Wann hat es angefangen? Vielleicht vor einem Jahr. Es war ein lauer Abend im Juli. An den Tischen auf dem Bürgersteig beim Italiener tranken die Gäste Weißwein. Da geschah etwas, das in Berlin recht oft passiert: Mit einem Mal war die viel befahrene Rosenthaler Straße nicht mehr viel befahren, dafür rollte langsam ein Polizeimotorrad heran. Es blieb stehen, Stille trat ein. Dann hörte man die Rufe: eine Demonstration. Im Schnitt gibt es davon in Berlin täglich 13 Stück, gegen und für so ziemlich alles. Eine kleine Demo ist also noch nichts, was einen vom Weißweintrinken abhalten würde. Doch allmählich wurde das Durcheinander der kräftigen Männerstimmen lauter, dann war klar und deutlich zu hören, was sie riefen:

"Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!"

Einer der Demonstranten schwenkte die palästinensische Flagge.

Schweigen an den Restauranttischen. Lange Blicke in die Weingläser.

In den Tagen darauf konnte man lesen, die Muslime hätten den Antisemitismus zurück nach Deutschland gebracht. Beziehungsweise: "die enthemmten Muslime", wie das Magazin Cicero schrieb. Alexander Gauland von der Alternative für Deutschland gab ein Statement ab: Die Vorfälle zeigten, dass multikulturelle Träume an der Wirklichkeit zerschellten.

Es meldeten sich also diejenigen zu Wort, die den Schock schnell überwunden hatten und zum Gegenangriff übergegangen waren. Alle anderen konnten lange nicht glauben, was geschehen war: Im sanften Licht eines endenden Sommertages war einem in der Mitte Berlins der blanke Hass begegnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Vielleicht hat es da angefangen. Vielleicht dachte man da das erste Mal: Es gibt ja Leute, die andere richtig hassen. Sie hassen niemanden, der ihnen persönlich etwas angetan, der sie belogen und verraten hätte, sondern sie hassen Menschen, die ihnen vollkommen unbekannt sind.

Der Hass, dieses starke Gefühl, war ein bisschen in Vergessenheit geraten. Er schien schon gar nicht mehr zum emotionalen Repertoire des modernen Menschen zu gehören. Wie die Tugendhaftigkeit und die Galanterie war auch der Hass mit der Geschichte untergegangen.

Heute werden raufende Schuljungen zum Anti-Aggressions-Training geschickt. Führungskräfte lassen sich vom Coach erklären, wie man Mitarbeitern in nettem Ton Weisungen erteilt. Über alles kann man reden, für jedes Problem findet man eine Lösung oder wenigstens einen Kompromiss.

Doch mitten unter uns gibt es auf einmal ziemlich viele Menschen, die überhaupt keine Lust mehr auf Gespräche und Kompromisse haben. Die Deutschpalästinenser jedenfalls, die durch Mitte zogen, wirkten nicht so, als hätten sie Freude am Austausch von Argumenten.

Es scheint fast modern geworden sein, zu hassen: irgendeine Gruppe von Menschen schlicht und einfach zu verabscheuen. Ende der Diskussion.

Zum Beispiel ist es jetzt offenbar okay, Ausländer zu hassen. Wer sich dem Trend anschließen will, begibt sich zum nächstgelegenen Asylbewerberheim, wo er sehr wahrscheinlich auf Gleichgesinnte treffen wird. Oder er kommentiert auf der Facebook-Seite von Til Schweiger den Post, in dem der Schauspieler dazu aufruft, Hamburger Flüchtlinge zu unterstützen.

Seitdem im letzten Herbst Pegida auf den Plan trat, versammeln sich regelmäßig Menschen in Fußgängerzonen, um ihre Heimatliebe in ein Megafon zu brüllen. Wobei Heimatliebe offenbar bedeutet, die richtigen Leute zu hassen.

Die Gegendemonstrationen, die diese Versammlungen hervorrufen, sind nicht harmloser. Gewalttätigen Protest gibt es, seitdem es Legida gibt, die Leipziger Variante von Pegida. Im Namen des Antirassismus fliegen Pflastersteine. Auf die Leipziger Firma, deren Geschäftsführerin die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ist, haben Autonome gerade eine Buttersäure-Attacke verübt, um auf die "sich drastisch zuspitzende rassistische Stimmung in Deutschland" aufmerksam zu machen, wie es im Bekennerschreiben heißt.

Eine andere Spielart linker Gewalt: Polizeiwagen anzünden, so geschehen im März bei der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes in Frankfurt.

Und dann wäre da noch, weder rechts noch links, nur brutal: der IS. Der Zulauf aus westlichen Ländern, auch aus Deutschland, ist ungebrochen. Die Zahl der jungen Frauen, die sich vom IS rekrutieren lassen, hat sich nach Angaben des Verfassungsschutzes im vergangenen halben Jahr sogar verdoppelt.

