszeit oder den benutzten Streckenabschnitt. Dies sei übrigens auch bei Touristen und anderen Ausländern so. Sie verstünden manchmal nicht, dass sie mit einem Ticket nicht vor neun Uhr oder nicht zwischen 16 und 18 Uhr fahren dürften. In solchen Fällen halte er "Augenmaß" bei der Kontrolle durchaus für angebracht, sagt Vohl. Die interne Mail hat der HVV nicht zurückgezogen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jenfeld

Die Zeltstadt für 700 Flüchtlinge

Ein Infoblatt ging an die "lieben Nachbarinnen und Nachbarn". Nebenan, in der Zeltstadt im Jenfelder Moorpark, sei bei einigen der 700 Bewohnern die Krätze aufgetreten. Was das heißt? "Scrabies (Krätze) bedeutet, dass winzig kleine Milben sich in der Hornschicht der Haut ansiedeln und dort Juckreiz auslösen." Ist die Krankheit gefährlich? "Nein." Bald sollen alle Bewohner gleichzeitig behandelt werden, aber die Bestellung der Medikamente zieht sich. Oh, Jenfeld, du Ort für schlechte Nachrichten? Erst blockierten Anwohner den Aufbau der Zelte, jetzt auch noch die Krätze! Doch dann dieser Anblick: In der Abendsonne toben Kinder über den Spielplatz, Erwachsene spielen Fußball. Ein Afghane erzählt, dass sie hier jeden Tag freiwillig den Müll im Park einsammeln. Und nebenan hat Torsten Niehus sein Jugendzentrum geöffnet. Es ist zum Wohnzimmer der Flüchtlinge geworden. "Alles läuft prima", sagt er, "wir haben null Probleme." Vor den PC-Bildschirmen sitzen drei Afrikaner und kommunizieren per Facebook mit der Heimat. Eine Familie hält einen Tablet-Computer vor den Kinderwagen, damit der Opa zu Hause via Skype seinen Enkel sehen kann. Andere spielen ein Brettspiel, es heißt Trans Europa. Und die Krätze? Ach, die. "Wenn hier einer kommt, geb ich ihm die Hand", sagt Niehus. "Danach wasche ich sie mir halt, und gut is."