Wütender Empfang: Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau © Sean Gallup/Getty Images

Wann hat es angefangen? Vielleicht vor einem Jahr. Es war ein lauer Abend im Juli. An den Tischen auf dem Bürgersteig beim Italiener tranken die Gäste Weißwein. Da geschah etwas, das in Berlin recht oft passiert: Mit einem Mal war die viel befahrene Rosenthaler Straße nicht mehr viel befahren, dafür rollte langsam ein Polizeimotorrad heran. Es blieb stehen, Stille trat ein. Dann hörte man die Rufe: eine Demonstration. Im Schnitt gibt es davon in Berlin täglich 13 Stück, gegen und für so ziemlich alles. Eine kleine Demo ist also noch nichts, was einen vom Weißweintrinken abhalten würde. Doch allmählich wurde das Durcheinander der kräftigen Männerstimmen lauter, dann war klar und deutlich zu hören, was sie riefen:

"Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!"

Einer der Demonstranten schwenkte die palästinensische Flagge.

Schweigen an den Restauranttischen. Lange Blicke in die Weingläser.

In den Tagen darauf konnte man lesen, die Muslime hätten den Antisemitismus zurück nach Deutschland gebracht. Beziehungsweise: "die enthemmten Muslime", wie das Magazin Cicero schrieb. Alexander Gauland von der Alternative für Deutschland gab ein Statement ab: Die Vorfälle zeigten, dass multikulturelle Träume an der Wirklichkeit zerschellten.

Es meldeten sich also diejenigen zu Wort, die den Schock schnell überwunden hatten und zum Gegenangriff übergegangen waren. Alle anderen konnten lange nicht glauben, was geschehen war: Im sanften Licht eines endenden Sommertages war einem in der Mitte Berlins der blanke Hass begegnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Vielleicht hat es da angefangen. Vielleicht dachte man da das erste Mal: Es gibt ja Leute, die andere richtig hassen. Sie hassen niemanden, der ihnen persönlich etwas angetan, der sie belogen und verraten hätte, sondern sie hassen Menschen, die ihnen vollkommen unbekannt sind.

Der Hass, dieses starke Gefühl, war ein bisschen in Vergessenheit geraten. Er schien schon gar nicht mehr zum emotionalen Repertoire des modernen Menschen zu gehören. Wie die Tugendhaftigkeit und die Galanterie war auch der Hass mit der Geschichte untergegangen.

Heute werden raufende Schuljungen zum Anti-Aggressions-Training geschickt. Führungskräfte lassen sich vom Coach erklären, wie man Mitarbeitern in nettem Ton Weisungen erteilt. Über alles kann man reden, für jedes Problem findet man eine Lösung oder wenigstens einen Kompromiss.

Doch mitten unter uns gibt es auf einmal ziemlich viele Menschen, die überhaupt keine Lust mehr auf Gespräche und Kompromisse haben. Die Deutschpalästinenser jedenfalls, die durch Mitte zogen, wirkten nicht so, als hätten sie Freude am Austausch von Argumenten.

Es scheint fast modern geworden sein, zu hassen: irgendeine Gruppe von Menschen schlicht und einfach zu verabscheuen. Ende der Diskussion.

Zum Beispiel ist es jetzt offenbar okay, Ausländer zu hassen. Wer sich dem Trend anschließen will, begibt sich zum nächstgelegenen Asylbewerberheim, wo er sehr wahrscheinlich auf Gleichgesinnte treffen wird. Oder er kommentiert auf der Facebook-Seite von Til Schweiger den Post, in dem der Schauspieler dazu aufruft, Hamburger Flüchtlinge zu unterstützen.

Seitdem im letzten Herbst Pegida auf den Plan trat, versammeln sich regelmäßig Menschen in Fußgängerzonen, um ihre Heimatliebe in ein Megafon zu brüllen. Wobei Heimatliebe offenbar bedeutet, die richtigen Leute zu hassen.

Die Gegendemonstrationen, die diese Versammlungen hervorrufen, sind nicht harmloser. Gewalttätigen Protest gibt es, seitdem es Legida gibt, die Leipziger Variante von Pegida. Im Namen des Antirassismus fliegen Pflastersteine. Auf die Leipziger Firma, deren Geschäftsführerin die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ist, haben Autonome gerade eine Buttersäure-Attacke verübt, um auf die "sich drastisch zuspitzende rassistische Stimmung in Deutschland" aufmerksam zu machen, wie es im Bekennerschreiben heißt.

Eine andere Spielart linker Gewalt: Polizeiwagen anzünden, so geschehen im März bei der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes in Frankfurt.

Und dann wäre da noch, weder rechts noch links, nur brutal: der IS. Der Zulauf aus westlichen Ländern, auch aus Deutschland, ist ungebrochen. Die Zahl der jungen Frauen, die sich vom IS rekrutieren lassen, hat sich nach Angaben des Verfassungsschutzes im vergangenen halben Jahr sogar verdoppelt.