Hass ist nie harmlos

Vor einigen Wochen hat der Bundesinnenminister seine Statistik zur politisch motivierten Kriminalität für das Jahr 2014 vorgestellt.

Politisch motivierte Ausländerkriminalität, womit unter anderem die Unterstützung terroristischer Vereinigungen wie des IS gemeint ist: sprunghafter Anstieg bei den Gewalttaten um 133,5 Prozent auf 390 Fälle.

Linksextremismus: 8113 Straftaten, Zahl der Gewalttaten auf dem hohen Niveau der Vorjahre bei 1664 Fällen.

Bilanz der rechten Szene: 17.020 Straftaten, Anteil der Gewalttaten stark steigend, nämlich um 22,9 Prozent auf 1029 Fälle.

Das Ministerium fasst es so zusammen: "Die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten hat seit Beginn der Erfassung 2001 einen absoluten Höchststand erreicht." Allein im vergangenen Mai wurden laut Bundesregierung 68 Menschen durch Rechtsextreme und 39 durch Linksextreme verletzt.

Man blickt von Deutschland aus gern kopfschüttelnd auf Konflikte anderswo: Schlimm, dieser Rassismus in Amerika! Unglaublich, die Homophobie in Russland! Und können die Türken nicht endlich mal die Kurden in Ruhe lassen? Dabei gibt es Hass auch heute hier bei uns. Offenbar haben wir ihn gar nicht abgeschafft. Oder er ist wieder da. Wie konnte das passieren?

Juliane Grossmann schreibt seit 2006 ein Blog über den jüdischen Alltag in Berlin. Sie ist einiges gewohnt an Antisemitismus, sagt sie. Sie wurde 1976 geboren und ist in der DDR aufgewachsen. Religiös zu leben war dort kaum möglich. Koscheres Essen bekam man nicht. Ständig musste man Repressalien befürchten, zum Beispiel nicht zum Studium zugelassen zu werden. Als die Mauer fiel, hatten alle jüdischen Gemeinden der DDR zusammengenommen 400 Mitglieder. In den 2000er Jahren, als Juliane Grossmann studierte, jobbte sie im Jüdischen Museum in Berlin als Aufsicht. Nett aussehende ältere Touristen aus Bayern, in Multifunktionsjacken gekleidet, erklärten ihr, warum es doch für alle Beteiligten besser wäre, wenn sämtliche Deutschen jüdischen Glaubens nach Israel auswandern würden. Andere Besucher empfanden die aufwendigen Sicherheitskontrollen im Museum als Gängelung und sagten zu den Kartenabreißern: "Das ist ja wie im KZ hier." Oder: "Das ist wohl eure Rache an uns." Im Pausenraum des Museums lag ein Buch aus, in dem die Mitarbeiter solche Erlebnisse notierten.

In den Wochen, als in Berlin die antisemitischen Parolen durch die Straßen hallten, erhielt Juliane Grossmann einen Kommentar von einem anonymen Blog-Leser.

"Nirgendswo auf der Welt gibt es ein anderes Volk dass so verhasst ist wie ihr Juden. Es ist keine Angelegenheit seit 1933; schaut in die Geschichte. Ihr Juden seit keine Menschen, sondern eine Krankheit, das man vermeiden muss. Eines Tages wird für euch Juden ein böses Erwachen geben, so dass ihr sogar Hitler um Hilfe bitten werdet."

Diesmal hatte Juliane Grossmann keinen jener älteren Herren vor sich, die sie sich im Museum dann immer zum Spaß in SS-Uniform vorgestellt hatte. Vor ihr leuchtete nur der Bildschirm ihres Rechners. Kein Name stand unter dem Kommentar, keine E-Mail-Adresse. Es war eine Stimme aus dem Nichts, kein Gesicht, keine Geschichte.

Juliane Grossmann schaffte nicht, was ihr im Museum immer gelungen war, nämlich zu denken: Was soll’s, manche Leute kommen eben nicht klar. Stattdessen las sie die Zeilen wieder und wieder. Sie suchte nach einem Hinweis, der ihr doch etwas über den Absender und seine Beweggründe verraten würde. Alles, was sie feststellen konnte, war, dass der Autor dieser Zeilen weder Grammatik noch Rechtschreibung beherrschte.

Es entsteht leicht der Eindruck, dieser Hass, den ein paar versprengte Spinner im Internet ablassen, sei harmlos: unangenehm vielleicht, aber nicht weiter schlimm. Trolle nennen wir diese Menschen etwas verniedlichend und stellen sie uns in dunklen, einsamen Wohnungen vor ihren Rechnern sitzend vor. Doch Hass ist nie harmlos, und Hass auf soziale Gruppen sät immer Zwietracht. Er schadet nicht nur einem Einzelnen, er verunsichert alle Angehörigen einer Gruppe. Wenn eine Frau bedroht wird, weil sie Jüdin ist, fangen andere an, darüber nachzudenken, ob und wo sie von diesem Teil ihrer Identität noch sprechen wollen.

Juliane Grossmann erstattete Anzeige, obwohl sie ahnte, dass es aussichtslos war. Sie wollte nicht, dass diese Sache sich einfach verflüchtigte. Nach einigen Telefonaten mit der Polizei wurden die Ermittlungen eingestellt. Immerhin, sagte Juliane Grossmann sich, ging der Fall jetzt als Zahl in die Statistik der Berliner Polizei ein.

Über das, was sie erlebt hatte, veröffentlichte sie einen Post. Es war ein weiterer Versuch, sich nicht mehr so hilflos zu fühlen. Vielleicht, dachte sie auch, würde der Absender sich ja noch einmal zu einem Kommentar hinreißen lassen, vielleicht würde er sich verraten. Doch sie hörte nie wieder etwas von ihm. Er war, so vermutet sie, längst weitergezogen. Juliane Grossmann hat die hasserfüllten Worte nicht gelöscht, auf ihrem Computer liegen sie immer noch im Ordner "nicht freigeschaltete Kommentare".

Die Wissenschaft hat sich lange mit der Frage beschäftigt, wie Hass in Gruppen organisiert wird. Was macht einen Anführer aus? Sind Anführer fanatischer als ihre Gruppe, oder sind sie berechnende Antreiber eines blindwütigen Haufens?

Heute sind Anführer und Gruppen nicht mehr so wichtig. Heute kann jeder für sich allein hassen. Man klappt seinen Rechner auf und tippt los.

Autoritäten lösen sich auf, Loyalitäten auch. Wir leben bekanntlich im Zeitalter des Individualismus. Vielleicht haben wir uns zu sehr darauf verlassen, dass der kollektive Hass sich damit von selbst erledigt hat. Kollektiver Hass bedeutet, dass man bestimmte Menschen nur deshalb nicht ausstehen kann, weil sie einer sozialen Gruppe angehören. Man reduziert sie in negativer Weise auf ein einziges Merkmal – die Zugehörigkeit zu ebenjener Gruppe – und lässt sie nichts anderes mehr sein. Es ist erstaunlich, dass so ein Denken heute noch möglich ist: Wenn man für sich in Anspruch nimmt, ein Individuum zu sein, und nach diesem Anspruch auch nur halbwegs lebt – wie kann man dann behaupten, man wisse alles über einen Menschen, obwohl man beispielsweise nur weiß, in welchem Land seine Eltern geboren wurden?

Der Hass ist beweglicher und unübersichtlicher geworden

Man nimmt von sich selbst an, einzigartig zu sein, von anderen aber nicht. Wer heute hasst, muss diesen gedanklichen Widerspruch hinbekommen. Das könnte dann so aussehen: Beim Therapeuten leuchtet man den letzten Winkel seiner komplizierten Seele aus, ist aber überzeugt, das Wesen eines arabischen Einwanderers mit einem Blick erfassen zu können. (Zu den Hassenden gehören ja durchaus reflektierte, etablierte Menschen.)

Die Auflösung des Gruppenzwangs hat das Hassen leichter gemacht. Man muss sich heute nicht unbedingt einer Gruppierung anschließen, um Abscheu und Ressentiment zu leben – etwa einem Haufen Neonazis oder palästinensischer Jungmänner. Man muss sich nicht der heiklen Dynamik einer aggressiven Gruppe ausliefern. Juliane Grossmann ist auf allen Social-Media-Kanälen vertreten, Twitter, Facebook, Instagram, Tumblr: Sie ist leicht erreichbar für alle. Und wenn man keine Lust mehr hat auf Streit mit ihr, klappt man den Rechner wieder zu.

In der Auseinandersetzung über diese Auswüchse der modernen Debattenkultur wird häufig behauptet, das Problem sei die Anonymität im Netz. Wer seinen Namen nennen müsse, der werde sich zügeln. Anscheinend ist Anonymität aber gar nicht so entscheidend – auf Facebook posten die Leute auch unter echtem Namen ihren Hass. Entscheidend ist, dass man nicht den Gesichtsausdruck derjenigen ertragen muss, die man gerade beleidigt hat. Und dass man keine Gegenwehr zum Beispiel in Form einer Ohrfeige riskiert.

Man muss sich nicht einmal festlegen, wen man hassen will. Es wird heute nicht mehr in Lagern gehasst, wie alles in unserer Welt ist auch der Hass beweglicher und damit unübersichtlicher geworden. Zahlreiche linke Feministinnen haben überhaupt kein Problem damit, fremdenfeindlich zu sein und voller Verachtung von gläubigen Musliminnen zu sprechen. Wenn man will, kann man jeden Tag jemand anderen hassen: heute Pelzjackenträger, Spätgebärende aus Berlin-Prenzlauer Berg und Christian Wulff, jeweils als Vertreter des Establishments, und morgen diejenigen am unteren Ende der Hackordnung, also zum Beispiel Pleite-Griechen, bettelnde Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger. Oder man hasst sie alle gleichzeitig.

Die Frage ist: Wie schafft es der Hass, sich zu erhalten, so ganz ohne Anführer? Warum weicht er nicht dem mehr oder weniger gutmütigen Pragmatismus, der einen durchs Leben bringt? Warum wird der Hass nicht zerrieben vom Alltag, wie so viele andere Prinzipien, die an der Realität scheitern? Kurz: Wie bleibt man Fanatiker, wenn es keinen Gruppenzwang gibt?

Bei der Suche nach einer Antwort hilft es, den Hass mit der Liebe zu vergleichen.

Dass die beiden Gefühle viel miteinander zu tun haben, erkennt man sofort, wenn man einen Blick in sein Bücherregal wirft. Man kann es so sagen: Handelt ein Roman nicht von der Liebe, handelt er vom Hass.

In der Hirnforschung gilt die Verwandtschaft zwischen Hass und Liebe sowieso als erwiesen: Hass zeigt ein bestimmtes Aktivitätsmuster im Gehirn, es unterscheidet sich von dem Muster, das von Angst und von Wut ausgelöst wird. Doch es ähnelt demjenigen, das die romantische Liebe hervorruft. Beide Gefühle, Hass und Liebe, aktivieren dieselben zwei Hirnareale: das Putamen und die Inselrinde.

Vor allem aber gleichen Hass und Liebe sich darin, dass beide von der Treue leben.

Hass ist ein Gefühl tiefer Abneigung, das sich dauerhaft etabliert. Ein Affekt wird verstetigt. Hass verhält sich zur Wut wie Liebe zur Erotik: Wut und Erotik vertragen keinen Aufschub, aber Hass und Liebe sind geduldig, Gefühle, die sich ewig erneuern. Man lässt nicht los, wenn man hasst. Man beißt sich fest, sehnt sich nach Begegnungen mit dem Hassobjekt, stellt ihm nach wie ein Liebender seiner Angebeteten. Vernünftig wäre ja die Annahme: Wenn man jemanden hasst, versucht man, ihm aus dem Weg zu gehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer hasst, scannt das Internet, um dort auf jene zu treffen, mit denen er nichts zu tun haben will. Und wie in der unerfüllten Liebe jeder Blick, jedes Wort, jede SMS wieder Hoffnung bringt und alle Vorsätze zunichtemacht, endlich zur Vernunft zu kommen, so lässt jede Nichtigkeit den Hass aufflammen.

Anfang des Jahres beschloss das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, auf bezirkseigenen Werbeflächen keine sexistischen Motive mehr zuzulassen. Man hätte diese Meldung leicht überlesen können, so wie man die meisten Meldungen aus dem Bezirksamt überliest, zum Beispiel die, in der es um einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung einer Toilettenanlage geht.

Doch die Drucksache DS/1013-01/IV erregte die Aufmerksamkeit überregionaler Medien. Kolumnisten von ZEITmagazin und Spiegel Online verteidigten die Demokratie und die Freiheit Deutschlands gegen den feministischen Überwachungsstaat. In Nordrhein-Westfalen äußerte sich der Landesverband der AfD auf Facebook. In den Kommentaren dazu ging es schnell nicht mehr um Werbung, sondern um die Grünen und ihre Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann:

"Es gibt GRÜNE-Frauen, würde man einen Mann an diese Frauen festschweißen, der Mann würde sofort damit beginnen, sich loszurosten."

"Nur Scheiße im Hirn, nichts Sinnvolles"

"Wer, um alles in der Welt, wählt so ein lebensfremdes Neutrum zum Bürgermeister???"

"Nur Scheiße im Hirn, nichts Sinnvolles."

In Wirklichkeit war die Geschichte komplizierter, dafür aber sehr viel weniger dramatisch, als man es sich in Nordrhein-Westfalen vorstellte. Folgendes war passiert: Das Bezirksamt kümmert sich nicht nur um öffentliche Klos, sondern ist auch im Besitz von 32 Werbeflächen. Die Vermarktung übernimmt die Firma Ströer. Mit Ströer gibt es aufgrund eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung folgende Absprache: Wenn die Werbung sexistisch ist, soll sie nicht auf einer der bezirkseigenen Flächen gezeigt werden. Die Kriterien, was sexistisch ist und was nicht, entsprechen weitgehend denen des Deutschen Werberats. Das heißt: keine Darstellung von Nacktheit ohne inhaltlichen Zusammenhang, keine Verharmlosung von sexueller Gewalt und so weiter. Zeigt also die Werbung eines Rohrreinigungsunternehmers einen unbekleideten Frauenhintern und macht dazu einen naheliegenden Witz, wird das Motiv nicht auf einer der Werbeflächen hängen, die dem Bezirk gehören. Auf allen anderen der Zehntausenden Flächen in Berlin darf der Hintern hängen, solange sich niemand beim Werberat beschwert. Ein Bezirksamt kann keine Werbung verbieten. Es kann nur jene Kunden ablehnen, mit denen es nicht zusammenarbeiten will. So wird es zum Beispiel in Ulm und Bremen seit 15 Jahren gehandhabt.

Am Telefon sagt der Sprecher des Bezirksamts: Er würde sich freuen, wenn es ähnliche Aufmerksamkeit für andere Initiativen gäbe, etwa für das neue Videoangebot in Gebärdensprache für Hörbehinderte.

Doch warum sollte das den Hassenden interessieren? Es geht ihm ja nicht um Berliner Stadtpolitik: Es geht ihm um sein eigenes großes Gefühl, und große Gefühle brauchen keine Argumente. Wer Sorge hat, dass in Deutschland der Sexismus ausstirbt, könnte sich auch vor Augen halten, dass Flatrate-Puffs immer noch legal sind. Aber die Wirklichkeit ist dem Hass egal – auch darin ist er der Liebe verwandt. Um das berühmte Liebesgedicht von Erich Fried abzuwandeln: Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt der Hass.

Wenn der Hass aber so wenig mit der Realität zu tun hat, wie entsteht er dann? Warum verwendet jemand freiwillig so viel Energie darauf, andere zu verabscheuen, wo es doch viel Schöneres auf der Welt zu erleben gibt?

Im Hassenden muss etwas wirken, das noch mächtiger ist als der Wunsch, in Frieden zu leben. Es ist seine eigene Verletzlichkeit.

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hat ein Buch mit dem Titel Die narzisstische Gesellschaft geschrieben. Seine These lautet sinngemäß so: Die Menschen seien schon immer narzisstisch gewesen, das gehöre zu ihrem Wesen. Doch heute werde Narzissmus nicht nur toleriert, sondern belohnt. Ein Narzisst ist jemand, dessen Selbstliebe von der Bestätigung anderer abhängt. Er sucht also nicht nach Liebe und Nähe, die immer Schmerz und Streit mit sich bringen – der Narzisst sucht nach Bewunderung. Und damit wird heute großzügig umgegangen: Wer bewundert werden will, findet ganz sicher ein Publikum, und wenn es nur die 1000 Menschen sind, die einem auf Instagram folgen und Komplimente zum neuen Schuhwerk machen. Man überlässt es heute nicht mehr den Profis, sich in Szene zu setzen. Welche meiner Witze kommen gut an? Welches Reiseziel lässt mich weltläufig erscheinen? Wie muss ich auf Fotos gucken, damit man mein Doppelkinn nicht sieht? Mit diesen Fragen setzt man sich heute wie selbstverständlich auch dann auseinander, wenn man keine Person des öffentlichen Lebens ist, sondern nur einen Facebook-Account hat.

Wer ein narzisstisches Defizit hat, ist wahrscheinlich gut darin, die richtigen Antworten auf diese Doppelkinn-Fragen zu finden – besser jedenfalls als der, dem es nicht ganz so wichtig ist, welches Bild er abgibt. Als Narzisst kann man es heute also weit bringen. Die Achillesferse des Narzissten aber ist seine Kränkbarkeit.

Denn er ist nicht nur auf den Applaus anderer aus, er verliert auch die Orientierung, wenn der Applaus ausbleibt. Wir erinnern uns an die Mythologie: Narziss wollte immer nur sich selbst sehen. Ein Narzisst muss sich spiegeln in seinen Mitmenschen, um sich zu spüren, und kann es nicht fassen, wenn jemand etwas anderes denkt und fühlt als er selbst.

Ein Stück Stoff, das eine Frau sich als Ausdruck ihres Glaubens an Gott um den Kopf bindet, kann dann als Provokation empfunden werden. Umgekehrt funktioniert es natürlich auch: Dann besteht die Brüskierung darin, dass eine Frau ihr Haar nicht bedeckt.

Die bayerischen Touristen, die im Jüdischen Museum die Aufseher beschimpfen, die deutschen Palästinenser, die die Juden hassen, die Steine werfenden Linksextremisten und die brandstiftenden Fremdenhasser: Sie ertragen ihr Gegenüber nicht, weil sie sich darin beim besten Willen nicht wiedererkennen.

"Kein Mensch", schreibt Hans-Joachim Maaz, "hätte Interesse, andere zu verfolgen und schlechtzumachen, wenn er nicht selbst auf narzisstischer Kränkungswut wie auf einem Pulverfass sitzen würde."

Wenn man sich bedroht fühlt, fällt das Hassen leicht. Es ist gut möglich, dass es sich dann wirklich so anfühlt, als suche man Schutz. Nicolaus Fest, Journalist und Sohn des verstorbenen FAZ- Herausgebers Joachim Fest, ausgestattet mit allen Privilegien, die dieses Land zu bieten hat, sagte neulich in einem Interview mit der rechtsradikalen Zeitung Junge Freiheit, er mache sich wegen der vielen Flüchtlinge so große Sorgen um Deutschland, dass er seinen Kindern geraten habe, später mal das Land zu verlassen. Nachdem er seinen Posten in der Chefredaktion der Bild- Zeitung wegen eines diskriminierenden Kommentars aufgeben musste, schreibt Fest inzwischen ein Blog, fast für sich allein. Manchmal bekommt er ein paar Kommentare. Über viele Zeilen ist von Kopfabschneidern und Vergewaltigern die Rede: Es ist die Stimme eines Mannes, der mit dem Rücken zur Wand steht.

57 Prozent der Deutschen fühlen sich inzwischen vom Islam bedroht, unabhängig vom Bildungsniveau. Das hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung festgestellt. Man glaubt, man könne den Islam besser ertragen, wenn man ihn nicht vor Augen hat: Keine Minarette sollen zu sehen sein, das Schächten ist verboten. Andersherum klappt es mit der Anpassung noch nicht so gut: Jedes Jahr verbringen 100.000 Deutsche ihren Urlaub auf den Malediven, in einem streng islamischen Land, wo sie sich knapp bekleidet an den Strand legen und sich einen bunten Cocktail genehmigen.

Hass ist heute ein schambesetztes Gefühl

Hassen ist wie süchtig sein. Die Droge Hass hilft eine Weile lang dabei, den eigenen Schmerz, die Angst zu vergessen. Manchen Abhängigen gelingt der Entzug. Wer es schafft, seinen Hass zu überwinden, wirkt erleichtert. Eine junge Ex-Salafistin erzählt in einem Fernsehinterview über ihr früheres Ich: "Man hat nicht mehr die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Mein Horizont war sehr eng, ich konnte nur noch in eine Richtung denken." Sie klingt tatsächlich wie jemand, der vom Alkohol losgekommen ist.

Der erste Schritt zur Überwindung einer Sucht ist das Eingeständnis: Ja, ich bin abhängig. Es ist auch der schwerste Schritt. Viele Menschen, die andere hassen, behaupten, sie hätten nur eine pointierte Meinung.

Hass ist heute ein schambesetztes Gefühl. Man gibt nicht gern zu, dass man hasst. Es hassen immer nur die anderen. Selbst wenn einem schon der Schaum vor dem Mund steht, tut man noch so, als argumentiere man. Denn Hass verkörpert, was wir auf keinen Fall sein wollen: unseren Emotionen ausgeliefert, ein Nervenbündel, ineffizient, verwirrt. Gerade in gebildeten Schichten ist Hass ein Tabu. Dort fällt es noch schwerer, zuzugeben, dass Gefühle die Wahrnehmung bestimmen können und man manche Leute einfach nicht ausstehen kann. Niemand, der für voll genommen werden will, räumt ein, dass er hasst.

Wie angestrengt wir heute leugnen. Das war im Mittelalter noch anders. Damals war man stolz auf seinen Hass. Die Bibel las man so, dass man sich in Rachsucht und Abscheu bestärkt fühlen konnte. So beschreibt es der Mentalitätenforscher Peter Dinzelbacher. "Zentral für das Mittelalter ist der biblische Hintergrund, der Hass legitimiert hat und beliebig gegen alle Feinde angewandt wurde."

Es gibt in der Bibel einige Textstellen, die einem gut dazu dienen können, Abneigungen und Gewalt zu rechtfertigen. "Sollte ich nicht hassen, die dich, Herr, hassen?", heißt es in Psalm 139. "Ich hasse sie mit vollkommenem Hass."

Ein anderer Psalm geht so: "Aber du, Herr, wirst ihrer lachen und aller Heiden spotten. Vertilge sie ohne alle Gnade; vertilge sie, dass sie nichts seien."

Die Männer zum Beispiel hassten im Mittelalter zutiefst die Frauen. Die Forschung erklärt das heute mit der Einführung des Zölibats im 11. Jahrhundert. Doch damals lautete die Begründung für den Frauenhass folgendermaßen: Mit den Heiden in der Bibel seien die Frauen gemeint, sie seien keiner Gnade würdig. Männer verbrachten Tage, Jahre, ganze Leben damit, Frauen zu hassen. Die Frauen hassten die Männer zurück, so gut sie konnten. Grausamste Rachegeschichten sind überliefert, von Nonnen, die abgetrennte Hoden verspeisten.

Doch das ist lange her. Die Aufklärung hat das Ideal des rationalen Menschen geprägt. Die Fluchpsalmen wurden 1971 von Papst Paul VI. aus den Stundengebeten gestrichen, die im Kloster gesprochen werden. "Wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten", wie es in der Begründung hieß.

Wer heute hasst, der muss subtil vorgehen, um gehört zu werden. Einer Bezirksbürgermeisterin auf Facebook vorzuwerfen, dass man sie nicht attraktiv genug findet, um sie im Bett beglücken zu wollen, obwohl das auch gar niemand verlangt hat – das ist zum Beispiel eine verquere und daher sehr zeitgemäße Art, seine Abneigung gegen Frauen auszudrücken.

Weil heute jeder seinen Hass verbirgt, ist die Sprache der Hassenden umständlich geworden. Sie hat mal von Metaphernreichtum, von bildhaften Vergleichen und Verwünschungen gelebt, all das hat sie heute eingebüßt. Das nordkoreanische Regime kann dem Bruderland Südkorea noch drohen, seine Hauptstadt werde in einem Flammenmeer versinken. Aber hierzulande redet man in verquasten Andeutungen über diejenigen, die man hasst. Um die Stimmen der Fremdenhasser zu bekommen, sprach Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD so: Die Sinti und Roma, die ja "leider" in großer Zahl kämen, seien "nicht gut integrationsfähig".

Die Formulierung "nicht integrationsfähig" benutzt nicht nur er. Sein ehemaliger Parteikollege Heiner Hofsommer verwendet sie für die Muslime, Thilo Sarrazin für die Araber und Türken, die rechtsextreme Partei Pro München für die "Orientalen, Türken, Kurden, Araber und Afrikaner" und die NPD für die Einwanderer aus Anatolien.

Helmut Kohl gebrauchte den Begriff 1982 noch in aller Unbedarftheit, um über die in Deutschland lebenden Türken zu sprechen. In den letzten Jahren ist "nicht integrationsfähig" ein Code für Fremdenfeindlichkeit geworden. Um den Hass zu erkennen, den dieser Code zum Ausdruck bringt, muss man aber schon genau hinhören: Im Prinzip gibt es ja auch zahlreiche Deutsche und Nichteinwanderer, die sich nicht integrieren lassen, also die öffentliche Ordnung stören und das Gesetz brechen. In einem Strafprozess wird dann, so gut es geht, das Tatmotiv ermittelt: Hat der Kriminelle aus Notwehr gehandelt? Im Affekt? Oder aus Berechnung? Trieben ihn Eifersucht oder Habgier? Das Motiv ist wesentlich für ein Gerichtsurteil. Wenn man jemanden aber als "nicht integrationsfähig" beschreibt, behauptet man, dass solche Ermittlungen überflüssig seien. Der Beweggrund des Täters steht ja schon fest: Ein Roma begeht deshalb eine Straftat, weil er ein Roma ist.

Bernd Lucke und all die anderen stellen also ein wesentliches Prinzip des demokratischen Strafrechts infrage. Aber derart radikal und versponnen klingt es gar nicht, wenn man von "fehlender Integrationsfähigkeit" spricht. Es klingt im Gegenteil fast wie eine sachliche Auseinandersetzung – zumal man ein Fremdwort benutzt. Und sollte jemand die Unvoreingenommenheit desjenigen anzweifeln, der da spricht, kann dieser zur Not immer noch alles zurücknehmen und sagen: Jetzt seid mal nicht so empfindlich, so war das doch nicht gemeint! Ein beliebter Trick unter lang Verheirateten, um die eigene Aggressivität zu tarnen.

Hass lebt im Untergrund weiter

Hass wird heute tabuisiert, aber er verschwindet nicht. Er lebt im Untergrund weiter, unter falschem Namen, versteckt von denjenigen, die ihn empfinden. So gut ist die Verkleidung, dass wir Hass nicht einmal erkennen, wenn er direkt vor uns steht.

Der Sozialwissenschaftler und Aggressionsforscher Klaus Wahl hat empirische Studien zu rechtsextremen Tätern durchgeführt. Sie seien, bis sie sich ihren radikalen Vereinigungen anschließen, zum großen Teil schlicht Straffällige, schreibt Wahl in einer Untersuchung für die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Kriminalkarrieren beginnen schon früh mit Diebstahl und Körperverletzung. Viele Täter verhalten sich schon als Kinder aggressiv.

Wahl sagt, die Kriminellen wollten, indem sie rechtsradikal würden, ihrem zerstörerischen Verhalten einen höheren Sinn geben. Sie täten so, als sei es nicht das Chaos ihrer Empfindungen, das ihr Handeln bestimmt. Das Phänomen nennt der Wissenschaftler "Rationalisierung". Die Öffentlichkeit macht mit: Seit Monaten bezeichnen Rechtsradikale die aus den Balkanstaaten kommenden Roma, die laut Grundgesetz das Recht haben, hier Asyl zu beantragen, als "Asylbetrüger". Einen ersten kleinen Sieg erreichte die extreme Rechte, als das Nachrichtenmagazin Focus ihre Sprachregelung übernahm: Falsche Flüchtlinge stand auf dem Titel. Inzwischen haben zahllose Asylbewerberheime gebrannt. Trotzdem konnten die Rechten die Regierung überzeugen, dass nicht der verbreitete Rassismus ein dringendes Problem in Deutschland sei, sondern der "Flüchtlingsstrom" aus dem Balkan. "Der Bund arbeitet mit den Ländern in der Sommerpause unter Hochdruck an einem praktischen Konzept", sagt Kanzleramtsminister Peter Altmaier der Bild am Sonntag – und zwar genau an jenem Tag, an dem die internationale Gemeinschaft in Auschwitz-Birkenau der Tausenden Sinti und Roma gedenkt, die am 2. und 3. August 1944 in dem Konzentrationslager von den Deutschen ermordet wurden.

Vielleicht ist es so: Wenn man sich für so vernünftig und pragmatisch hält, wie die Deutschen es tun, wird man naiv im Umgang mit Gefühlen jeder Art. Man kommt nicht auf die Idee, dass Emotionen überhaupt noch eine Rolle spielen könnten, und erkennt Gefühlsäußerungen nicht mehr als solche.

Aber der Hass geht nicht weg, nur weil wir es uns wünschen. Im Gegenteil. In einem milden Klima gedeiht er besonders gut. Islamismus, Fremdenhass, Linksextremismus, Antisemitismus, auch der Hass auf Polizisten – das Erstarken dieser Ideen in den letzten Monaten hat uns überrascht. Wir dachten wirklich, wir seien von einem ganz anderen Schlag als all die anderen Menschen auf der Welt, die sich die Köpfe einschlagen. Wir seien weiter.

Tatsächlich geht es in der offiziellen Öffentlichkeit ja sehr friedlich zu. In der Politik und in den Medien sind die Stimmen derart gemäßigt, dass manche anfangen, sich zu langweilen. Keiner schnauzt den anderen mehr an, und falls doch, werden Entschuldigungen gefordert: Sigmar Gabriel soll sich bei der Journalistin Marietta Slomka entschuldigen, weil er im Interview unfreundlich wurde. Wolfgang Schäuble bei seinem Pressesprecher, weil er ihn öffentlich zurechtwies. Ein britischer Nobelpreisträger musste gerade seine Honorarprofessur abgeben, weil er bei einer Podiumsdiskussion einen vollkommen harmlosen Witz über Frauen gemacht hatte. Man isst keine Tiere, fährt Autos mit leise sirrenden Elektromotoren, und wenn man ein Mann ist, wirft man nur noch heimlich Blicke auf ein Dekolleté. Es stimmt schon, worüber sich so viele beklagen: Der Alltag verlangt heute viel Selbstkontrolle.

So eine Zeit gab es schon einmal. Im 19. Jahrhundert dichtete Georg Herwegh: "Brich du, o Hass, die Ketten! Wir haben lang genug geliebt und wollen endlich hassen!" Das war gegen Ende des Biedermeiers, einer Epoche, in der man jeden gesellschaftlichen Konflikt zu lösen versuchte, indem man ihn ignorierte. Es ging bekanntlich nicht gut aus: Eine Revolution und einige Kriege folgten.

Heute gelingt es den Islamisten fast mühelos, Jugendlichen im Westen den dschihadistischen Terror als Nonkonformismus zu verkaufen. Weil jedes laute Wort, jeder öffentliche Wutanfall für Empörung sorgt, können die Hassenden heute ganz leicht so tun, als wäre Hass allein schon eine kritische und damit fortschrittliche Haltung. Als läge im Hass immer eine Wahrheit. Egal, wen und was man aus welchen Gründen hasst: Man kann seinen Hass zum geeigneten Mittel erklären, die öden, komplizierten, festgefahrenen Diskussionen der Gegenwart zu beleben.

Paradoxerweise müssten wir den Hass also tolerieren, um zu vermeiden, dass er größer wird. Aber wie soll das gehen? Bekommt man nicht schon leichte Panik, wenn man feststellt, dass ein Themenschwerpunkt des Bayerischen Rundfunks zum Ramadan ausreicht, um bei den Zuschauern Proteste hervorzurufen?

Man kann dem Hass nicht die Liebe entgegensetzen, denn man kann nicht jeden Menschen lieben. Es ist ja schon schwer genug, die wenigen zu lieben, die man liebt. Wie also damit umgehen, wenn der Hassende das Gespräch an sich reißen will?

Einen Hinweis könnte eine Website geben, die sich mit der psychischen Störung der Hypochondrie beschäftigt. Dort wird erklärt, wie man mit jemandem lebt, der ständig von seinem Bedrohtheitsgefühl spricht, um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu erregen. Man solle seine Gefühle ernst nehmen, denn Gefühle seien immer wahr. Aber sie sagten mehr aus über denjenigen, der sie empfindet, als über die Wirklichkeit.

"Die Hoffnung, man könnte den Hypochonder beruhigen, ihm durch Argumente nachweisen, dass er wahrscheinlich nicht krank ist, wird die Gedanken des Hypochonders nicht stoppen." Lieber solle man seinem Gegenüber versichern, dass man keinen Anlass zur Sorge sehe, weitere Diskussionen solle man freundlich abwenden.

Hass gehört zum Menschen und wird nicht einfach verschwinden. Aber das heißt nicht, dass man sich seine Gespräche vom Hass bestimmen lassen muss.